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Christoph Kramer: Was Marco Rose bei Borussia Mönchengladbach hinterlässt

„Vorher konnten wir das nicht“ : Kramer erklärt den Effekt der Rose-Jahre bei Borussia

Christoph Kramer spricht im Interview über die Gründe für die verspielten Punkte und sagt, was er der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft zutraut. Dazu erklärt Borussias Sechser, was Marco Rose dem Verein in zwei Jahren gegeben hat.

Herr Kramer, gegen Frankfurt gab es eine Top-Leistung, beim 2:3 bei 1899 Hoffenheim ging gar nichts bei Borussia. Erklären Sie das. Ist das ein roter Faden dieser Saison?

Kramer Man kann einen roten Faden der fehlenden Konstanz ausmachen – aber bei allen Mannschaften. Fakt ist: Wir haben es in Sinsheim nicht geschafft, den Dreieraufbau der Hoffenheimer richtig anzulaufen. Wir standen zu weit auseinander und wurden immer weiter tief und eng in die eigene Hälfte gedrängt, sodass auf den Flügeln viel Platz für Hoffenheim entstanden ist. Wir haben tief verteidigt, aber das auch nicht gut. Aber der Knackpunkt ist, dass man einer spielstarken Mannschaft wie Hoffenheim nicht den Ball geben darf, sondern selbst aktiv sein muss. Wir haben nur lange Bälle geschlagen, nur auf den zweiten Ball gespielt und das nicht gut. Darum hatten wir nie Klarheit und Dominanz im Spiel und sind permanent der Musik hinterhergelaufen.

Trotzdem gab es die 2:0-Führung und zuvor die Serie. Da hätte man mehr mentale Stärke erwarten können.

Kramer Das hat mit dem mentalen Aspekt nichts zu tun. Das ist mir zu einfach. Wir hätten von Minute eins an vernünftigen Fußball spielen müssen. Es war ein ganz schlechtes Spiel, das mich maßlos ärgert.

Sportdirektor Max Eberl sagte, es sei die Phase, in der Schwächen nicht erlaubt sind. War das 2:3 die entscheidende Schwäche im Rennen um Platz sechs?

Kramer Wir hatten genügend Möglichkeiten in dieser Saison, viele Punkte mehr einzusammeln und haben es nicht geschafft.

26 Punkte wurden nach Führungen verspielt. Woran liegt das?

Kramer Das Problem ist: Wir neigen nach Führungen häufig zur Passivität. Wir spielen oft bis zu Führungen guten Fußball, setzen dann aber auf das Prinzip Hoffnung: tief stehen und auf Konter spielen. Der Gegner läuft uns dann deutlich früher an und wir müssten dadurch eigentlich ein höheres Risiko gehen. Zu häufig gehen wir dieses Risiko aber nicht ein, schenken dadurch viel Ballbesitz weg und spielen viele länge Bälle. Manchmal geht es gut, manchmal nicht.

Zu passiv mit einem Trainer, der das aktive Spiel proklamiert. Das passt nicht.

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Kramer Was mir, wie gesagt, auffällt, ist, dass wir speziell nach Führungen weniger riskieren, unseren Spielstil teilweise ein bisschen aufgeben, nicht mehr versuchen hinten raus zu spielen und häufiger die Bälle nach vorne schlagen. Und wir sind keine Mannschaft, die gut bei zweiten Bällen ist.

Da war Borussia schon weiter.

Kramer Ich sage es mal so: In der vergangenen Saison haben unsere Gegner oft gegen uns die Fehler gemacht, die wir jetzt machen. Das kann man positiv wie negativ sehen.

Es stehen die letzten Spiele der Ära Marco Rose an. Was wird bleiben?

Kramer Erst einmal finde ich, dass Marco Rose ein sehr guter und angenehmer Typ ist, ich mag seine klare Art, seine Ansprache, deswegen finde ich, dass er ein echt guter Trainer ist. Und ich glaube, dass der Verein durch ihn mittlerweile vielleicht ein bisschen größer denkt – ob das ein positiver oder eher negativer Aspekt ist, dazu habe ich mir noch keine abschließende Meinung gebildet. Inhaltlich ist die beste neue Facette, dass wir hoch anlaufen können. Die ganzen Jahre vorher konnten wir das nicht.

Adi Hütter wird der neue Trainer. Haben Sie Vorfreude?

Kramer Ehrlich gesagt freue ich mich erst einmal auf die Pause. Es ist schon etwas zäh mit den Geisterspielen. Klar, wir ziehen das maximal professionell durch. Aber vom Gefühl wird es nicht besser, man merkt das ja überall in der Gesellschaft, dass die Menschen so langsam innerlich etwas unruhig werden. Deswegen freue ich mich auf ein bisschen Abstand von einer Saison mit vielen Aufs und Abs. Was Adi Hütter angeht, können wir Max Eberl voll vertrauen, dass er einen Trainer ausgesucht hat, der gut für Borussia ist.

Wird das Team dem neuen Trainer eine Europa-Saison bescheren?

Kramer Das wollen wir alle, und wir werden alles dafür tun. Und wir haben eine Kaderstruktur, die auch dafür gemacht ist, in drei Wettbewerben anzutreten.

Der eine oder andere Kollege scheint auf dem Absprung zu sein. Haben Sie als erfahrener Spieler da mal nachgehorcht, was zu erwarten ist? Zum Beispiel bei Ihrem Kumpel Florian Neuhaus?

