Marcus Thuram wird gehen Das sind Borussias spezielle Mittelstürmer-Anforderungen

Mönchengladbach · Mittelstürmer Marcus Thuram wird im Sommer den Klub verlassen. Borussia braucht darum Ersatz für den Angriff. Die Frage ist: Welche Art Stürmer passt zu Gladbach? Wie viel Nummer Neun ist nötig, wie viel Neuneinhalb gesund?

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Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Es ist eine Geschichte aus der alten Gladbacher Zeit, die belegt, dass Mittelstürmer der klassischen Art und Borussia immer wieder Probleme hatten, zusammenzufinden. Klaus Fischer, einer der besten Tormacher der deutschen Fußball-Geschichte, stellte sich einst bei Borussia im Probetraining vor. „Er ist dann zweimal entgegengekommen, das war nichts für Günter Netzer“, berichtete Ur-Borusse Berti Vogts mal im Gespräch mit unserer Redaktion. Der „King vom Bökelberg“ senkte den Daumen, Fischer wurde nicht geholt. Netzer brauchte Stürmer mit Tiefgang für seine weiten Pässe aus der Tiefe des Raumes.

Gladbach hatte schon immer spezielle Ansprüche an die Mittelstürmer. Jupp Heynckes war ein herausragender Torjäger, aber auch kein typischer Mittelstürmer, der im Strafraum als Zielspieler und Vollstrecker wartete, er kam eher mit großem Torhunger von halblinks. Später war Heynckes‘ sportlicher Ziehsohn Uwe Rahn eine der ersten hängenden Spitzen in der Bundesliga, ein Mittelstürmer also, der aus dem Mittelfeld kam.

In der Neuzeit ist die „Neuneinhalb“, das Mischwesen aus Spielmacher und Torjäger bei Lucien Favre das vorherrschende Prinzip im Angriff: Marco Reus, später Raffael oder Max Kruse. Favres Nachfolger André Schubert formte gar eine dreifache Neuneinhalb mit Raffael, Stindl und Thorgan Hazard. Heute greifen Lars Stindl, Jonas Hofmann und Alassane Plea an, allesamt sind sie spielende Stürmer.

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Foto: Dirk PŠffgen/Dirk Paeffgen (dirk)

Aber wie viel Neuneinhalb ist gesund und wie viel klare Neun muss sein? Dass Gladbach weitgehend (mit)spielende Stürmer braucht, gehört zum Ansatz. Doch setzt selbst der Neuneinhalb-Apologet Pep Guardiola mit Erling Haaland bei Manchester City nun auf einen echten Mittelstürmer. Der, der aktuell als einziger nominell als solcher eingeloggt ist bei Borussia, ist ein Umschüler vom Flügel: Marcus Thuram, stark im Eins gegen Eins. Er hat in dieser Saison das Knipser-Gen für sich entdeckt, sein Tor gegen Bayern war gewissermaßen typisch für einen Neuner.

Beim 3:2 gegen die Bayern blieb Thuram zunächst draußen, weswegen „wir ohne echte Nummer 9 gespielt haben“, wie Trainer Daniel Farke sagte, der selbst früher Torjäger, aber eben eher eine hängende Spitze mit spielmacherischen Fähigkeiten war. Einen Eins-zu-Eins-Ersatz für Thuram gibt es nicht. Stindl, Hofmann, Plea, dazu der unnachgiebige Hannes Wolf – das war das Angriffsquartett gegen Bayern, Plea war offiziell der Mann für die zentrale Position, doch war viel Bewegung da, sodass es wechselnde Mittelstürmer gab. Später kam dann Thuram.

Doch wird der Franzose im Sommer gehen. Sein Vertrag läuft aus und er wird ihn nicht verlängern. „Bei Marcus haben wir uns gestreckt. Aber wir müssen akzeptieren, wenn es noch größere Klubs gibt, wohin Marcus vielleicht wechselt“, sagte Virkus zuletzt im „Sport1 Doppelpass“. Borussia braucht also einen neuen Stürmer. In der Wintertransferperiode wurde der Kroate Dion Beljo gehandelt, ein recht klassischer Vertreter der Torjägerzunft. Doch der landete letztlich beim FC Augsburg, wo er noch ohne Tor ist.

