Fußball: Ex-Gladbacher Marko Marin findet nach vielen Stationen in Belgrad sein Glück

Ex-Gladbacher : Marko Marin findet in Belgrad sein Glück

Roter Stern Belgrad ist die neunte Station im Profifußball-Leben des ehemaligen Borussia-Profis Marko Marin. Hier scheint er nach langer Suche endlich richtig angekommen zu sein.

Die spitze Nase hatte er schon immer. Aber inzwischen ist das ganze Gesicht ein bisschen kantiger geworden, weniger jungenhaft. Kein Wunder, denn der Junge ist inzwischen 30 Jahre alt und damit ein echter Herr im Fußball-Zirkus. Das beweisen auch die äußeren Ehrenzeichen. Inzwischen führt Marko Marin die Mannschaft von Roter Stern Belgrad als Kapitän aufs Feld. Und er ist auch ihre fußballerische Führungsfigur. Beim 2:2 im Qualifikations-Hinspiel der Champions League bei den Young Boys Bern bereitete er beide Tore der Serben vor. Wieder einmal.

Sein vielleicht bestes Spiel für Roter Stern, das einst die Champions League gewann, als die noch Europapokal der Landesmeister hieß, machte er vor knapp einem Jahr. Belgrad gewann in der Gruppenphase der Champions League mit 2:0 gegen den großen FC Liverpool. Vorbereiter beider Tore: Marin. Der sportliche Leiter Mitar Mrkela sagt über den Mittelfeldspieler: „Er ist jemand, der sehr schnell die Herzen aller Fans gewonnen hat. Ich kann frei sagen, dass Roter Stern lange Zeit keinen Spieler seiner Qualität hatte.“

Es hat lange gedauert, bis jemand wieder mal so etwas über Marin sagen konnte. Eigentlich so lange, dass es niemand mehr erwartet hat. Wahrscheinlich auch der Spieler nicht. Denn er hat die klassische Geschichte eines Abstiegs hinter sich, wie ihn so viele große Talente erlebt haben.

Es ist 2009, das Jahr, in dem Barack Obama Präsident der USA wird, als Marin seinen eigenen großen Traum wahr werden sieht. In der Barsinghäuser Sportschule trainiert der 20-Jährige mit der U-21-Nationalmannschaft für die EM in England. Er macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Stammplatz, schließlich hat er für Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga gespielt und bei Joachim Löw in der A-Mannschaft.

Doch bei der U-21-EM geht seine Rechnung noch nicht auf. Auf der Bank erlebt er, wie Manuel Neuer, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil Europameister werden. Fünf Jahre darauf gehören die genannten Kollegen zum Team, das in Rio Weltmeister wird. Von Marin spricht da längst niemand mehr.

Sein Talent als Dribbler und die branchentypisch verfrühten unpassenden Vergleiche mit dem unvergleichlichen Lionel Messi stellen ihn in ein Licht, dem er nicht gerecht werden kann, obwohl weder er noch seine Wegbegleiter das wahrhaben wollen. Borussia Mönchengladbachs Manager Max Eberl gehört zu den vielen Fachleuten, deren Vorhersage nicht eintreffen wird: „Marko wird ein Großer. Er hat diese Extraqualität.“

In einer starken Mannschaft von Werder Bremen scheint er das zu unterstreichen. Und er spielt so vielversprechend, so trickreich, so atemlos schön manchmal, dass sich der FC Chelsea in einer Art Wette auf eine blühende Zukunft die Dienste des deutschen Nationalspielers sichert. Rund sieben Millionen Euro lässt der Londoner Klub sich das kosten. Das ist schon 2012 nur ein Trinkgeld in diesem Milliarden-Geschäft.

Chelsea scheint die Wette zu verlieren. Es leiht Marin aus, er wird eine Art Wanderarbeiter mit Stationen in Sevilla, Florenz, Anderlecht, Trabzon und Piräus. Erst in der griechischen Hafenstadt erinnert Marins Spiel an das Versprechen, das seine Leistungen in Mönchengladbach und Bremen gegeben hatten. In Europas zweiter Klasse kommt der 1,68 Meter große Künstler wieder einigermaßen auf die Beine.

Aber er wechselt noch einmal. 2018 geht er, inzwischen ablösefrei, nach Belgrad, zum Klub seines Vaters. Das Internetportal „Deichstube“ erinnert an ein Foto, das den kleinen Marko Mitte der 1990er Jahre mit Dragoslav Stepanovic, dem Trainer der Frankfurter Eintracht, zeigt. Das Besondere an dem Bild ist Marins Trikot, es ist das von Roter Stern, und es ist viel zu groß. Deshalb klingt es glaubwürdig und nicht nach dem ewig bemühten Standard, als der Spieler beim Wechsel nach Belgrad erklärt: „Ich habe von Kindesbeinen davon geträumt.“

Mit seinen aus Serbien stammenden Eltern ist der in Bosnien geborene Knirps in den Wirren des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien 1991 nach Frankfurt geflohen. Seine ersten fußballerischen Schritte macht er bei der SG Hoechst, von dort geht es schnell zur Eintracht. Der Gladbacher Fohlenstall wirbt das Talent ab, aber damit hat die große Wanderung erst begonnen.

Roter Stern Belgrad ist die neunte Station im Profileben des 30-Jährigen. Das ist stattlich. Vielleicht ist es auch seine letzte. Das könnte sein, denn neben der kindlichen Liebe zum Klub, die ihn mit dem Trikot und Stepanovic posieren ließ, ist auch die durchschnittliche Verweildauer des Spielers Marin in jüngerer Vergangenheit deutlich gestiegen. Und Roter Stern braucht ihn. Zum Meistertitel in seiner ersten Saison trug er sieben Tore und 13 Vorlagen bei. Das sind Bilanzen wie in seiner erfolgreichen Zeit bei Gladbach und Bremen. Sie sind ein später Beweis dafür, dass seine 16 Länderspiele kein Zufall waren.

Marin ist wahrscheinlich trotzdem froh, dass niemand mehr vom deutschen Messi schreibt, wie das die englischen Zeitungen vor seinem Wechsel zum FC Chelsea machten. Es könnte sein, dass Herr Marin im frühen Herbst seiner Karriere doch noch mal das Glück gefunden hat.