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Dazn-Experte Ralph Gunesch über Borussia Mönchengladbach in der Champions League

Dazn-Experte Gunesch : „Gladbach muss sich weder vor Real noch vor Inter verstecken“

Ralph Gunesch sieht keine klaren Kräfteverhältnisse in Borussias Champions-League-Gruppe B. Der Dazn-Experte meint: „Ich glaube nicht, dass man in Mailand und Madrid sagt: Geil, es geht nach Gladbach, das sind sichere Punkte.“

Wenn Borussia am Mittwoch (21 Uhr) bei Inter Mailand in die Champions League startet, sitzt Ralph Gunesch am Dazn-Mikro. Der 37-Jährige spielte einst mit Gladbach-Coach Marco Rose in Mainz, später für den FC St. Pauli. Als Experte verfolgt Gunesch nicht nur die Bundesliga, sondern auch die europäischen Topligen genau. Im Interview spricht er über Borussias Aussichten in Gruppe B, Romelu Lukakus Wucht und seine Bewunderung für Inter-Trainer Antonio Conte.

Herr Gunesch, Dazn ist mit fünf Champions-League-Übertragungen in den kommenden Wochen so etwas wie der Gladbacher Haussender. Wie sehr freuen Sie sich auf Borussias Spiele?

Gunesch Ich durfte die Auslosung begleiten. Mir ging es ein wenig wie den Verantwortlichen bei Borussia: Erst einmal freust du dich über die Namen der Gegner an sich, gegen Inter und Real gab es ja schon große Spiele in der Vergangenheit. Dann kam allerdings auch eine leichte sportliche Ernüchterung angesichts der Größe der Aufgaben. Aber Gladbach muss sich nicht kleiner machen, als es ist. Ich glaube nicht, dass man in Mailand und Madrid sagt: ‚Geil, es geht nach Gladbach, das sind sichere Punkte.‘ Insofern bin ich froh, dass wir so viele Spiele der Borussia begleiten. Und da ich mit Marco Rose noch zusammengespielt habe in Mainz, bin ich persönlich sehr gespannt, wie er das gegen diese Namen hinkriegt.

Real Madrid ist zweifellos einer der größten Vereine der Welt, aktueller spanischer Meister. Inter Mailand will Weg zurück zu altem Glanz. Ist das schon wieder das oberste Regal in Europa, wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse in der Gruppe ein?

Gunesch Ich würde alle Borussia-Fans bitten, sich nicht zu sehr von Reals Namen blenden zu lassen. Inter sehe ich fast noch einen Tick stärker momentan. Am Wochenende durfte ich Reals Niederlage gegen Cádiz als Co-Kommentator begleiten. Da hapert es noch an ganz vielen Stellen, sie haben ja auch 0:1 verloren. Die Qualität in der Offensive ist ungebrochen, aber als Mannschaft sind sie noch nicht da, wo es der Erfolg der letzten Saison – zumindest national – vermuten lässt. Gladbach muss sich weder vor Real noch vor Inter verstecken. Aber wir sollten auch über Schachtar Donezk reden: Die sind unglaublich unangenehm. Es wird keine Selbstverständlichkeit, da die Basispunkte zu holen, um gegen die anderen beiden Überraschungspunkte für ein mögliches Weiterkommen zu sammeln.

Sie gehen also nicht davon aus, dass am Ende klare Verhältnisse herrschen werden?

Gunesch Einen klaren Favoriten sehe ich tatsächlich nicht.

Inter empfängt Gladbach nach einer Derby-Niederlage gegen Milan. Wie sind die Nerazzurri reingekommen in die Saison? Anfangs gab es sehr torreiche Spiele, unter anderem ein 4:3 gegen Florenz, nun aber zwei sieglose Spiele in Folge.

Gunesch Die Ergebnisse sprechen für sich. Auf der einen Seite ist die Offensive das absolute Prunkstück mit Romelu Lukaku, Lautaro Martínez und Christian Eriksen. Dann gibt es auch noch Ivan Perisic, den man aus der Bundesliga gut kennt. Aber sie fressen sehr viele Gegentore. Das 1:1 bei Lazio Rom war noch okay, nun gab es aber zwei gegen Milan. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Marco groß von seiner Spielphilosophie abweicht und zu mauern anfängt, weil es gegen einen großen Namen geht. Defensiv ist Inter verwundbar.