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Foto: AP/Martin Meissner

Gerüchte gab es auch wieder um Niclas Füllkrug, den derzeitigen Anführer der Bundesliga-Torschützenliste und WM-Fahrer von Werder Bremen. Füllkrug, der Werder im Sommer wohl verlassen wird trotz des bis 2025 datierten Vertrags, kam unter anderem in den Genuss der Katar-Reise, weil es in Deutschland (nicht nur bei Borussia) eine Unterdeckung an echten Strafraumstürmern gibt. In Gladbach war im Sommer 2022 auch der Norweger Alexander Sörloth im Gespräch. Ein Typ wie Füllkrug oder er wäre nach langer Zeit wieder eine typische Besetzung der Position.

Die passende Rückennummer dazu, die 9, ist seit 2017 nicht vergeben in Gladbach, das sagt viel. Josip Drmic trug sie, auch er war kein „Klassiker“ für den Strafraum, sondern eher der Typ Konterstürmer. Davor ging der Mittelstürmer-Versuch mit Luuk de Jong kostspielig daneben, immerhin war er, gleichauf mit Rechtsaußen Patrick Herrmann, Gladbachs letzter Torschützenkönig mit der Jobbezeichnung „Mittelstürmer“.

Laut „Bild“ könnte Borussia im Sommer zunächst auf eine interne Lösung setzen und nennt Alassane Plea als solche. Der kam 2018 im Zuge der Umstellung auf das 4-3-3, spielte dann aber mehr auf dem linken Flügel als im Zentrum. Im Schatten des erfahrenen Franzosen, der 2022 bis 2025 (plus Option) verlängert hatte, könnte sich ein neuer Perspektivspieler entwickeln, heißt es. „Unsere Vision ist es, auf einer Position einen erfahrenen Spieler zu haben und dahinter einen entwicklungsfähigen“, sagte Virkus zuletzt. Das würde zu der Variante passen.

Plea wäre für das Angriffszentrum allerdings eher eine Neuneinhalb-Variante. Nathan Ngoumou, der im Sommer die Planstelle von Breel Embolo besetzte, aber ein Flügelstürmer ist, durfte auch schon vorspielen als Zentralangreifer, er hat Speed und Tiefgang, ist aber kein „Vollstrecker“, wie Virkus ihn sucht. Gleiches gilt für Wolf, der früher bei RB Salzburg auch schon mal Mittelstürmer war. Doch ein Zielspieler für den Strafraum ist er sicher nicht, zudem ist er als Anläufer im vorderen Mittelfeld wichtiger. Einer, der gute Abschlussqualitäten hat und Mittelstürmer war in der Zeit des 4-3-3 unter Dieter Hecking, ist Stindl. Er ist aus der Riege der mittelstürmrigste Typ.

Marcus Thuram machte gegen die Bayern Mittelstürmer-Sachen: Er traf aus kurzer Distanz zum 3:1.

Marcus Thuram machte gegen die Bayern Mittelstürmer-Sachen: Er traf aus kurzer Distanz zum 3:1.

Foto: AP/Martin Meissner

Aber auch wenn es interne Optionen gibt für das Sturmzentrum: Dass Virkus in die Offensive investiert, ist sehr nötig. Bestenfalls kommen zwei neue Offensive, doch ist das eine Frage des Geldes. Etwas mehr Zielspieler-Typik würde dem Gladbacher Angriff guttun, keine Frage. Doch muss ein Stürmer eben auch zum Spiel der Borussen passen. Der Grieche Vangelis Pavlidis von AZ Alkmaar hätte beides: Er ist vor allem Mittelstümer, kann aber auch hängende Spitze sein – und trifft (zehn Tore in 14 Spielen). Letztlich ist das Label „Nummer 9“ nicht entscheidend, sondern der Torinstinkt und vor allem die Torquote. Wenn er ein Torjäger ist, passt ein Stürmer zu Gladbach. Dafür gibt es viele gute Beispiele in Borussias Geschichte.

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