Borussias Jantschke im Interview „Es gibt Zweikämpfe, die kannst du nicht verlieren“

Mönchengladbach · Tony Jantschke äußert sich über seine Situation bei Borussia und erklärt, wie das neue System funktioniert. Borussias Defensiv-Allrounder erklärt außerdem, warum er von Zweikampfstatistiken nicht viel hält.

 Tony Jantschke im Zweikampf mit Leverkusens Isaac Kiese Thelin.

Tony Jantschke im Zweikampf mit Leverkusens Isaac Kiese Thelin.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Ihr 13. Jahr bei Borussia hat begonnen. Wird es ein Glücksjahr?

Jantschke Ich bin weder gläubig noch abergläubisch, und ich kann ja nicht in die Zukunft gucken. Natürlich wollen wir ein anderes Gesicht zeigen als letztes Jahr, so langsam ist das aber auch Geschichte. Wir sind gut gestartet, aber nicht mehr.

Für Sie war der Start trotzdem noch ein bisschen besser: zwei Startelf-Einsätze, zweimal über 90 Minuten.

Jantschke Absolut. Nico Elvedi und Michi Lang sind noch verletzt, das kam Louis Beyer und mir entgegen. Viele Leute wollen vor einer Saison immer „Fußballmanager“ spielen und sagen: Das ist die Traumelf von Gladbach. Wenn das so wäre, könnten wir die Vorbereitung weglassen. Man hat wieder gesehen, wie sich so eine Vorbereitung entwickelt – hier ein Wehwehchen, da ein Wehwehchen, manch einer sticht heraus. Wer hätte gedacht, dass Flo Neuhaus direkt so ein Faktor wird?

Und dass Tobias Strobl und Sie ebenfalls in der Startelf stehen ...

Das ist Tony Jantschke  von Borussia Mönchengladbach - Porträt
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Das ist Tony Jantschke

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Jantschke Auch das, und ein Zak (Denis Zakaria, Anm. d. Red.) sitzt erstmal auf der Bank. Wir haben einfach einen großen Kader. Für den Trainer wird es nicht einfach, das zu managen. Gleichzeitig zeigt es aber unsere Qualität, wenn wir wie gegen Leverkusen am Ende noch Zak bringen können. Das ist Wahnsinn. Chris Kramer und Mika Cuisance wurden nicht einmal eingewechselt. Das zwingt natürlich diejenigen, die spielen, zu Top-Leistungen, und der Trainer weiß, dass er ohne Rücksicht auf Verluste nachlegen kann. Wenn Michi Lang, Nico Elvedi, Lars Stindl, Ibo Traoré noch zurückkommen, wird das ein ganz schönes Hauen und Stechen. Wir werden auch wieder Verletzungen haben, das lässt sich im Fußball heutzutage nicht vollständig verhindern. Aber wenn der Großteil gesund bleibt, wird es interessant.

Sie selbst sind in der Vorbereitung mal zwei Wochen kürzer getreten. War das schon eine Erkenntnis aus der Misere der Vorsaison, etwas vorsichtiger zu sein?

Jantschke Vielleicht war das auch ein Fortschritt meinerseits, weil ich erfahrener geworden bin. Generell war es ein gutes Zusammenspiel der Ärzte, der Physios und des Trainerteams. Leider neige ich etwas dazu, schnell zuzunehmen, deshalb hatte ich im Urlaub schon etwas mehr gemacht. Wir können ja zum Glück alles auslesen heutzutage mit unseren Fitnessuhren. Insgesamt war es gut, mich diese zwei Wochen rauszunehmen. Wahrscheinlich hätte ich nach einer Woche schon wieder trainieren können, aber wir wollten nichts riskieren.

Sie haben die Wunsch-Startelf angesprochen. Ohne Ihnen zu nahe zu treten: Bei den meisten tauchten sie nicht auf. Sind Sie jemand, den das anstachelt, oder ist Ihnen das nach zehn Profijahren egal?

