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Borussia Mönchengladbach: "Borussia und Bayer rasen im ICE-Tempo"

Borussia Mönchengladbach : "Borussia und Bayer rasen im ICE-Tempo"

Am Samstag (15.30 Uhr/Live-Ticker) stehen sich Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen gegenüber. Am drittletzten Spieltag der Bundesliga fällt möglicherweise eine Vorentscheidung über die direkte Qualifikation zur Champions League. Die Sportdirektoren Max Eberl und Rudi Völler trafen sich bei der Rheinischen Post.

Herr Völler, als Sie vor einem Jahr hier bei unserem WM-Gipfel zu Gast waren, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, er gehe davon aus, dass Deutschland Weltmeister werde. Herr Eberl, wenn hier solch zutreffende Prognosen zu Hause sind, verraten Sie uns mal, wann Bayer Leverkusen Deutscher Meister wird.

Max Eberl Das müssen Sie Wolfgang Niersbach fragen. Der scheint mehr Hintergrundwissen zu haben. Spaß beiseite, dass Leverkusen in den letzten 20 Jahren nach den Bayern am zweithäufigsten international gespielt hat, zeigt doch, welche nachhaltige Qualität Bayer besitzt. Dass es trotzdem nicht zur Meisterschaft gereicht hat, lag halt daran, dass die Bayern oder zuletzt auch Dortmund einen noch besseren Lauf hatten.

Und wann wird Gladbach wieder Meister, Herr Völler?

Rudi Völler Es gibt ja noch Bayern München, das ist das Problem. Die Champions League zu erreichen, ist für uns, die Gladbacher oder auch die Wolfsburger ein Riesenerfolg. Man kriegt noch nicht mal einen Wimpel dafür, aber der Erfolg ist, zu den großen Klubs in Europa zu gehören. Das hält nicht für ewig, aber in diesen Jahren kannst du die Bayern maximal ab und an mal ärgern, wie uns und Gladbach das gelungen ist. Aber auf die Saison gesehen, hast du nur eine sehr geringe Chance gegen sie. Die nächsten Jahre bestehen für Gladbach, für uns, Wolfsburg, Dortmund oder Schalke kaum Möglichkeiten, den Titel zu holen.

War das Wettbewerbsverzerrung, was die Bayern am Samstag in Leverkusen betrieben haben, als sie mit einer B-Elf gespielt haben, Herr Eberl?

Eberl Nein. Wenn Bayern nicht diese vielen Verletzten gehabt hätte, hätte man beim Blick auf die Aufstellung ein flaues Gefühl im Magen bekommen können, aber unter diesen Voraussetzungen musste man damit rechnen, dass sie so aufstellen. Sie hatten immer noch Weltklassespieler auf dem Platz.

Völler Wir können ja im nächsten Jahr tauschen, Max. Ihr spielt gegen die Mannschaft, gegen die wir am vergangenen Samstag aufgelaufen sind, und wir nehmen das eine Spiel, das sich Manuel Neuer pro Saison nimmt, in dem er schlecht hält. Dann dürfen auch alle Ribérys und Robbens spielen.

Eberl Das macht der Manuel Neuer nur gegen uns.

Hätten Sie damit gerechnet, dass Borussia in dieser Spielzeit ganz oben mit dabei ist und bis zum Ende ein Konkurrent um die Champions-League-Plätze ist?

Völler Ich war überzeugt, dass Gladbach eine gute Rolle spielen wird, so wie Max und der Trainer das da zusammengebastelt haben. Dass sie so weit vorne sind - auch mit den vielen Punkten in der Rückrunde - damit habe ich nicht unbedingt gerechnet. Wir gewinnen fast jedes Spiel, die Gladbacher auch, das ist unfassbar. Hätte einer den Wolfsburgern vor ein paar Wochen gesagt, es wird noch mal eng mit Platz zwei, hätte es keiner geglaubt. Ich denke, dass die Wolfsburger jetzt ein bisschen Magenschmerzen haben. Ich glaube, die rechnen mit euch, Max.

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Schielen Sie auf Platz zwei, Herr Eberl?

