Borussia Mönchengladbach: Tobias Strobl im Interview

Tobias Strobl im Interview: "Von oben nimmt man das Spiel anders wahr"

Der Defensivallrounder spricht über den Umgang mit seiner Kreuzbandverletzung, seine Rückkehr und die Perspektive des Beobachters.

Der Defensivallrounder Tobias Strobl spricht über den Umgang mit seiner Kreuzbandverletzung, seine Rückkehr und die Perspektive des Beobachters.

Herr Strobl, Sie haben sich am 4. August beim Testspiel in Leicester einen Kreuzband- und Meniskusriss zugezogen und dann über sieben Monate gefehlt. Wie fühlt es sich an, jetzt wieder regelmäßig mit dem Team zu trainieren?

Tobias Strobl Es ist sehr schön, endlich wieder ein Teil der Mannschaft sein. Monatelang war man nicht dabei. Wenn die Jungs raus auf den Platz gingen, ging ich in den Kraftraum. Ich habe früh trainiert im Kraftraum, dann ging ich nach Hause, und die anderen kamen mir entgegen. Ich lief nebenher, das ist schwer für einen Mannschaftssportler, vielleicht sogar schwerer für die Psyche, als die Verletzung an sich. Aber das sind Punkte, an denen man auch als gestandener Profi noch dazulernt.

Was haben Sie getan, um trotzdem den Kopf oben zu behalten?

Strobl Ich habe schnell gespürt, dass es eine schlimmere Geschichte ist, darum war ich auch schnell mit mir im Reinen, was die Verletzung angeht. Es war mir klar, dass es nichts bringt, in Selbstmitleid zu verfallen, allein für den Heilungsprozess. Darum habe ich mir die Zeit und die Ruhe genommen und mich darum gekümmert, dass es mir menschlich und emotional gut geht. An das Comeback habe ich zunächst mal gar nicht gedacht. Ich habe ja einige Erfahrung und kenne meinen Körper, es hat keinen Sinn, zu schnell zu viel zu wollen. Ich habe während der gesamten Reha versucht, das richtige Maß zu finden - und bis jetzt, toi, toi, toi, ist es gut gelaufen.

Tut es gut, wenn man in der Zeit der Abwesenheit ab und an hört, dass man dem Team fehlt?

Strobl Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich in den ersten fünf Monaten so gut wie gar nicht mit Fußball beschäftigt habe. Das hat mir sehr gut getan und war gar nicht so schwer, wie man meinen könnte bei einem Profi. Es gibt neben dem Fußball noch einige andere Dinge, die ich machen konnte - und darauf habe ich mich ganz bewusst eingelassen.

Was war das zum Beispiel?

Strobl Ich habe es sehr genossen, mal am Wochenende frei zu haben, war bei mehreren Familienfesten dabei, was sonst im normalen Alltag nicht möglich ist. Ich war als Pate bei der Geburt des Sohnes meines Bruders und war auch bei der Geburt des Sohnes meines besten Kumpels dabei. Solche Sachen tun sehr gut. Natürlich hatte ich das Ziel, so schnell wie möglich zurückzukommen, aber ich habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Das war für mich der richtige Ansatz.

Sie waren im Krankenstand ja in guter und vor allem großer Gesellschaft. Haben Sie in Ihren vorherigen Klubs so eine Situation schon mal erlebt?

Strobl Nein, das ist schon eine Ausnahmesituation. Verletzungen gehören dazu in unserem Job. Dass es aber so extrem ausgefallen ist in dieser Saison, ist schon blöd.

Haben Sie die Tage bis zur Rückkehr gezählt?

Strobl Am Schluss auf jeden Fall. Ich habe mich zwischenzeitlich informiert, welche Reha-Zeiten andere Spieler in letzter Zeit mit einer solchen Verletzung hatten. So hatte ich einen Rahmen, an dem ich mich orientieren konnte. Es gab zum Glück bei mir nie einen größeren Rückschlag, da haben alle, sowohl die Physios als auch die Reha-Abteilung, sehr gute Arbeit geleistet.

Es heißt, Sie waren ein pflegeleichter Patient.

Strobl (grinst) Es waren schon Tage dabei, an denen ich ein Stinkstiefel war. Da ging mir dann alles da unten auf die Nerven, weil es immer dasselbe Programm war. Irgendwann hängt es dir zum Hals raus. Aber im Großen und Ganzen habe ich es, glaube ich, ganz gut durchgezogen.

Ist die Zeit kurz vor dem Comeback die schlimmste Zeit bei einer Verletzung?