Jantschke Ich beziehe das gar nicht so auf mich. Du hast 26 Spieler, von denen 20 den Stamm bilden, in dem sich immer etwas tut. Und dann hast du einige Junge, die vielleicht den Sprung schaffen. Es ist noch keine Trainingswoche rum und manchmal werden schon Aufstellungen aufgeschrieben: „So sieht Gladbachs Wunsch-Elf aus.“ Das finde ich generell etwas respektlos, gerade bei einem so großen Kader. Was mich angeht, kenne ich das mittlerweile, weil ich in letzter Zeit auch immer mal wieder verletzt war und in der Anfangszeit unter André Schubert nicht viel gespielt habe. Deshalb wird schnell mal eine Viererketten-Kombination hingeschrieben, in der ich nicht auftauche.

Wird die gesamte Mannschaft momentan von Trotz angetrieben nach der enttäuschenden Vorsaison?

Jantschke Die Saison wurde zum Teil sehr kritisch gesehen, auf der einen Seite zu Recht, auf der anderen Seite auch etwas zu schlecht. Wir haben nicht gegen den Abstieg gespielt, sondern sind Neunter geworden. Aber das ist abgehakt, deshalb würde ich nicht sagen, dass Trotz innerhalb der Mannschaft eine Rolle spielt.

 Eigengewächse unter sich: Patrick Herrmann und Tony Jantschke beim 2:1 gegen Hannover Ende Oktober 2011.

Eigengewächse unter sich: Patrick Herrmann und Tony Jantschke beim 2:1 gegen Hannover Ende Oktober 2011.

Foto: Dieter Wiechmann/Wiechmann, Dieter (dwi)

Beim Trainer denn? Man hat von außen das Gefühl.

Jantschke Der Trainer hat sich schon seine Gedanken gemacht nach der Rückrunde. Vielleicht hat so ein Spiel wie gegen Hamburg zum Abschluss das Gefühl noch einmal verstärkt, dass man etwas verändern muss. Es ist auch kein Hexenwerk. Der Trainer hat seine Ideen öffentlich formuliert, wir probieren jetzt, das umzusetzen. Auch wenn es schon gut geklappt hat, braucht es noch Zeit. Fußball ist Kopfsache, du brauchst das Vertrauen und musst zum Beispiel sehen: Wenn du so hoch stehst, dann kann das funktionieren. Dafür war der Saisonstart wichtig.

Sie haben das 4-4-2 jahrelang als das Borussen-System erlebt. Ist es Ihnen deshalb schwerer gefallen, sich davon zu lösen?

Jantschke Nein, das war gar kein Thema für mich. André Schubert hat die Dreierkette eingeführt, die zeitweise gut geklappt hat. Die Spieler sind heute alle polyvalent. Ich habe selbst schon gesagt, dass man im Prinzip gar nicht weiß, was meine beste Position ist.

Der Trainer plant mit Ihnen in der Innenverteidigung.

Jantschke Ja, das hat er mir gegenüber klar kommuniziert am Anfang der Vorbereitung. Aber wir wissen alle, wie das laufen kann: Plötzlich sind Spieler gesperrt und man muss alles verschieben. Für mich ist das alles okay so.

Prompt waren Sie am ersten Spieltag der beste Zweikämpfer der Bundesliga.

Jantschke Ach ja, wer weiß, wer die Striche gemacht hat und ob der das alles so richtig gemacht hat.

Wir haben uns aus diesem Anlass gefragt: Was ist überhaupt ein Zweikampf?

Jantschke Es gibt Zweikämpfe, die kannst du als Verteidiger gar nicht verlieren. Es gibt welche, in die der Stürmer gar nicht richtig reingeht, weil er nur will, dass der Verteidiger den Ball wegschlägt. Was gilt dann als gewonnen, was als verloren? Deshalb ist mir dieser Wert nicht so wichtig.

Also muss es schon ein Duell mit Körperkontakt sein, damit es für Sie als Zweikampf durchgeht?

Jantschke Selbst dann kommt es vor, dass ein Spieler gedoppelt wird. Ist das ein Zweikampf? Gilt der für beide als gewonnen?

Und es gibt die Kunst, mit gutem Stellungsspiel gar nicht in einen Zweikampf zu müssen.

Jantschke Das ist das nächste Thema. Von daher ist dieser Wert nicht zu hoch zu bewerten.

Unabhängig von den Zahlen: Wie gut war die Abwehrleistung gegen Leverkusen?

