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Borussia Mönchengladbach: Tony Jantschke "Die Relegation war eine Initialzündung"

Borussia Mönchengladbach : Jantschke: "Die Relegation war eine Initialzündung"

Borussia Mönchengladbachs Tony Jantschke spricht im Interview mit unserer Redaktion über 25 Jahre Wiedervereinigung, seinen Wechsel von Ost nach West, Borussias Aufschwung und seine Zukunft.

Herr Jantschke, Sie wurden 1990, also im Jahr nach dem Mauerfall in Hoyerswerda geboren. Haben Sie das DDR-Gefühl trotzdem noch erlebt?

Tony Jantschke Das DDR-Gefühl habe ich nicht mehr erlebt, das war auch für mich zu weit weg. Natürlich habe ich mit meinen Eltern und meinen Großeltern über ihre Erlebnisse gesprochen, aber für mich ist es schwer, das zu verstehen. Ich würde eher sagen, die Ost-West-Situation, die habe ich erlebt. Selbst heute ist das ja teilweise noch ein Thema, gerade wenn man als Ostdeutscher im Westen lebt. Da wird immer mal wieder der eine oder andere Scherz gemacht, was für mich aber nicht tragisch ist. Ich bin froh, dass ich in Hoyerswerda aufgewachsen bin.

Sind Ost und West weiter zusammengewachsen in den 25 Jahren?

Jantschke Das glaube ich schon. Es war mit Sicherheit ein langsamer Prozess - und er ist noch nicht zu Ende. Nach wie vor sind die tiefsten Ecken in Ostdeutschland für Menschen aus dem Westen weit weg, genauso ist es umgekehrt. Es wird immer mehr verschmelzen, aber es wird wohl immer so sein, das man sagt: Ost und West.

Gibt es noch den typischen Ossi und den typischen Wessi?

Jantschke Man müsste erst mal definieren, was eigentlich einen typischen Ossi und einen typischen Wessi ausmacht. Ich hätte aber kein Problem damit, wenn jemand zu mir sagt, ich sei ein typischer Ossi. Ich bin stolz darauf, wo ich herkomme.

Grundsätzlich sind Sie Sachse.

Jantschke Ja, ich bin Sachse und finde das gut. In Sachsen gibt es zwei der schönsten Städte in Deutschland, Dresden und Leipzig. Und wir haben viel Kultur und die Anbindung nach Polen und Tschechien. Sachsen ist für mich mit das schönste Bundesland, das einiges zu bieten hat.

Sind Sie ein typischer Sachse?

Jantschke Nein, überhaupt nicht. Es gibt den typischen Sachsen, aber dazu gehöre ich nicht. Hoyerswerda ist ja fast schon Brandenburg. Wir reden ja auch hochdeutsch und kein sächsisch - und das ist ja immer das erste, was den Leuten einfällt, wenn man über Sachsen spricht. Ganz ehrlich: Auch für uns ist es manchmal komisch, wenn man tiefer reingeht nach Sachsen, nach Dresden oder ins Erzgebirge. Dann wird es extrem sächsisch.

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Aber Brandenburger sind Sie vom Gefühl her nicht?

Jantschke (energisch) Nein, nein, ich bin Sachse! Und das ist auch gut so.

2006 sind Sie dann von ganz im Osten ganz in den Westen gegangen.

Jantschke Ja, das war schon sehr kurios. Es gab ja auch ein paar Bundesligavereine, die näher dran sind, Berlin oder Wolfsburg. Aber ich habe mich damals für Mönchengladbach entschieden mit 16 Jahren. Vielleicht brauchte ich nach fünf Jahren in Dresden die Abwechslung, vielleicht war es mir am Anfang auch gar nicht so bewusst, wie weit weg das ist. Ich habe wohl in Erdkunde nicht gut genug aufgepasst (grinst). Es ist schon eine enorme Strecke. Ich fahre sie ja immer noch regelmäßig, wenn wir frei haben. 660 Kilometer sind es bis Hoyerswerda. Viel weiter geht es in Deutschland ja kaum. Aber zum Glück fahre ich gern Auto.

