Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC; Spurenelemente von Lucien Favre

Ex-Trainer von Borussia und Hertha BSC : Die Spuren von Lucien Favre sind noch zu erkennen

Der Schweizer Lucien Favre hat sowohl Hertha BSC als auch Borussia Mönchengladbach trainiert. Berlins Trainer Pal Dardai ist bekennender Favre-Schüler. Dieter Hecking hat Borussia von ihm emanzipiert, doch es gibt noch favre-eske Momente.

Borussia und ihr kommender Gegner Hertha BSC, die „alte Dame“ aus Berlin, haben drei Trainer gemeinsam: Hans Meyer, der Borussia erst 2001 zurück in die Bundesliga führte und dann acht Jahre später vor dem erneuten Abstieg bewahrte – wie 2004 die Berliner. Und Jos Luhukay, der bei beiden Vereinen Aufstiegstrainer war, 2008 bei den Borussen und 2013 bei der Hertha. Der dritte Mann, der beide Klubs betreute, war einer, dessen Spurenelemente noch heute in beiden Teams zu finden sind: Lucien Favre.

Es gibt Parallelen: Favre kam 2007 nach Berlin als Meistertrainer aus Zürich, und er führte die Hertha urplötzlich auf den vierten Platz. Vierter wurde er überraschend auch 2012 mit Borussia, im Jahr zuvor hatte er die Gladbacher soeben noch via Umweg Relegation gerettet. Der Aufschwung des Klubs mit Favre ist die Basis für all das, was nun ist. Und so ist es auch in Berlin, wo Favre wie in Gladbach einen seltsamen Abgang hatte. Dardai, der noch unter Favre spielte, sagt explizit: „Lucien Favre ist der Trainer, der mich am meisten geprägt hat.“

Dardai begann als Trainer im Nachwuchs-Bereich. „Geh zu den Kindern“, hatte Favre ihm geraten. „Die Kinder“, sagte der Schweizer, „lassen dir keine Fehler durchgehen, du musst ihnen alles erklären.“ 2013 übernahm Dardai die U15 Herthas, zwei Jahre später war er Cheftrainer.

„Ja, man kann sagen, dass die Arbeit von Lucien bei beiden Klubs der Ursprung der Entwicklung der neueren Zeit war“, sagt Borussias Vize-Präsident Rainer Bonhof. Er selbst hat auch eine Borussia-Hertha-Vergangenheit: In Gladbach wurde er zum Weltklasse-Spieler und Weltmeister, bei Hertha ging seine Karriere nach zweier Muskelabrisse binnen nur fünf Monaten zu Ende. „Es war eine interessante Zeit im damals noch geteilten Berlin. Leider konnten wir den Abstieg nicht vermeiden“, erinnert sich Bonhof an das Jahr 1983.

„Lucien kam in einer schwierigen Phase bei beiden Vereinen und hat eine gute Struktur reingebracht“, sagt Bonhof. Bei Hertha kam die Favre-Denke mit Dardai 2015 zurück, das geduldige Spiel der frühen Zeit des Ungarn erinnerte ebenso an Favre wie die Vier-Spiele-Regel, mit der Dardai seinen Spielern Druck nehmen wollte. „Dardai hat das Erbe von Favre bei Hertha wiederbelebt“, sagt Stefan Hermanns vom Berliner „Tagesspiegel“.

Favre-Schüler Dardai ist dabei, Hertha zu entwickeln, sein Team ist viel schneller geworden als noch vor vier Jahren. Doch bleibt er den Grundprinzipien seines Lehrers treu: „Hertha hat ganz sicher keine Gegenpressing-Mannschaft“, sagt Experte Hermanns. Wie geschwind Dardais Team aber umschalten kann, bekam Borussia beim 2:4 im Hinspiel zu spüren.

Doch fehlt Hertha noch die große Konstanz, Borussia ist in ihrer Entwicklung weiter. Trainer Dieter Hecking hat sein Team in dieser Saison vom Favre-System emanzipiert. Zuvor war das 4-4-2 des Schweizers der Leitfaden des Borussen-Spiels, es war das Symbol für den Aufschwung ebenso wie für ein gewisses Sicherheitsgefühl. Aber auch für Stillstand und Mutlosigkeit in der vergangenen Saison, als die Gladbacher arg bieder spielten und es in den entscheidenden Momenten an der nötigen Entschlossenheit mangelte. „Wir waren entschlüsselt“, gestand Manager Max Eberl.

Hecking hat dann im Sommer auf mehr Attacke gesetzt, hat das Pressing, das Favres direkter Nachfolger André Schubert in allzu wilder Form eingeführt hatte, optimiert und auf ein effektives 4-3-3-System umgestellt. „Dieter hat die Mannschaft weiterentwickelt“, sagt Bonhof.

Heckings Borussia hat mehr Offensivgeist und kann es jetzt auch mit einem Mittelstürmer, aber sie hat eben auch eine bemerkenswerte defensive Stabilität, als einziges Team sind die Gladbacher 2019 noch ohne Liga-Gegentor. Hecking hat den ursprünglichen Fohlenstil, der auf Geschwindigkeit und Wagemut aufbaut, mit jenen Elementen verknüpft, die in der DNA seiner Mannschaft noch immer stecken: unter anderem das geduldige Ballbesitzspiel der Favre-Zeit.

Wie der neue Borussen-Fußball nahezu perfekt geht, führten die Gladbacher beim Tor zum 2:0 auf Schalke vor, es war ein sehr favre-esker Moment, sehr „Borussia Barcelona“-mäßig: Fast drei Minuten zirkulierte der Ball bis sich eine Lücke fand – in die Gladbach mit enormer Geschwindigkeit stieß: Thorgan Hazard sprintete los, passte scharf in den Strafraum und Florian Neuhaus spitzelte den Ball ins Tor. „Es war aus Trainer-Sicht ein überragendes Tor“, sagte Hecking. Dardai und auch Favre würden das ähnlich sehen.

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