Jantschke Für das neue System war es wichtig, um Vertrauen zu schaffen, dass wir so hoch stehen können. Gerade in der zweiten Halbzeit haben wir früher gestört. Es war auch unser Plan, es abwartender anzugehen. Unsere Außen haben es gut verstanden, die Wege nach hinten zu machen. Wir standen teilweise im 4-5-1, was aber nichts Außergewöhnliches ist. Das machen in dem System auch große Mannschaften, gerade wenn der Gegner so eine Qualität auf den Außen hat wie Leverkusen. Drei, vier zu große Chancen haben wir zugelassen, das ist Fakt und kann schnell mal bestraft werden. Daran gilt es noch zu arbeiten.

Vor allem über Ihre linke Abwehrseite hat Leverkusen viel vorbereitet.

Jantschke Man kann es auch so sehen, dass rechts dann abgeschlossen wurde. Es ist die Frage, ob man den Fehler bei dem sieht, der die Flanke nicht verhindert, oder bei dem, der nicht richtig beim Mann steht. Das ist immer eine Kettenreaktion. Man kann genauso gut darauf hinweisen, dass unsere linke Seite offensiver war und deshalb mehr zugelassen hat. Insgesamt können wir uns noch besser absprechen, was zum Beispiel Konter angeht. Aber das war schon ganz ordentlich. Am Ende haben wir viel abgeräumt, als viele Flanken reinkamen. Das muss eine Abwehr auch mal aushalten in der Bundesliga, gerade gegen Leverkusen. Trotzdem habe ich es lieber, wenn der Gegner zehn Halbchancen hat als drei klare.

Ist das im neuen System auch ein Stück weit einkalkuliert, wenn die Ausrichtung so offensiv ist?

Jantschke Ja und nein. Wenn du offensiv in einen Flow kommst, besteht immer die Gefahr, dass du hinten einen halben Schritt weniger machst. Aber auch da gilt es eben, maximal eine Halbchance zuzulassen, bei Leon Baileys Kopfball gegen die Latte zum Beispiel den Gegner anzuspringen, damit der nicht unbedrängt köpfen kann. Das sind Kleinigkeiten – aus einer hundertprozentigen Chance eine vielleicht 70-prozentige machen.

Wir wollen nicht wieder mit der Zeit unter Lucien Favre anfangen, aber genau dieser Ansatz war damals ein Dogma.

Jantschke Generell ist es das, was ich unter Verteidigen verstehe. Du kannst heutzutage nicht alles verhindern. In der Bundesliga ist es oft so, dass man sagen kann, wer es verdient gehabt hätte, zu gewinnen. Aber die theoretische Chance hatten in der Regel immer beide Mannschaften.

Wie sehr ändert sich Ihr Job, weil es nur noch einen Sechser gibt vor der Viererkette?

Jantschke Kommt drauf an, wie gut wir es machen. Man kann es auch so drehen, dass wir defensiv drei Sechser haben. In dem System können wir natürlich schneller Druck aufbauen, deshalb entsteht zwischen uns und dem Sechser schon mal eine Lücke, weil der nicht die gesamte Breite verteidigen kann. Da gilt es, immer eine gute Abstimmung zu finden, den Stürmer auch mal zu verfolgen. Gegen Southampton haben wir das im Testspiel gut gemacht, gegen Espanyol nicht. Das hängt alles zusammen: Wann schieben wir raus? Wann schafft es der Sechser? Wann nicht? Man hat auf jeden Fall gesehen, dass wir hinten so viel gelaufen sind wie lange nicht. Wir müssen probieren, das jede Woche abzuliefern. Dortmund hat es letzte Saison auch anfangs gut hinbekommen, deshalb dürfen wir das alles nicht überbewerten. Leverkusen war eins von 34 Spielen.

Zwei Siege hintereinander zum Start sind Borussia seit 23 Jahren nicht gelungen, dazu noch kein Bundesligasieg in Augsburg. Das Thema können Sie sicher auch nicht mehr hören.

Jantschke Wir haben dreimal da verloren, viermal unentschieden gespielt, zweimal in letzter Minute einen Gegentreffer gekriegt. Das spielt aber alles keine Rolle. Es ist nicht so, dass ich da Schweißperlen auf der Stirn bekomme. Statistiken sind für Fans und für die, die etwas zu schreiben brauchen, immer ganz lustig. In der Kabine spielt das aber keine Rolle.