Hinten muss derzeit Aleksandar Kolarov verteidigen, mit 34 Jahren mittlerweile vollständig ergraut. Der Serbe wirkt ein wenig sinnbildlich für Inters Abwehrprobleme. Milan Skriniar fällt wegen seiner Corona-Infektion vermutlich auch aus.

Gunesch Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gladbach einen Tempovorteil gegenüber Inters Defensive hat. Da gibt es beim Anlaufen einige Möglichkeiten. Kolarov und d’Ambrosio sind schon druckresistent, aber allein aufgrund deiner Geschwindigkeit musst du das so spielen. Aber: Auf der anderen Seite haben sie Lukaku, Martínez und auch Achraf Hakimi, der bei der anderen Borussia gezeigt hat, was er draufhat. Das ist schon ordentlich. Aber das Gleichgewicht hinten passt nicht so ganz.

Würden Sie Inter eine Dreierkette entgegensetzen? Denis Zakaria fehlt zwar als prädestinierter Mittelmann, Rose hat aber in Dortmund mit Ramy Bensebaini, Nico Elvedi und Matthias Ginter schon so spielen lassen gegen einen Top-Gegner.

Gunesch Martínez bewegt sich oft um Lukaku herum, aber nehmen wir nur mal Lukaku: Wenn du gegen den ins Eins-gegen-eins musst, hast du verloren. Es gibt keinen Innenverteidiger auf der Welt, der das freiwillig macht. Mit einer Dreierkette kannst du immer doppeln. Die Außen – Hakimi und Perisic – musst du aber auch zumachen. Deshalb halte ich eine Dreierkette bei dieser personellen Besetzung zumindest für möglich.

Lukaku befindet sich in einer wahnsinnigen Form, im Derby gegen Milan hat er Inters einziges Tor gemacht.

Gunesch Das ist mit das schwerste, was du als Innenverteidiger momentan vorgesetzt bekommen kannst. Deswegen sage ich: Das darfst du nicht alleine lösen. Ich gehe fest davon aus, dass die sportlichen Verantwortlichen bei der Borussia das wissen und ihre Spieler darauf einstellen.

Eine Dreier- oder Fünferkette limitiert vorne die Möglichkeiten. Marcus Thuram, Lars Stindl, Marcus Thuram oder Breel Embolo werden sicher nicht gemeinsam beginnen. Da stellt sich wohl die Frage: Stindl oder Embolo? Wen halten Sie gegen Inter für passender?

Gunesch Für beide gibt es gute Argumente. Wenn du auf die Balance achten willst, die ich gerade angesprochen habe, wirst du wahrscheinlich mit zwei Sechsern ins Spiel gehen. Marcelo Brozovic und Arturo Vidal sind zwei echte Arbeitstiere im Mittelfeld, insofern brauchst du entsprechendes Personal und nach vorne wird es eng. Für Stindl sprechen seine Erfahrung und seine Führungsqualitäten in Verbindung mit seiner Übersicht. Das kann Gladbach schon einen Vorteil geben, weil Inter genau das auch hat. Die Wucht und das Tempo von Embolo wären aber auch ein großes Faustpfand. Da wird es auf die Herangehensweise von Marco Rose ankommen. Beide halte ich für legitim. Es entscheiden Nuancen, die Tagesform, vielleicht auch Eindrücke aus Vier-Augen-Gespräche. Ein Trainer hat da das beste Gefühl, ich würde ihm da keine Ratschläge geben wollen.

Wie sollte Gladbach in diese Gruppe gehen? Es ist nicht mehr die erste Champions-League-Teilnahme, deshalb sollte mehr als Staunen und Genießen angesagt sein.

Gunesch Das Ganze nur als Groundhopping zu sehen, passt nicht zu Gladbach 2020 und nicht zu Marco Rose. Er hat mit Salzburg international, auch wenn er in der Champions-League-Quali immer wieder gescheitert ist, in der Europa League gezeigt, was seine Mannschaften leisten können. Die letzte Saison war insgesamt durchwachsen, hatte aber auch Highlights, ich erinnere nur an die Spiele gegen Rom. Die Gruppe ist schwer, keine Frage. Aber Gladbach ist für mich nicht chancenlos, weiterzukommen. Dafür muss alles funktionieren, weil die Qualität der anderen Mannschaften so groß ist. Man darf nicht kopflos spielen, das heißt: Nicht blind nach vorne.

Wie haben Sie Borussia bislang in der Bundesliga gesehen? Die Mannschaft hat schon zweimal nach einer Führung nicht gewonnen, die beiden Neuen sind noch nicht richtig angekommen. Dabei schienen die Voraussetzungen für den Start sehr gut zu sein.

