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Borussia Mönchengladbach: Uwe Kamps im Interview

Borussias Torwartlegende Uwe Kamps : "Es hat nur noch geknackt im Gebälk"

Vor Uwe Kamps liegt eine lange Liste. Seit 35 Jahren ist er bei Borussia, das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Eintracht Frankfurt wird sein neuntes als Torwart, Ersatztorwart oder Torwarttrainer. Selbst Endspiele hat der 52-Jährige in vielfältiger Form erlebt: auf der Bank und im Tor, als Gewinner und Verlierer, im Berliner Olympiastadion und im Frankfurter Waldstadion.

Man kann sich leicht verzählen, wie viele es nun waren. Fest steht: Sie sind ein Experte für Halbfinalspiele im Pokal: 1984, 1985, 1987, 1992, 1995, 2001, 2004, 2012, 2017.

Kamps 1984 als zweiter Mann hinter Uli Sude. Wie ging es nochmal 1985 aus?

0:1 nach Verlängerung gegen Bayern München.

Kamps Ah ja, richtig.

1987 dann erstmals als Nummer eins gegen den Hamburger SV, 0:1 durch Manfred Kastl.

Kamps Das war furchtbar, kurz vor Schluss. Dann sind wir innerhalb von zwei Wochen auch noch im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Dundee United ausgeschieden — aber haben am Ende die letzten zehn Bundesligaspiele gewonnen. (lacht)

War 1987 Ihr bitterstes Halbfinale im Pokal?

Kamps Das mit dem Finale hat sich später ja noch ergeben, deshalb würde ich das nicht sagen. 1987 war ein tolles und aufregendes Jahr: Ich bin Nummer eins geworden. Die Saison war zuerst schwierig, weil wir relativ weit unten standen. Aber in den Pokalwettbewerben hat sich viel entwickelt. Da kam ich gleich in den Genuss vieler Englischer Wochen. Trotzdem war es natürlich bitter, innerhalb kurzer Zeit in beiden Halbfinals auszuscheiden. Aber in Hamburg konnte man auch damit rechnen. Dafür haben wir gegen Dundee nach dem 0:0 auswärts gedacht, wir packen das, und dann ging das Rückspiel auf dem Bökelberg verloren.

Welches Halbfinale war dann das schlimmste?

Kamps Union Berlin 2001, würde ich sagen. Das hat mich am meisten geärgert, im Elfmeterschießen.

Und bis zur 80. Minute geführt.

Kamps Ja, mit allem drum und dran. In dieser Phase wäre das eine große Sache gewesen für den Verein. Wir traten als Zweitligist gegen einen Drittligisten an, und dem Gewinner winkte die Europapokal-Teilnahme.

Arie van Lent schoss erst zwei Tore, verschoss dann einen Elfmeter, genau wie Max Eberl. Anders als 1992, als Sie gegen Bayer Leverkusen vier Elfmeter abwehrten, konnten Sie es nicht mehr retten.

Kamps Man könnte meinen, da hätte ich mein Pulver verschossen.

Wir können uns das Video mal bei Youtube anschauen, da ist das Halbfinale 1992 natürlich verewigt, kürzlich hat es sich zum 25. Mal gejährt. Zwei der vier Leverkusener Fehlschützen, Heiko Herrlich und Ioan Lupescu, spielten später in Gladbach.

Kamps "Lupo" hat mir auch immer gesagt, dass er in seiner Karriere nur einen wichtigen Elfmeter verschossen hat.

Holger Fach verwandelt hier gerade zum 2:0 für Gladbach. Zuvor hat nur Martin Max getroffen. Sie hielten gegen Jorginho, Herrlich und Lupescu. Da kommt der vierte Bayer-Spieler, Martin Kree. Wenn Sie auch seinen Elfmeter abwehren, steht Borussia im Finale. Da sieht man Sie auch — in einem violett-neongelben Trikot mit wildem Muster. Was sagen Sie zu Ihrem Outfit?

Kamps Überragend!

War das selbst kreiert?

Kamps So viel Mitspracherecht hatten wir damals noch nicht. Wir bekamen die Designs hingelegt und konnten vielleicht aus zwei, drei wählen. Vorher hatte ich die gleichen Farben mit den tollen Streifen, das sollte exklusiv sein. Ich weiß noch, wie wir gegen Fortuna Düsseldorf mit Jörg Schmadtke spielten und er das Gleiche anhatte — nur die Hose war länger. So viel zur Exklusivität.