Was spielt denn dort vor dem Augsburg-Spiel eine Rolle?

Jantschke Dass das eine gute und körperbetonte Mannschaft ist. Wir hatten sie in der Vorbereitung und kennen die Truppe. Die holen aus ihren Möglichkeiten wirklich immer das Optimum raus. Wie die sich in der Bundesliga etabliert haben, da kann man nur den Hut vor ziehen. Es wird ein großer Kampf, aber wie in jedem Spiel werden wir alles versuchen, um zu gewinnen.

Vorne hat Borussia einen neuen Mittelstürmer, vielleicht beginnt Alassane Plea gegen Augsburg. Wie gefällt Ihnen, was er mitbringt?

Jantschke Sie wissen doch, dass ich nicht so gerne Mitspieler hervorhebe. Ich bin mir aber sicher, dass er uns helfen kann. Man hat gesehen, was er in der Schlussphase gegen Leverkusen noch bewegt hat. Gegen einen Top-Mann wir Jonathan Tah muss man erstmal zwei solcher Kopfballduelle gewinnen. Er hat auf jeden Fall eine gewisse Wucht. Ich glaube, er ist ein guter Junge. Jetzt muss er schnell Deutsch lernen, das ist immer eine wichtige Basis, auch wenn wir genügend Spieler wie Zak, Mika, Toto und Mamadou haben, die übersetzen können, Ibo sowieso.

Stichwort Ibo Traoré: Der ist neu im Mannschaftsrat, Tobias Strobl auch. Dafür sind Christoph Kramer und Fabian Johnson nicht mehr dabei. Ist das ein Thema oder wird es größer gemacht, als es ist?

Jantschke Seit ich hier bin, war es das erste Mal, dass wir Spieler den Mannschaftsrat gewählt haben. Deshalb glaube ich, dass es für die vier eine Auszeichnung ist. Lars Stindl als Kapitän und Yann Sommer als Vize wurden ja vom Trainer bestimmt. Für uns alle bedeutet das eine Verantwortung, von außen sieht man eher nicht so, was der Mannschaftsrat entscheidet. Auch wenn es mal ungemütlich wird, ist es wichtig, alle zu vertreten. Das ist nicht immer ganz einfach, ich kenne das ja schon lange. Aber ich glaube, dass wir Jungs gewählt haben, die die Mannschaft gut vertreten werden.

Vor allem sind alle erfahren.

Jantschke Definitiv. Ich würde das aber auch nicht zu sehr auf den Mannschaftsrat konzentrieren. Wir haben mit Chris Kramer und Matthias Ginter weitere Spieler, die Verantwortung übernehmen...

... die man sich auch hätte vorstellen können.

Jantschke Der Öffentlichkeit ist oftmals nicht so klar, wie so eine Mannschaft funktioniert. Ich weiß ja auch nicht, wie die Stimmenverteilung war. Vielleicht habe ich nur mit einer Stimme vor Chris gewonnen. Das ist aber nicht so entscheidend. Wir haben genügend Spieler, die eine Mannschaft führen können. Wenn ein Nico Elvedi was zu sagen hat, dann sagt er das auch. Der Rest kommt nicht jeden Tag mit einem Heiligenschein rein und lässt sich auf die Schulter klopfen.

André Schubert hat den Mannschaftsrat viel eingebunden. Wie ist das bei Dieter Hecking?

Jantschke Ich weiß gar nicht, ob den Leuten bewusst ist, dass er ein Trainer ist, mit dem jeder Spieler viel reden kann. Natürlich nimmt er sich den Mannschaftsrat mal zur Seite, Lars als Kapitän noch häufiger. Generell ist Dieter Hecking sehr kommunikativ, er will viel Meinung haben. Jeder kann zu ihm hingehen, wenn er Ideen hat oder etwas anders sieht. Da ist er der Letzte, der nicht zuhört.

Hat es nach dem HSV-Spiel im Mai eine richtige Standpauke gegeben? Man hat das Gefühl, dass die Mannschaft nun fokussierter ist.