Gunesch Gladbach kommt von einem richtig hohen Niveau. Von der Geschwindigkeit her, mit der man das geschafft hat, war das für mich fast schon überraschend. Ich erinnere mich an den Beginn der letzten Saison, als es hieß, dass man Zeit braucht, bis die Spieler Marco Roses Philosophie verinnerlichen. Dann ging alles doch sehr schnell. Wenn die Verantwortlichen jetzt das Warum kennen würden, weshalb es noch nicht so läuft, würden sie das abstellen. Gladbach ist denkbar schlecht gestartet mit dem 0:3 in Dortmund, Verletztenproblematik hin oder her. Letztendlich steht das Ergebnis, finde ich. Das ist entscheidend für die Verfassung und die Laune. Es gibt keinen besseren Selbstbewusstseins-Multiplikator als Siege. Gegen Wolfsburg war es ein graues 1:1, das klingt hart, aber das Spiel bringt einen in den Erkenntnissen kaum weiter. Vielleicht ist es ein Vorteil, dass die Champions League beginnt. Anderer Wettbewerb, ein großer Name – das kann viel freisetzen. Jetzt beginnt die Belohnung für die starke letzte Bundesliga-Saison.

So wie Sie über das Gleichgewicht beider Mannschaften zwischen Offensive und Defensive gesprochen haben, klang es, als sollten wir eher mit einem 3:2 oder 3:3 als einem 1:0 oder 1:1 rechnen.

Gunesch Ich rechne nicht mit einem langweiligen Spiel ohne Torszenen, weil beide Offensivabteilungen so stark besetzt sind. „Stark“ kann man in dem Fall wortwörtlich nehmen. Beide sind sehr wuchtig und beide Philosophien sind auf Offensivfußball ausgelegt. Ich persönlich bin auch ein großer Fan von Antonio Conte, der hat mir bei Chelsea schon sehr gut gefallen.

Conte ist sehr ambitioniert, über die Vizemeisterschaft war er nicht sehr glücklich, er wird für seine Motivationsfähigkeiten gelobt. Ist er der Faktor für Inter, um zurückzukehren zu altem Glanz? 2010 gewann man zuletzt die Champions League unter José Mourinho.

Gunesch Auf jeden Fall, mit Conte und den dann folgenden Transfers hat Inter sehr viel richtig gemacht. Neben dem Motivationsfaktor ist Conte auch taktisch sehr intelligent. Ich erinnere mich an seine Chelsea-Zeit, als er nach einem 0:3 gegen Arsenal auf Dreierkette umgestellt hat und es danach 13 Siege in Folge gab. Das war richtig, richtig gut. Er hat bei Inter sehr viel Variabilität installiert. Nehmen wir Lukaku: Der stellt vorne nicht nur seinen Körper rein und wartet auf Bälle, sondern kommt viel entgegen und lässt klatschen, sodass Martínez dahinter reinstoßen kann. Da ist Flexibilität in Gladbachs Defensive gefragt, weil Inter mehrere Angriffsmuster hat. Das hat Conte etabliert. Inter hat berechtigte Ansprüche auf den Meistertitel.

Conte-Fan und alter Rose-Mitspieler – dieses Trainerduell am Mittwoch zu beobachten, dürfte für Sie etwas Besonderes sein.

Gunesch Ich finde das tatsächlich sehr spannend. All die Punkte, die ich angesprochen habe, gehören ja auch zu Marcos Stärken. Mit René Maric hat er zudem einen echten Taktikexperten an seiner Seite.

Sie haben in Mainz mit Marco Rose zusammengespielt. Da muss eine klischeehafte Frage kommen: Was von dem, das er heute verkörpert, haben Sie damals schon gesehen?

Gunesch Ich war ein ganz junger Spieler, Marco gehörte zu den erfahrenen Führungsspielern. Für mich war er eine Bezugsperson, weil er sehr auf die Mannschaft geachtet hat. Ich würde ihn da gerne mit Dimo Wache und Christof Babatz hervorheben. Sie haben immer geschaut, wie das Gefühl im Team ist. Es überrascht mich nicht, dass Marco diesen Weg eingeschlagen hat.

Erkennen Sie den Marco Rose von damals in seinen Auftritten heute wieder?

Gunesch Da hat sich nicht viel verändert. Nur weil er Trainer geworden ist, hat er keine komplett andere Art eingeschlagen. Ich denke, deshalb kommt er auch bei den Spielern so gut an.