Kramer In der Kabine ist das generell kein Thema, aber klar, mit Flo spreche ich ab und zu. Aber das bleibt unter uns. Generell habe ich das Gefühl, dass sich im Sommer der Markt nicht so spektakulär bewegen wird, wie viele vermuten.

Mehr als Transfergerüchte kochte zuletzt das Thema Super League hoch. Was sagt die Geschichte über den Fußball generell aus?

Kramer Man muss ehrlich sagen: Wo viel Geld ist, ist auch vieles, das man nicht verstehen kann. Das ist im Fußball nicht neu. Dass Vereine immer mehr zu Wirtschaftsunternehmen werden, ist ein Trend, den die Klubs mitgehen müssen. Du hast Werte, die du vertreten kannst und musst, aber wenn alle um dich herum aufrüsten, musst du es mitmachen, sonst bist du irgendwann vielleicht nicht mehr wettbewerbsfähig. Es wird nicht den großen Knall geben, dafür ist der Fußball ein zu geiler Sport, aber ich verstehe jeden, der sich über manche Teile dieses Geschäfts aufregt.

Es ist kein Platz mehr für Romantik?

Kramer Leider nicht. Aber der Fußball bleibt für mich immer liebenswert. Denn seine Essenz wird bleiben. Ich blende manche Themen einfach aus, weil sie mich nicht interessieren: beispielsweise die Debatten um die Super League, in Bezug auf die Conference League bin ich zum Beispiel geteilter Meinung.

Aber die Meinung Ihres Kumpels Max Kruse über die Conference League, über die er sagt, er habe keinen Bock darauf, teilen Sie nicht?

Kramer Es ist ein Wettbewerb mit Pflichtspielen und das hat dann wieder seinen Reiz. Man fährt zum Beispiel nach Göteborg und fordert dort den Gegner heraus.

Für den nächste Saison Oscar Wendt spielt, der Borussia nach zehn Jahren verlässt. Finden Sie das schade?

Kramer Ja, total. Ich habe sieben, acht Jahre mit Oscar zusammengespielt, da entwickelt sich dann schon eine Freundschaft durch all die Sachen, die man gemeinsam erlebt, die Geschichten, die man miteinander teilt. Oscar wird in der Kabine fehlen. Er ist ein Typ, und Typen tun einem Team gut. Es ist traurig, dass wir Oscar verlieren.

Mit 35 ist er der Älteste im Kader, Sie sind mit 30 inzwischen nach vorn gerückt.

Kramer (grinst) Ich spüre das Alter so sehr, mit jeder Faser meines Körpers und in Bezug auf die Regenerationszeit, das hätte ich nie gedacht.

Für das zentrale Mittelfeld kommt ein neuer junger Spieler, Kouadio Koné. Nehmen Sie als Routinier ihn an die Hand?

Kramer Ja, natürlich. Gerade ist es ja bei Rocco Reitz der Fall, auch wenn er aktuell nicht so viel spielt. Man steht mit Rat und Tat zur Seite. Allerdings sind die Jungs so gut ausgebildet, dass sie schon wissen, wie der Hase läuft.

Es wird aber viel diskutiert, ob es gut ist, dass alle immer aus den Nachwuchsleistungszentren der Klubs kommen. Wie sehen Sie das?

Kramer Die Spieler sind heute deutlich besser ausgebildet als früher. Sie sind sehr früh schon wirklich besser als es vorherige Generationen zum gleichen Zeitpunkt waren. Und wenn man denkt, dass es in England, Spanien oder Frankreich noch echte Straßenfußballer gibt und diese Nationen dadurch im Vorteil sind, liegt man da, glaube ich, falsch. Die Jungs kommen auch aus den Internaten der Klubs. Es ist einfach so, dass man manchmal eine goldene Generation hat und manchmal nicht. Da mache ich mir gar nicht so große Sorgen um unseren Fußball. Allein wenn ich unsere U21 sehe: Wer da bei der EM-Gruppenphase gar nicht dabei war, obwohl er noch in der U21 spielen könnte – wir haben viele richtig gute Kicker. Auch wenn ich mir den Kader der Nationalmannschaft angucke: Ich bin mir sicher, dass wir in der K.o.-Runde bis ins Halbfinale kommen und ein gewichtiges Wörtchen mitreden werden.

Zurück zu Borussia: Jetzt kommt Arminia Bielefeld. Ein Pflichtsieg?

Kramer Vorsicht! Pflichtaufgaben gibt es nicht in der Bundesliga. Bielefeld ist defensiv unter dem neuen Trainer unheimlich stabil und wirft sich immer voll rein. Zum Ende der Saison sind die Kandidaten von unten nochmal galliger als in der Hinrunde. Generell bin ich kein Freund von Prognosen, sondern von dem, was auf dem Platz passiert. Das muss stimmen.

Was aber klar ist: Das Ziel, erneut die Champions League zu erreichen, hat Borussia verpasst. Der Rückstand auf Platz vier beträgt nun 13 Punkte.

Kramer Werder Bremen wollte in die Europa League, ich weiß nicht, was das Ziel von Schalke war in dieser Saison oder von Dortmund. Reden kann man viel und auch Ziele formulieren. Letztlich sind das Willenserklärungen. Fußball ist erstmal ein brutales Tagesgeschäft. Jetzt steht das Spiel gegen Arminia an, das wir gewinnen wollen.