Borussia Mönchengladbach Christoph Biermann: Lucien Favre ist ein Nerd mit Charisma

Mönchengladbach · Der Sportjournalist und Buchautor Christoph Biermann spricht im Interview mit unserer Redaktion über Kultspieler, Publikumslieblinge, Typen und das Derby zwischen Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln.

Lucien Favre kehrt zu OGC Nizza statt nach Gladbach zurück
24 Bilder

Das ist Lucien Favre

24 Bilder
Foto: dpa/Guido Kirchner

Herr Biermann, Sie haben in einigen Büchern die Seele des Fußballs ausgelotet. Sie müssen es wissen: Warum ist Roel Brouwers bei den Borussen-Fans so beliebt? Er hat ein eigenes T-Shirt vom Fanprojekt bekommen und ist der einzige Borusse, dessen Vorname bei der Aufstellung von der Nordkurve gerufen wird. Ist er ein Kultspieler?

Biermann Nein, das würde ich nicht sagen. Brouwers ist eher der klassische Publikumsliebling. Er ist seit langem im Verein, sehr verlässlich und ein Kämpfer — das kommt in der Kurve, egal bei welchem Verein, gut an. Aber mit Kult hat das für mich nichts zu tun.

Was ist mit Mike Hanke? Dem wird, obwohl er nicht so lange Borusse war, auch nach seinem Karriereende noch gehuldigt, wenn er, wie zuletzt gegen Freiburg, im Stadion ist.

Biermann Es ist wie bei Brouwers. Er hatte eine gute Zeit in Gladbach gehabt, weil er dort einen Trainer gefunden hat, der ihn von der Last befreit hat, ein Torjäger zu sein. Und auch Hanke gibt immer alles, aber er ist kein Kultspieler.

Welche Wesenszüge hat denn ein Kultspieler?

Biermann Es sind vor allem schräge Vögel. Sie fallen auf eine besondere Art und Weise auf, und das nicht unbedingt nur, weil sie besonders gut sind. Sie offenbaren seltsame Marotten, sind exaltierte Persönlichkeiten — das müssen noch nicht einmal alle Leute toll finden. Ich denke da klassischerweise an einen Spieler wie Ente Lippens. Ich muss leider sagen: Echte Kultspieler hat Borussia Mönchengladbach im Moment nicht, sondern eher ein gutes Team mit guten Typen, das professionellen Fußball spielt.

War Juan Arango ein Kultspieler? Der ist schon ein schräger Vogel: starker linker Fuß, aber eine Diva und vor allem schweigsam…

Biermann Das geht in die Richtung, stimmt. Er ist der Typ schlampiges Genie, kein Mainstream und ein exzentrischer Spieler. Und Torhüter sind normalerweise prädestiniert ist, Kult zu sein. In Gladbach gab es reichlich Kandidaten dafür: Jörg Stiel zum Beispiel war ein außergewöhnlicher Typ. Und Wolfgang Kleff sowieso.

Was Gladbach angeht, war Günter Netzer sicher der kultigste Spieler aller Zeiten?

Biermann Auch Netzer würde ich nicht in diese Schublade stecken. Dafür war er zu unnahbar. Er war zu seiner Zeit eher eine neue Art von Star, auch ich habe ihn geliebt, als ich Kind war. Insgesamt muss ich für die Bundesliga heute aber feststellen: Es gibt kaum noch Kultspieler. Wenn, dann findet man solche Leute eher in den unteren Klassen, in der Dritten oder Vierten Liga.

Für einen Fußballromantiker ist das eine ernüchternde Diagnose.

Biermann Ach, ich weiß nicht, ob das so schlimm ist. Auch wenn wir bei "11 Freunde" die Romantik und die Sehnsucht nach Typen schon ernst nehmen und pflegen. Aber man darf nicht vergessen, dass sich der Fußball verändert hat und eine unglaubliche mediale Aufmerksamkeit erfährt. Der Leistungsdruck ist dadurch riesig, da bleibt wenig Platz für Exzentrik.

Die Frage ist doch, ob Spieler wie Lippens oder Kleff heute auch so exzentrisch wären wie damals.

Biermann Ich glaube nicht. Trotzdem gibt es in der Bundesliga noch viele Persönlichkeiten, selbst wenn es nicht unbedingt Spieler mit Kultfaktor sind. Wenn wir bei Gladbach bleiben, fällt mir zum Beispiel Raffael ein: der Mann ohne Mimik. Sein Gesichtsausdruck ändert sich nicht, ob es 6:0 oder 0:6 steht. Mich fasziniert das total, zumal er ein wunderbarer Fußballer ist, dem zuzuschauen unheimlich Spaß macht. So ist es auch etwa bei Arjen Robben.

Inwiefern?

Biermann Er hat eine regelrechte Transformation durchgemacht. Früher war er ein Aleinikov auf Egotrip, heute ist er ein toller Fußballer, der sich voll ins Team einbringt. Ich finde auch ihn faszinierend, aber nicht kultig.

Schauen wir auf die Trainer. Ist Lucien Favre Kult?

Biermann Ich würde sagen, dass er eine außergewöhnliche Persönlichkeit ist. Favre ist sehr speziell, lebt komplett in seiner Fußballwelt. Ein Nerd, aber mit Charisma, und das kommt auch im Team an. Aber ich muss Sie enttäuschen: Auch er ist kein Kult-Trainer. Kult zu sein, hat auch mit der Multiplikation in der Öffentlichkeit zu tun. Und um seine Außendarstellung kümmert sich Favre nicht, er denkt nur an das, was auf dem Platz passiert.

Apropos öffentliche Darstellung. Wie ordnen Sie die Geschichte von Christoph Kramer ein, der im WM-Finale K. o. ging?

Biermann Die ist schon außergewöhnlich, und ich muss auch sagen: Ganz viel von dem, was er danach erzählt hat, fand ich total gut. Er hat ja auch für "11 Freunde" ein tolles Interview gegeben, bei dem wir das Gefühl hatten, dass da ein echter Mensch vor uns sitzt, der sehr authentisch ist. Das hat Spaß gemacht. Vielleicht hat er sich aber dreimal zu viel geäußert, weswegen es dann den Dreh bekam, dass er zu viel redet, anstatt Fußball zu spielen. Aber ich bleibe dabei: Die Geschichte ist großartig, und er ist ein guter Typ. Aber Kult? Ich denke nicht.

Was ist mit dem Derby Gladbach gegen Köln? Für die Borussia-Fans ist es die Mutter aller Derbys. Hat dieses Spiel, auch vor dem historischen Hintergrund des Pokalfinales von 1973, Kultpotenzial?

Biermann Bei allem Respekt vor diesem Spiel, aber ich bezweifele, dass Gladbach gegen Köln die Mutter aller Derbys ist. Da gibt es in Deutschland einige Derbys, die schon gespielt wurden, als es den 1. FC Köln noch gar nicht gab und Gladbach nur in den Niederrungen des niederrheinischen Fußballs gekickt hat. Dass dieses Derby für die Gladbacher und Kölner das Spiel des Jahres ist, ist unbestritten. Aber schon im Ruhrgebiet sieht das keiner so. Trotzdem: Auch ich freue mich auf Gladbach gegen Köln.