Sie sind in der Fußballschule des FV Dresden-Nord groß geworden? Hatte die noch etwas von der DDR-Sportausbildung?

Jantschke Das glaube ich schon. Es war eine richtige Sportschule, wie es sie im Westen gar nicht gab und auch nicht gibt. Ich bin mit elf Jahren aufs Sportgymnasium gegangen. Wir hatten dann zweimal Profisport, das heißt, man hat bei seinem Verein trainiert. Dann gab es normalen Schulsport und dazu fünfmal Training die Woche. Wir hatten viel Training, als ich dann nach Gladbach kam, war es im Vergleich dazu relativ wenig. Aber dafür war es intensiver. Schön war damals: Wir hatten so viele verschiedene Sportarten in der Schule. Ich fand das richtig gut. Die Schule war besser mit dem Sport zu verbinden, ohne dass der Lernstoff zu kurz kam. Mit Abschluss der zehnten Klasse bin ich dann nach Gladbach gekommen. Das war schon eine Umstellung, muss ich sagen.

Inwiefern?

Jantschke Es war halt ein ganz normaler Schulablauf. Wir hatten einmal die Woche Sport - und das nicht nur mit Sportlern. Bei uns konnte jeder Geräteturnen, hier kaum jemand.

Sie waren einer der ersten, die es dann aus dem Borussen-Internat in das Profiteam geschafft haben. War der Weg einfach?

Jantschke Teils, teils. Aber der große Reiz ist, dass man eine Profimannschaft vor Augen hast. Von den Zimmern im Internat kann man ja immer auf die Trainingsplätze der Profis schauen. Das ist der beste Ansporn, den ein junger Kerl haben kann. Aber die Auslese ist in Gladbach natürlich größer, als es in Dresden der Fall war. Hier gibt es Talente ohne Ende.

Sie haben es aber geschafft - und seit ihrem ersten Spiel Ende 2008 ist im Verein viel passiert.

Jantschke Das kann man kaum in Worte fassen. Wir spielen jetzt zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren in der Europa League. Und was wurde früher alles geschrieben: Kaufhaus des Westens, überalterte Stars und und und. Ich habe das alles gelesen, als ich aus Dresden kam. Wahnsinn, was seitdem passiert ist.

Sie selbst stehen auch für diese Einwicklung. Ein Eigengewächs, das erst geduldig sein musste, dann drin war im Profiteam und sich Jahr für Jahr gesteigert hat.

Jantschke Sicherlich bin ich ein Bestandteil dieser Entwicklung. Wenn ich zurückblicke, ist es Wahnsinn, welche Bedeutung die Relegation hatte. Das nimmt man anfangs gar nicht so wahr. Wir hatten eine sehr schlechte Saison gespielt, haben dann die Klasse gehalten und uns gefreut. Aber welchen Schwung wir daraus mitgenommen haben. Man hat vorher schon an Hannover und danach an Hoffenheim gesehen, was solche Spiele für ein Team ausmachen können. Wenn wir auf diesem Weg nüchtern und gut weiterarbeiten, dann haben wir eine gute Chance, nach vorn zu kommen.

Wie wirkt sich das aus?

Jantschke Es geht nicht nur um die Mannschaft, sondern um alles im Verein. Es ist Wahnsinn, welcher Teamgeist hier entstanden ist. Die Fans zum Beispiel. Ich weiß gar nicht, wann die zuletzt richtig gepfiffen haben. Sie stehen immer hinter uns. Sie haben ein gutes Gespür. Das haben wir uns zum Teil erarbeitet. Aber ich glaube, es hat durch die Relegation bei allen, die etwas mit Borussia zu tun haben, ein Umdenken stattgefunden. Der Lohn ist jetzt die gute Entwicklung.

