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Europa Conference League für Borussia Mönchengladbach kein Trostpreis

Ein Plädoyer für den neuen Wettbewerb : Warum die Conference League für Borussia mehr als ein Trostpreis wäre

„Da können dann andere spielen“, sagte Union Berlins Max Kruse über die Europa Conference League. Unser Autor meint mit Blick auf Borussia: Sehr gerne! Nicht nur, weil Gladbach sich in Europa kein Rosinenpicken erlauben kann. Die Conference League könnte attraktiver werden als viele behaupten.

Dinamo Batumi, Suduva Marijampole, Paide Linnameeskond – wer durch die Liste der bereits feststehenden Teilnehmer an der ersten Europa Conference League scrollt, gerät schnell in Lästerstimmung oder bekommt Lust auf eine Runde Scrabble. Je nach Ausprägung des eigenen Fußball-Zynismus. Was hat die Uefa sich dabei gedacht? Wer braucht diese dritte Liga des Europapokals, wenn doch die Europa League samt Vorgänger-Wettbewerb schon als „Cup der Verlierer“ beschimpft wurde?

Borussia Mönchengladbach und ihre Verantwortlichen bekommen diese Frage immer öfter gestellt. Der Verein belegt aktuell in der Bundesliga den siebten Tabellenplatz, der – wenn alles seinen erwarteten Weg geht – das Ticket für die Premierensaison der ECL bedeutet. „Ich finde das ein bisschen despektierlich, wie darüber gesprochen wird, weil ich finde, dass du in Europa immer tolle Spiele und tolle Events hast, egal gegen wen und in welcher Stadt“, sagte Manager Max Eberl.

Abschätzig hatte sich Max Kruse („Da können dann andere spielen“) über die Conference League geäußert. Sein Klub, Union Berlin, duelliert sich gerade mit Borussia um die erste Teilnahme. „Jeder Wettbewerb in Europa ist für Mönchengladbach und – ich würde denken auch für Union, wenn sie ihn erreichen können – ein großartiger Erfolg“, schickte Eberl eine indirekte Botschaft an seinen Ex-Spieler.

„Europa ist Europa“ – das wäre wohl der passendste Spruch, falls Gladbach die Conference League klarmacht und das Erreichen des Minimalziels mit einem T-Shirt feiern will. Zweimal ging es seit 2012 direkt in die Champions League, einmal über die CL-Play-offs in die Europa League, einmal direkt in die Europa League und einmal über die Play-offs. Zum ersten Mal seit 1988 würde Borussia Platz sieben belegen, wenn sich an der Tabelle nichts mehr ändert. Angesichts der Komplikationen dieser Saison wäre die Europa Conference League mehr als ein dürftiger Trostpreis.

Das hängt nicht nur damit zusammen, dass Borussia noch lange nicht so weit ist, in Europa Rosinen picken zu können. Wer sich die Conference League genauer ansieht, merkt, dass sie nicht nur plump unter die Europa League gebaut wird, sondern Reize des alten Wettbewerbs mit welchen des neuen verbindet, die der alte schon länger nicht mehr zu bieten hat.

Borussia wird nicht reich werden in der Conference League. 15,25 Millionen Euro Startprämie gibt es in der Königsklasse, 2,92 Millionen in der Europa League – man kann sich ausmalen, dass in der Conference League bestenfalls die Reisekosten gedeckt werden. Vier Heimspiele hätte Gladbach auf jeden Fall, denn los ginge es Ende August in den Play-offs. Selbst wenn die Stadien erst nach und nach wieder gefüllt werden dürfen und sich bei den Fans Zurückhaltung und Sehnsucht die Waage halten, winken wichtige Zuschauereinnahmen. Punktprämien, Prämien fürs Weiterkommen und der Verteilschlüssel der Fernsehgelder sind noch nicht kommuniziert. Nicht vergessen werden sollten Punkte für die Klub-Rangliste und TV-Präsenz für Sponsoren. Es wird sich schon lohnen.

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Eine Hoffnung, die oft als Pro-Argument angeführt wird, muss allerdings ein wenig gedämpft werden: Als großer Favorit auf den Titel würde Borussia nicht in die Conference League starten. Gehen wir davon aus, dass in anderen Ländern ebenfalls große Pokal-Überraschungen ausbleiben, wären derzeit aus England der FC Liverpool oder Tottenham Hotspur dabei, aus Spanien der FC Villarreal, aus Italien die AS Rom (beide stehen im Europa-League-Halbfinale).

Zudem könnten am Ende der FC Basel, ZSKA Moskau, Viktoria Pilsen oder der FC Kopenhagen dafür sorgen, dass Borussia nicht einmal im ersten Lostopf landet. Die Zahl der Gruppenphasen-Teilnehmer aller Wettbewerbe erhöht sich schließlich nur von 80 auf 96, die Europa League wird von 48 auf 32 Teams verkleinert, hinzu kommt die Conference League mit 32.

Heißt unterm Strich: Hochkaräter sind auch im vermeintlichen drittklassigen Wettbewerb möglich, und für die Romantiker erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass aus Topf vier ein Gegner zugelost wird, der in der Europa League bislang durchs Raster gefallen ist. Vor 25 Jahren spielte Borussia zum letzten Mal im Europapokal der Pokalsieger, der 1999 eingestellt wurde. Sileks Kratovo aus Mazedonien, AEK Athen und Feyenoord Rotterdam hießen damals die Gegner – so in etwa könnte eine Conference-League-Gruppe aussehen. Schwankungen in Sachen Attraktivität gab es schon in der Europa League.

Mit Dinamo Batumi, Suduva Marijampole oder Paide Linnameeskond – den Vizemeistern aus Georgien, Litauen und Estland – wird es Gladbach sehr wahrscheinlich auch im neuen Wettbewerb nicht zu tun bekommen. Denn der Weg von der ersten Qualirunde in die Play-offs ist weit. Über den Zwischenschritt Europa-League-Quali können sogar Meister in die Conference League absteigen. Ab der Zwischenrunde sind dann die Drittplatzierten aus der Europa League dabei (über diesen Rettungsschirm hätte sich Gladbach 2019 gefreut).

Richtig kritisch müssten eher diejenigen sein, für die eigentlich die Conference League geschaffen wurde. Zahlreiche Pokalsieger haben künftig gar keine Chance mehr auf die Europa League, selbst aus Ländern wie der Schweiz kann es nur noch der Meister schaffen. Deshalb täte einem Max Kruse aus deutscher Perspektive mehr Demut gut. Die Conference League hat, zumindest aus Borussia-Sicht, das Zeug zum Für-jeden-was-dabei-Pokal.