Jantschke Es wurde klar angesprochen, dass die Art und Weise nicht ging. Aber ich will auch nicht zu weit zurückblicken, das ist jetzt abgehakt. Alle haben gesehen, dass das weit weg vom Optimum war.

Wie lassen sich in einer Mannschaft die vielen Unterschiede zusammenbringen: all die Altersstufen, Charaktere, sozialen und kulturellen Hintergründe?

Jantschke Im Vereinsfußball kommt es sehr darauf an, was für Spielertypen du verpflichtest. In Gladbach wurde in den vergangenen Jahren sehr viel Wert drauf gelegt, dass die Neuen charakterlich reinpassen. Das gelingt Jahr für Jahr. Hinzu kommt, dass wir in der Mannschaft eine sehr gesunde Hierarchie haben. Die hat sich in der Zeit mit Filip Daems, Roel Brouwers, Martin Stranzl, Mike Hanke und Thorben Marx entwickelt. Ein Stück weit ist es die alte Kultur mit klaren Hierarchie, die die Jungen aber sehr einbindet. Mit Leuten wie Lars und Yann haben wir auch heute Chefs. Aber das Zusammenspiel zwischen Jung und Alt ist sehr gut, da gibt es bei uns keinerlei Probleme.

Wo stehen Sie mit Ihren 28 Jahren?

Jantschke Ein junger Spieler sagt sicherlich manchmal, dass zu hart mit ihm umgegangen wird. Ich sage dann aber vielleicht, inzwischen als Vertreter der älteren Fraktion, dass man ihm noch mehr in den Hintern treten könnte (lacht).

Kann es sogar hilfreich sein, wenn nicht alle Typen gleich sind?

Jantschke Wir haben angesprochen, dass wir uns in gewissen Situationen mehr die Meinung geigen müssen. Das ist über Jahre unsere Stärke gewesen in Gladbach, dass wir die Dinge klipp und klar ansprechen. Wenn es in eine falsche Richtung läuft, müssen wir uns das sagen. Das wollen wir mit den Führungsspielern wieder etwas mehr in den Vordergrund rücken, damit das Gebilde stabil bleibt.

Die Älteren erinnern sich, aber Sie waren auch mal der 18-Jährige im Team.

Jantschke Das ist verdammt lange her und lässt sich mit heute kaum noch vergleichen. Ich will gar nicht sagen, dass früher alles besser oder schlechter war. Es war einfach anders, bedeutend härter für die jungen Spieler.

Inwiefern?

Jantschke Ein älterer Spieler hat zum einen ungern auf seinen Platz verzichtet und entsprechend gebissen und gekratzt. Zum anderen war die Hierarchie noch eine andere, das ist alles etwas lockerer geworden im Umgang miteinander. Früher hättest du sofort umgesetzt, was dir ein älterer Spieler sagt. Heute wird eher nochmal diskutiert oder erst beim dritten Mal umgesetzt.

Dafür steht ein Nico Elvedi mit nur 21 Jahren in der Mitte des Alters-Ranking. Wir müssen ja nicht drumherum reden, dass Sie schon zu den Alten gehören.

Jantschke Absolut. Ich habe das gemocht früher, ein gewisser Respekt und eine gewisse Struktur gehören dazu. Deshalb versuche ich auch, das zu vermitteln. Aber ich merke natürlich, dass die jungen Spieler anders ticken und ich vielleicht manchmal zu altmodisch denke. Ich lerne selbst nie aus. Man muss einen guten Mittelweg finden. Ich finde, dass Lars das als Kapitän herausragend macht und immer eine gute Balance findet.

Und jeder Spieler reift auf seine Weise. Sie sind 28, Patrick Herrmann ist 27, aber Sie beide sind völlig unterschiedliche Typen.

Jantschke Patrick ist eine echte Frohnatur, die für jeden Spaß zu haben ist. Manchmal verorte ich ihn scherzhaft noch im Kindergarten (lacht). Ich habe immer schon zu den älteren Spielern aufgeschaut.

Im Prinzip doch auch schon, als Sie 22 waren.