Eberl Dass Wolfsburg Magenschmerzen hat, hat der Rudi gerade gesagt, nicht ich. Also: Wir schielen nicht auf Platz zwei. Klar will man das Größtmögliche erreichen, aber wir beschäftigen uns erstmal mit dem hartnäckigsten Konkurrenten, der uns im Nacken sitzt. Was Rudi gesagt hat, das denken wir ja auch: Wir gewinnen jedes Wochenende, und wir kommen nicht von Leverkusen weg. Ich finde, diese zwei Vereine liefern sich einen sensationellen Zweikampf auf hohem Niveau. Man hat im letzten Jahr auch schon mal gelesen "Im Schneckentempo nach Europa", ich glaube, wir zwei gehen im ICE-Tempo Richtung Champions League. Leider ist die Situation jetzt so, dass einer von uns in die Qualifikation muss.

Wie sehr können Sie sich mit der Ansicht "Für den deutschen Fußball wäre es besser, Leverkusen würde Vierter, weil sie als gesetztes Team in die Play-offs gingen" anfreunden?

Völler Fußballdeutschland wird - bis auf die Leverkusener Anhänger - vielleicht eher Gladbach die Daumen drücken. Aber die Qualifikation ist gefährlich. Wir hatten in dieser Saison mit Kopenhagen ein gutes Los. Aber es war mit Athletic Bilbao ein Los dabei, das du nicht bekommen willst. Wenn Gladbach Vierter wird, will kein gesetztes Team gegen die Borussia spielen.

Herr Eberl, was wäre für Sie vor der Saison realistischer gewesen: der Klassenerhalt für Paderborn oder Borussia in der Champions League?

Eberl Beides wäre eine Sensation.

Völler Es ist eine überragende Saison von Gladbach, aber wenn Paderborn mit den geringen Möglichkeiten dort die Klasse hält, ist das die Sensation überhaupt.

Das Gegenteil von Paderborn sind die Vereine, über die viel diskutiert wird, weil sie Mittel zur Verfügung haben, die sie nicht selbst über den Fußball erwirtschaften. Wie gehen Sie mit RB Leipzig und Co. um?

Völler Wir gehen seit langem offen mit der Tatsache um, dass wir jährlich 25 Millionen Euro von der Bayer AG erhalten. Wenn jetzt aber Bayern München so einen Vertrag mit Adidas abschließt, der mehrere hundert Millionen wert sein soll, dann wird das weniger kritisiert als die Sponsoring-Aktivitäten beispielsweise in Wolfsburg, Hoffenheim oder Leipzig. Im Gegenteil, bei den Bayern ist dann alles super. Aber wo ist der Unterschied - abgesehen von den wesentlich höheren Summen, die die Münchner generieren?

Bleiben wir einen Moment bei Leipzig. Dass Davie Selke von Bremen in die Zweite Liga wechselt, ist das etwas, woran man sich gewöhnen muss?

Eberl Die Frage muss man dem Spieler stellen. Ob er dort den nächsten Karriereschritt sieht. Ich hätte Selke gerne nach Gladbach geholt, aber wenn er nach Leipzig geht, geht er nach Leipzig. Wir müssen halt aufpassen, dass sich die so genannten Traditionsvereine nicht hinter dieser Debatte verstecken, und sagen: Wir Armen. Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen, das sind ja alles Vereine mit Tradition, und die sind ja schon noch vorne mit dabei, sind die, die den Ton angeben. Und wir Vereine hätten ja auch Möglichkeiten, Investoren zu generieren, neue Strukturen aufzubauen, das zu schaffen, was Bayern seit Jahren vorlebt.

Wie schwierig wird es für Borussia sein, in der kommenden Saison die Erwartungshaltung im Umfeld in realistischen Dimension zu halten?

Eberl Dieser Automatismus, von Saison zu Saison immer einen Platz nach oben denken zu müssen, ist nirgends so falsch und so trügerisch wie in der Bundesliga. Ich habe immer gesagt, wenn die Top Fünf, also Bayern, Dortmund, Wolfsburg, Leverkusen und Schalke, es gut machen, dann wird Gladbach automatisch um Platz sechs spielen. Unsere Zielsetzung des einstelligen Tabellenplatzes ist also kein Blabla, sondern aus der Realität geboren.

Völler Das ist der Fluch des Erfolgs. Wenn man zwei, drei Jahre oben dabei ist, wird es zur Normalität. Diesen Druck spüren wir auch in Leverkusen. Das Ziel, international zu spielen, ist schon hoch gegriffen. Man darf die Konkurrenz, die größer geworden ist und noch größer wird, nicht unterschätzen. Von Platz zwei bis sieben hängt es nur an Kleinigkeiten.

KARSTEN KELLERMANN, STEFAN KLÜTTERMANN, STEFANIE SANDMEIER UND PATRICK SCHERER FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(RP)