Jetzt schießt Kree. "Der härteste Elfmeter der Bundesliga. Kamps hält! Unglaublich! Uwe Kamps!", ruft ZDF-Kommentator Günter-Peter Ploog. Ist das alles noch präsent, was da in Ihnen vorging?

Kamps Die ganze Geschichte, auch wer wie wohin geschossen hat. Ich weiß auch noch, was ich bei Martin Kree gedacht habe. Vorher habe ich ihn ein paarmal schießen sehen und mich immer gefragt: Warum schießt er nicht voll drauf? Da hat er auch schon die Innenseite genommen. Deshalb ahnte ich, in welche Ecke er schießen würde. Cool war die Geschichte mit Jürgen Gelsdorf, der vor uns Bayer Leverkusen trainiert hat und mir deshalb den Tipp geben konnte, wohin Jorginho als Erster schießt. So war ich direkt drin, der Rest war dann aus dem Gefühl heraus.

Psychologisch im Vorteil war Borussia auch nicht gerade. Leverkusen hatte in der 119. Minute in Unterzahl ausgeglichen.

Kamps Es war auch ein richtig doofes Gegentor, eine Eins-gegen-eins-Situation, in der ich erst halten konnte, und dann ging der Nach- schuss von Andreas Thom rein. Da dachten wir zuerst schon: Jetzt kann eigentlich nichts gehen. Und dann verschossen wir bei vier gehaltenen Elfmetern auch noch zwei. 2:0 im Elfmeterschießen ist schon ein spezielles Ergebnis.

Zählt man da mit und ist sich die ganze Zeit darüber im Klaren, was gerade passiert?

Kamps Das nimmt man schon alles bewusst wahr und ärgert sich entsprechend, wenn der eigene Mann verschießt.

Nach dem letzten Elfmeter sind Sie vor der Nordkurve in Richtung Eckfahne gerannt, und alle haben sich auf Sie geworfen — Mitspieler und Fans. War das eine kleine Nahtoderfahrung unter dem Berg aus Menschen?

Kamps Das kann man so sagen. Ich habe erst später mitbekommen, dass Frank Schulz alle weggezogen und mich damit gerettet hat. Die Lampen gingen schon aus, ich bekam keine Luft mehr und es hat nur noch geknackt im Gebälk. Wenn ich nicht bald wieder hätte atmen können, hätte ich "Töppi" nicht dieses legendäre Interview geben können, und ihm wäre in der Menge nicht das Portemonnaie geklaut worden.

Jetzt ist zu sehen und zu hören, wie ZDF-Reporter Rolf Töpperwien verzweifelt versucht, im Pulk auf dem Rasen zu Ihnen vorzuzudringen. Am Ende wird es ein Schaltinterview ohne Bild.

Kamps Für solche Erlebnisse spielt man Fußball. Und wir waren im Finale in Berlin, das leider gegen Hannover 96 verloren ging.

Gewonnen haben Sie den Pokal erst 1995, da gab es im Halbfinale ein 1:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern. Heiko Herrlich traf für Borussia und scheiterte nicht mehr vom Elfmeterpunkt an Ihnen.

Kamps In meiner Erinnerung war das auch ein ganz schönes Halbfinale. Gleich zu Anfang konnte ich mich dreimal, viermal auszeichnen, und am Ende haben wir es durchgebracht. Ohne Gegentor ist es sowieso immer schön als Torwart.

In unserer Liste haben wir das Halbfinale 1995 mit dem Wort "normal" versehen. Das können wir also streichen?

Kamps Letztens habe ich die Szenen nochmal gesehen. Da ich ein ziemlich gutes Spiel gemacht habe, erinnere ich mich sehr gerne daran.

Und vor allem gewann Borussia anschließend das Finale.

Kamps Die Voraussetzungen waren ähnlich wie gegen Hannover, auch Wolfsburg war Zweitligist. 1992 habe ich einen Spruch gebracht, der mir ein wenig um die Ohren geflogen ist: Dass die anderen Jungs nach meinen vier gehaltenen Elfmetern gegen Leverkusen nun ihren Teil dazu beitragen müssten, das Spiel zu gewinnen. Ich ging gegen Hannover eigentlich davon aus, nicht so viel zu tun zu bekommen, doch am Ende hatte Hannover mehr Chancen. Zum Glück haben wir es gegen Wolfsburg drei Jahre später souverän hingekriegt.