Jantschke Ja, ich hatte sofort mehr mit Oliver Neuville, Christofer Heimeroth, Patrick Paauwe, Alex Voigt oder Tobi Levels zu tun. Anfangs saß ich neben Eugen Polanski, der zwar zu den Jungen gehörte, aber damals schon eine Führungspersönlichkeit war. Von diesen Typen habe ich mir viel abgeguckt. Wie gesagt, manchmal bin ich auch vielleicht zu altmodisch und pflaume einen jungen Spieler zu schnell an. Aber da müssen sie halt durch (lacht).

Sie haben anfangs gesagt, dass Sie nicht wissen, was in der Zukunft passiert. Wenn Sie trotzdem einmal perspektivisch denken: Sehen Sie sich mit 37 noch auf dem Platz oder könnte auch mit 32 schon Schluss sein?

Jantschke Schwierig zu sagen, ich glaube, das hängt viel von meinem Körper ab. Zum Glück hatte ich sehr wenige große Verletzungen. Schneller werde ich nicht mehr, viel langsamer auch nicht. Ich glaube aber, dass ich mein Spiel immer rüberbringen kann. Wie lange das von der Fitness her geht, weiß ich nicht. Es wird immer athletischer. Ich mag meinen Job und liebe es, Fußball zu spielen. Aber Sie wissen auch, dass das nicht alles bei mir ist. Ich habe viele Dinge im Kopf, die ich mir vorstellen könnte. Am Ende entscheidet der Körper, und es kommt immer darauf an, wie die Konstellation ist, was den Verein und die Familie angeht.

Und nach dem Karriereende?

Jantschke Mein Traum ist es, in meine Heimat zurückzukehren. Davon bin ich eigentlich auch noch nicht abgewichen. Man weiß aber nie, was im Fußball passiert. Vielleicht bekomme ich einen Job, den ich nicht ablehnen kann.

Sie würden also nichts ausschließen im Fußball.

Jantschke Ich glaube, dass ich gerade taktisch nicht auf den Kopf gefallen bin und eine Mannschaft ganz gut verstehe. Aber Cheftrainer ist wohl nichts für mich. Vor denen habe ich absolute Hochachtung, weil sie für jeden Mist ihren Kopf hinhalten müssen. Ansonsten würde ich nichts ausschließen.

Auch nicht Manager?

Jantschke Ich könnte mir vieles vorstellen, vielleicht Jugendtrainer...

... oder ein Nachwuchsleistungszentrum leiten?

Jantschke Auch eine coole Sache. Aber ich könnte mir auch vorstellen, ganz mit dem Fußball aufzuhören und etwas im Immobilienbereich zu machen. Mal gucken, was der Körper und der Kopf sagen. Im Fußball kann es schnell gehen. Vielleicht spielst du gerade noch deine letzte Saison und bekommst einen Job angeboten. Meinen Fußballlehrer werde ich sicherlich machen.

Bald steht Ihr 200. Bundesligaspiel an. Diese Zahl ist Ihnen aber nicht egal, oder? Patrick Herrmann hat vergangenes Jahr sein 200. gemacht für Borussia, davor lange niemand.

Jantschke Patrick zählt nicht mit seinen ganzen Ein- und Auswechslungen (lacht). Ich habe ja deutlich mehr Minuten als er und schon oft mit ihm darüber geflachst. Die 200 ist schon eine Zahl, die mich stolz machen würde, gerade wenn es einer wie Patrick das in der gleichen Zeit geschafft hat. Das zeigt, dass wir schon einiges zusammen erlebt haben.

Sie sind sozusagen die Vorzeige-Eigengewächse.

Jantschke Ich glaube schon, dass wir eine besondere Wertschätzung bei den Fans genießen. Im Endeffekt kommt es immer auf die Leistung an. Man weiß nie, wie lange es geht. Bei Patrick haben wir gesehen, dass die Zeit unter Umständen schon zu Ende gegangen wäre in diesem Sommer. Wenn ich später auf das Gebäude nebenan schauen kann und weiß, dass das entstanden ist, als wir Champions League gespielt haben, macht mich das schon stolz. Wenn ich Roel Brouwers, Mike Hanke oder Thorben Marx sehe, ist das auch immer etwas Besonderes, wenn ich daran zurückdenke, was wir erreicht haben. So richtig wird das mit dem Karriereende kommen. Da werde ich die Videoanalysten sicher fragen, ob sie mir das eine oder andere Spiel besorgen können, damit ich es mir nochmal angucken kann.