Borussia Mönchengladbach: Ein Fan aus Dortmund und Choreos am laufenden Band

Borussia Mönchengladbach : Ein Fan aus Dortmund und Choreos am laufenden Band

Es hatte kurzzeitig den Anschein, Borussia Mönchengladbach habe BVB-Trainer Jürgen Klopp als PR-Berater eingestellt. Der redete den VfL mächtig stark, verlor prompt zweimal und landete dennoch deutlich vor den Gladbachern. Eine "Zehn vom Niederrhein" über Fans und Interims-Fans.

1.) Geradegerückt Borussias Dortmunds Trainer Jürgen Klopp musste sich den Vorwurf des ganz großen Understatements gefallen lassen. "Hoppla", habe er gedacht, als er vor dem Telekom-Cup im vergangenen Juli die Gladbacher beim Warmmachen begutachtete, "das ist ja noch mal eine Bundesligamannschaft." Spieler wie Thorben Marx und Lukas Rupp verblüfften ihn damals. Anderen Namen sorgten tatsächlich dafür, dass die Borussia vom Niederrhein vor der Borussia aus dem Ruhrgebiet überwinterte — von wegen Understatement. Doch zum Ende der Saison sah die Tabelle wie erwartet aus.

2.) Imageberater Anfang Oktober war Klopp schon wieder als Gladbach-Testimonial unterwegs. Die Journalisten auf der Pressekonferenz vor dem Gastspiel im Borussia-Park zeigten wenig Interesse am VfL. "Das ist das speziellste Fußballspiel der ganzen Saison, und Ihr habt keine Fragen dazu", schnaubte Klopp, stand auf und verschwand durch eine Tür. "Speziell" wurde es am Tag darauf wirklich. Dortmund schoss in der ersten Halbzeit allein 17-mal aufs Tor, Gladbach nur einmal. Trotzdem gewann die schwarz-weiß-grüne Borussia gegen die schwarz-gelbe 2:0. Mit diesen Spielverlauf habe er selbst nicht gerechnet, gab Klopp nach dem Spiel zu.

3.) Underdog Bayern Lucien Favre ist womöglich unerreicht darin, selbst Eintracht Braunschweig in den Tagen vor dem Spiel die Favoritenrolle zuzuschieben. Doch auch Bayern-Trainer Pep Guardiola beteuerte eifrig, dass es für seine Mannschaft in den vergangenen 25 Jahren selten etwas zu holen gegeben habe in Gladbach. "Nur drei Siege in 23 Spielen", teilte der Spanier sein Fussballdaten.de-Wissen. Trotzdem nutzte er Jupp Heynckes' Vorlage und sorgte dafür, dass die Bayern erstmals seit 47 Jahren zwei Spiele hintereinander in Gladbach gewannen.

4.) 20.000 mehr in zehn Jahren Von Interims-Fans der Borussia zu den echten Fans: 52.234 Zuschauer im Schnitt sorgten für einen neuen Vereinsrekord. In der letzten Bökelberg-Saison waren es nicht einmal 31.000 gewesen, vor 15 Jahren nur gut 25.000. Ein Hexenkessel war der Borussia-Park trotz Fan-Ansturm nur selten, aber mit 36 Punkten aus 17 Spielen zumindest ein Erfolgsgarant.

5.) 67 Euro für ein 2:4 64,50 Euro kostete die teuerste Einzelkarte der Saison gegen Bayern München, bedingt durch 20 Euro "Topzuschlag". Beim Gastspiel in Leverkusen sollten Borussias Fans bis zu 67 Euro zahlen, weigerten sich jedoch zu einem Großteil. Zu jener Zeit sorgte der Polizeieinsatz auf Schalke in den Champions-League-Play-offs gegen PAOK Saloniki für Unmut in den Fankurven. Die Gladbacher Ultras brachten in Leverkusen beide Themen kreativ und zynisch zusammen. Auf einem Banner stand: "Preise senken oder wir holen die Polizei GE!"

6.) B - MG 1900 Borussias Fans haben in der abgelaufenen Saison zehn mehr oder minder große Choreos initiiert — die Ultras, das Fanprojekt oder die Berliner Fanklubs beim Auswärtsspiel in der Hauptstadt. "Liebe kennt keine Entfernung", stand auf einem riesigen Banner im Olympiastadion, darunter ein Autokennzeichen mit der eindeutigen Aufschrift "B - MG 1900". Das Motto untermauerten 10.000 mitgereiste Fans. Das letzte Heimspiel vor der Winterpause gegen Wolfsburg musste die Nordkurve dann beinahe im Blindflug begehen. Riesige Luftschlangen hatten sich im Netz verfangen und verdeckten die Sicht. Mit viel Reißen und Rütteln löste sich das Problem. Anschließend sah die Hälfte des Rasens lediglich aus wie der Boden nach einer rauschenden Feier im heimischen Partykeller.

7.) "Ploppen" statt Klatschen Anfang November in Hamburg startete die Borussia zum ersten Mal seit mehr als anderthalb Jahren eine kleine Serie — die am Ende in einen ziemlichen Lauf mündete. Neben dem Auswärtssieg gab es Lucien Favres 56. Geburtstag zu feiern. Der Trainer ließ sich nach dem Abpfiff in Richtung Gästeblock zitieren. Für das lautstarke "Happy Birthday" bedankte er sich mit seiner unnachahmlichen Klatschtechnik. Würde jeder Bundesliga-Fan derart in die Hände klatschen, wäre die Atmosphäre völlig im Eimer.

8.) Brennpunkt Die Diskussion um Pyrotechnik sollte auf jeden Fall eine Frage beinhalten, die sich um diejenigen dreht, die das Zeug letztendlich zünden wollen: Wie unwichtig kann einem der Stadionbesuch sein, dass man solch ein Risiko eingeht, in nächster Zeit vielleicht gar kein Stadion mehr zu besuchen? Anlass, diese Frage zu stellen, bot bei der Borussia lediglich das Auswärtsspiel in Stuttgart.

9.) Eberls Seele brennt Gänsehaut-Momente lassen sich ohnehin viel besser akustisch herbeizaubern. Das merkte auch Max Eberl, als er vor dem Heimspiel gegen Bayern München ein Sky-Interview vor der Nordkurve gab. Der Borussia-Park sang gerade "Die Seele brennt". Dem Sportdirektor kam die Gänsehaut ganz gelegen. So konnte er den emotional Entrückten geben, anstatt Personalgerüchte um Borussias neuen Torhüter zu kommentieren.

10.) "Uffta" Der VfL Wolfsburg hatte das "Endspiel um Platz fünf" souverän gemeistert. Nur mit dem Feiern wollte es anschließend nicht so klappen. Die Wölfe-Spieler hatten sich hingesetzt, die Heimkurve schwieg in Erwartung der "Uffta" — im Rheinland nennt man das "Humba". Auf der anderen Seite des Stadions nutzten die ebenfalls feiernden Gladbach-Fans die Stille, um ein lautstarkes "Ein Europa kennt euch keine Sau" quer durch die Arena zu schicken. "Das war gar nix", fällte Wolfsburgs Vorsänger ein vernichtendes Urteil über seine Mitstreiter — zu hören nach exakt fünf Minuten in einem Video, in dem ein Fan hat die Feierlichkeiten festgehalten hat.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bundesliga 13/14: Borussia-Fans zeigen tolle Choreografie

(areh)
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