Sind verlorene Halbfinals im Pokal besonders bitter, weil es nur noch ein Schritt nach Berlin ist?

Kamps Es hängt manchmal eben auch mehr dran, wie 2001, als wir gleichzeitig um den Wiederaufstieg in die Bundesliga kämpften und finanziell schwierige Zeiten hinter uns hatten. Ein Finale und die Qualifikation für den Europapokal wären in der Phase ein schönes Sahnehäubchen gewesen. Berlin ist der Wahnsinn mit allem, was drumherum in der Stadt los ist. Ich hatte das Glück, zweimal dabei sein zu dürfen. Jetzt kommt hoffentlich bald ein drittes Mal.

Sind die Niederlagen bei Union 2001 und in Aachen 2004 eine Warnung?

Kamps In Aachen hat es sich nach dem Spielverlauf und dem nicht gegebenen Elfmeter ähnlich angefühlt wie diese Saison in der Europa League gegen Schalke — der Gegner war nicht besser, sondern es war einfach ungerecht. Solche Tage sind am schwierigsten zu verdauen als Fußballer.

Wie geht man in ein Spiel wie am Dienstag gegen Frankfurt? Wie 2012 im bislang letzten Halbfinale gegen Bayern München ein Heimspiel.

Kamps Wenn man sich von Anfang an ins Elfmeterschießen retten will, bewegt man sich auf sehr dünnem Eis. Deshalb will man das vorher erledigen, gerade zu Hause. 2012 gegen die Bayern war die Aufgabe zwar schwieriger, aber auch das haben wir sehr offen gestaltet. In dem Jahr haben wir sie zweimal in der Liga geschlagen. Eine Großchance von Marco Reus hat Manuel Neuer sehr gut gehalten. Am Ende der Verlängerung war Bayern besser. Dass sich dann die Geschichte von 1984 wiederholt und Dante, genau wie Lothar Matthäus, über das Tor schießt, ist natürlich speziell.

Wäre es ein Schlag ins Gesicht, wenn es nun gegen Frankfurt wieder nicht klappt?

Kamps Gemessen an dem, was noch im Topf war, ist Frankfurt zu Hause eine tolle Konstellation, klar. Aber wir haben gerade noch beim 0:0 in Frankfurt gesehen, wie schwer es gegen sie ist. Sie spielen ihren eigenen Stil mit dem Durchdecken und dem Draufgehen vorne. Wenn sie das richtig gut machen, wird es schwierig. Wenn nicht, ergeben sich aber auch Räume. Sie sind nicht umsonst im Halbfinale und spielen nach der Relegation letztes Jahr eine richtig gute Saison. Dementsprechend wird es ein harter Kampf.

Wie schätzen Sie Borussias K.o.-Mentalität ein?

Kamps Zu Hause spielen wir tendenziell noch besseren Fußball. Wobei es auswärts mittlerweile, wie zum Beispiel in Köln, auch richtig gut aussieht. Da hat man gemerkt: Die Jungs wollten unbedingt gewinnen, um oben ranzukommen. Daraus kann man etwas mitnehmen. Zudem hat sich die Mentalität aufgrund der vielen Europapokal-Teilnahmen weiterentwickelt. Anfangs sind wir noch etwas blauäugiger an die Aufgaben rangegangen, ab und an ins offene Messer gelaufen.

Ihr Schützling Yann Sommer hat in Frankfurt gezeigt, dass er auch Elfmeter halten kann. Ein gutes Omen fürs Halbfinale?

Kamps Warum nicht? Wir haben immer gesagt, dass irgendwann der Moment kommen wird, in dem es passt. Es hängt aber auch von den Schützen ab. Wenn ein Elfmeter richtig gut geschossen ist, kannst du noch so gut spekulieren oder die Ecke ahnen. Nervenstärke gehört dazu. Marco Fabián von Frankfurt hatten wir gut analysiert. Eine Woche später hat er wieder nach links geschossen, da war der Ball dann drin. Daran sieht man, welche Rolle die psychologischen Spielchen spielen. Ich freue mich für Yann, dass in der Sache endlich Ruhe ist.

Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz führten das Gespräch.

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