Die Relegation war also eine Art Initialzündung?

Jantschke Ja, das kann man so sagen. Natürlich war der Trainer ein Glücksgriff, es sind tolle Spieler gekommen, es gibt gute junge Spieler aus dem eigenen Stall, da hat sich alles super zusammengefügt.

Der Mönchengladbacher Aufschwung mündete zuletzt in einer Serie von 18 Spielen ohne Niederlage. Nun wurde in Dortmund verloren. Bleibt Borussia trotzdem in der Erfolgsschiene?

Jantschke Das hoffe ich doch. Wir haben einen schönen Rekord aufgestellt. Aber wir haben uns davon nicht blenden lassen, weil wir immer nur auf das nächste Spiel schauen. Es ist ja nicht viel passiert, wir haben kein gutes Spiel in Dortmund gemacht und vorher auch in Limassol nicht so gut gespielt. Vielleicht waren wir im Kopf etwas müde nach den schweren Wochen zuvor, vielleicht hat der letzte Funken Konzentration gefehlt. Das ist aber normal. Jetzt wollen wir unser Heimspiel gegen Frankfurt gewinnen. Wir sind sehr heimstark, das wollen wir weiter zeigen.

Sie haben, als Sie Ihren Vertrag bis 2018 verlängert haben, gesagt, Sie könnten sich vorstellen, ein ewiger Borusse zu werden. Zuletzt haben Sie gestanden, dass Sie bei einer Anfrage von Real Madrid schwach werden würden.

Jantschke (grinst) Natürlich weiß man im Fußball nie, was passiert. Das mit Real habe ich gesagt, weil es mir auf die Nerven geht, was da alles in den Zeitungen steht mit irgendwelchen Vereinen, AC Mailand, Arsenal London oder irgendein anderer Verein. Aber machen wir uns nichts vor: Ich habe den Vertrag bis 2018 unterschrieben und daran gibt es nichts zu rütteln. Max Eberl hat mich hierhergeholt, wir kennen uns lange und es gibt zwischen uns keine großen Verhandlungen. Wichtig ist die Jahreszahl, die im Vertrag steht. So lange bleibe ich Borusse. Das habe ich auch immer gesagt. Ich hoffe, dass ich den Weg mit Borussia so lange wie möglich gehen kann.

Sie sind ein vielseitiger Spieler, aber egal, wo sie spielen, trifft auf Sie ein Merkmal zu: Zuverlässigkeit. Würden Sie das unterschreiben? Schließlich sind Sie auch Kassenwart im Team.

Jantschke Das trifft es. Das weiß auch jeder im Team und im Verein. Es ist mir auch sehr wichtig, dass man sich auf mich verlassen kann. Ich hatte einen Trainer in Dresden, Thomas Baron, der sagte mir: Das Einfache ist das Geniale. Das habe ich mir zum Motto gemacht. Keine Überdinge machen, das tun, was man kann, aber das richtig gut. Hans Meyer hat mal über Tomas Galasek gesagt, dass er es nicht schafft, selber zu glänzen, aber es schafft, dass seine Mitspieler glänzen. Wenn man das mal über mich später sagt, wäre ich stolz. Und auch, wenn Borussias Fans später an mich denken und sagen: Ja, Jantschke, auf den kann man sich verlassen.

Geht es nach der Karriere zurück in die alte Heimat?

Jantschke Davon gehe ich stark aus. Ich habe den Niederrhein lieben gelernt und fühle mich hier sehr wohl. Aber mein Lebensmittelpunkt wird immer in Dresden und Hoyerswerda sein. Ich habe dort ja auch ein Fußballcamp und ein paar Wohnungsprojekte laufen. Mein Traum ist es schon, später zurückzugehen.

Das Interview führte Karsten Kellermann.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Tony Jantschke

(kel)