Borussia Mönchengladbach: Warum Igor de Camargo Relegations-Trefffer das Tor des Jahrzehnts werden muss

Verein lässt wählen : Nur de Camargo kann Borussias Torschütze des Jahrzehnts sein

Borussia lässt das Tor des vergangenen Jahrzehnts wählen. Zehn Treffer stehen bis zum 21. Januar zur Wahl – doch genau genommen kommt nur das Rettungstor von Igor de Camargo 2011 infrage. Ein Kommentar.

Borussia sucht das Tor des Jahrzehnts. Doch darf es überhaupt einen Zweifel geben? Bei allem Respekt vor all jenen Borussen, die in der knapp fünf Minuten langen Torcollage, in der die Gladbacher die zehn Treffer, die zur Wahl gestellt werden, nochmal zeigen: In dieser Sache muss streng nach dem Highlander-Prinzip verfahren werden: Es kann nur eines geben. Das Tor, das Igor de Camargo im ersten Relegationsspiel gegen den VfL Bochum in der Nachspielzeit mit einem seltsamen Kunstschuss erzielte und damit den 1:0-Sieg klar machte.

Natürlich, Tor und ihre Schönheit sind Geschmackssache, und ganz sicher gibt es in dem Reigen Tore, die schöner, spektakulärer oder feiner herausgespielt wurden. Doch dieses Tor von de Camargo, dem belgischen Brasilianer, der mit nun 36 Jahren noch für den KV Mechelen spielt, ist einfach mehr als nur ein Tor. Es war eine Erlösung und zugleich ein Aufbruch, es wischte all die tristen Jahre voller Abstiegsangst weg und öffnete die Tür zu einer neuen Welt, in die Borussia danach stürmte.

Dieses Tor ist eines der wichtigsten Tore der Vereinsgeschichte und wird es immer bleiben. Ohne dieses Tor wäre das, was danach kam, in dieser verblüffenden Geschwindigkeit nie passiert. Am jenem 19. Mai 2011 wurde Borussia Mönchengladbach quasi noch einmal geboren, seither gibt es einen modernen Gegenentwurf zu dem, was in den 1970er passierte, einen Anker für die Spätgeborenen, für die Meisterschaften und Uefa-Cup-Siege sind wie Geschichten aus fernen Zeiten. Wäre de Camargos Tor nicht gefallen, wäre es vielleicht zur Katastrophe gekommen, zum dritten Abstieg der Vereinsgeschichte, und alles, was in den Monaten zuvor erwachsen war, was sich in dem Moment entlud, als der Ball von de Camargos Fuß ins Netz flog, wäre möglicherweise zermalmt worden. Ein 0:0 an diesem Abend hätte den Borussen vielleicht den Boden unter den Füßen weggerissen, hätte den Bochumern den Mut und die Kraft gegeben, die Borussen in den Abgrund zu stoßen.

De Camargos Tor hat es sogar auf die Kino-Leinwand geschafft, in einem Werbefilm für Borussia, und wer ihn gesehen hat auf diesem magischen Quadrat, der war emotional berührt, kaum weniger als im Stadion selbst, als es geschah. De Camargo nicht zu wählen, wäre nahezu ein Frevel, ihn zu wählen hingegen, wäre die verdiente Auszeichnung für seine Tat. Zugleich wäre es die Würdigung seines Gesamtwerks als Borusse, denn er schoss weitere Tore, die von großer Wichtigkeit waren: Das 1:0 in Frankfurt, dass die Hessen entscheidend traf und sie in den Abstiegsstrudel riss, dann das 1:0 bei den Bayern, das der Zündfunke war für den raketenhaften Aufstieg vom Fast-Absteiger zum Champions-League-Teilnehmer, und schließlich das 2:1 in Leverkusen, mit dem die Europa-Rückkehr nach 26 Jahren gebucht wurde.

Natürlich sind die Fernschuss-Tore von Patrick Herrmann (2), Raffael und Christoph Kramer, die Freistoß-Treffer (ja, so was gab es mal öfter in Gladbach) von Juan Arango und Granit Xhaka, Arangos perfekte Direktabnahme gegen Wolfsburg, Xhakas Derby-Siegtor per Kopf und das edel herausgekonterte Tor von Thorgan Hazard gegen den FC Barcelona, keineswegs belanglos. Doch die nahezu magische Dimension des Camargo-Tores haben sie nicht annähernd. Schön und kunstvoll war es nebenbei auch. Es muss das Tor des Jahrzehnts sein, und eigentlich ist es schon jetzt das Borussen-Tor des 21. Jahrhunderts. Denn für alles, was danach kam und noch kommen wird, ist es der Ursprung, der Quell, das Alpha. Dieses Tor ist die Big-Bang-Theorie der Gladbacher Neuzeit. Darum haben die Fans beim Tor des Jahrzehnts genau genommen nur eine Wahl: das Tor von de Camargo.