Strobl Auf jeden Fall. Ich bin jetzt seit etwas mehr als zwei Wochen im Teamtraining - aber ich bin ja erst mal teilintegriert gewesen und durfte noch nicht richtig in die Zweikämpfe gehen. Dabei bin ich ja eher der, der die Zweikämpfe führt, der rackert und macht. Da gehört Körperkontakt dazu, und deswegen komme ich mir manchmal etwas komisch vor, wenn ich gerade da aufpassen muss. Aber es macht natürlich Sinn nach meiner Verletzung, das Ganze behutsamer anzugehen.

Gibt es schon eine Prognose, wann Sie wieder im Kader sein können? Vielleicht schon gegen Mainz am Ostersonntag? Oder eher gegen Berlin am 7. April?

Strobl Ich gucke erst mal noch von Tag zu Tag. Ich werde jetzt wieder in die Zweikämpfe gehen dürfen, das ist dann noch mal eine andere Sache. Da muss ich dann sehen, wie es sich anfühlt, nicht nur mit dem Knie, sondern insgesamt. Es muss alles wieder ein Automatismus werden.

Wie verhindern Sie gerade in dieser Phase Muskelverletzungen? Die Muskulatur wurde über Monate nicht richtig beansprucht.

Strobl Das ist jetzt gerade das Schwierige an der Phase. Es fühlt sich alles sehr gut an, sehr stabil. Trotzdem war ich sieben Monate raus. Ich hatte auch mit unserem Reha-Trainer intensive Einheiten, aber das kann man alles nicht vergleichen mit dem Mannschaftstraining. Deswegen muss ich in den ersten drei, vier, fünf Wochen sehr aufpassen und mich richtig gut pflegen, damit nichts passiert. Das ist aktuell die Herausforderung.

Welche Rolle spielt die Ernährung gerade in so einer Phase?

Strobl Während meiner Verletzung, das muss ich zugeben, habe ich am Anfang einfach mal das gegessen, worauf ich Lust hatte. Da habe ich mir gesagt: Das muss jetzt so sein, es ist wichtig, dass es mir gut geht, und da will ich mich jetzt nicht zurücknehmen. Normal schaue ich aber sehr auf meine Ernährung, auch jetzt. Wir sind alle Profis genug, um zu wissen, wie wir uns ernähren müssen.

Sie waren in dieser Saison bisher nur Zuschauer. Wie haben Sie die Spiele erlebt und wie sehr haben Sie sich zuweilen geärgert?

Strobl Ich kann auf jeden Fall sagen: Von oben auf der Tribüne nimmt man das Spiel ganz anders wahr. Wir haben gute Spiele gemacht, aber es gab immer wieder etwas anderes, woran es etwas auszusetzen gab. Es ist eine blöde Situation, wenn man da oben hockt und den Mitspielern eigentlich helfen will. Selbst wenn es nur im Training ist, in das man mehr Wettkampf reinbringt. Irgendwann hat sich die Mannschaft ja von selbst aufgestellt, und es ist immer schwierig, wenn es keine echte Konkurrenzsituation ist. Das hat natürlich Konsequenzen für das Team, da fehlt dann vielleicht ein bisschen was, eben weil jeder weiß, dass er spielt. Trotzdem finde ich, dass es das Trainerteam und die Mannschaft sehr gut gemacht haben angesichts der Umstände.

Die Reihen der Verletzten lichten sich.

Strobl Ich hoffe, dass jetzt in den letzten sieben Spielen möglichst viele Spieler zurückkommen. Da gibt es wieder eine andere Situation im Training, und der Trainer hat eine ganz andere Auswahl. Wenn es so ist und sich keiner mehr verletzt, bin ich guter Dinge, dass wir die letzten Spiele positiv gestalten können.

Yann Sommer hat gesagt, Borussia stehe zu Recht da, wo sie steht. Hat er Recht?

Strobl Das ist schwer zu sagen. Man darf nicht alles auf die Verletzten schieben. Es gab halt immer wieder etwas, was nicht passte. Wir haben oft die Tore nicht gemacht oder unnötige Gegentore bekommen und solche Sachen. Dazu kommt dann auch, dass wir manchmal einfach nicht das Glück hatten. Schalke zum Beispiel spielt oft nicht besser als wir, hat aber die Ergebnisse. Das ist manchmal der Unterschied. Ich finde nicht, dass wir viel schlechter spielen als in der Hinrunde. Da haben wir aber die Tore gemacht und hatten manchmal auch das Glück auf unserer Seite. Dann passten die Ergebnisse auch. Jetzt waren wir in einem Negativstrudel. Aus dem sind wir aber meines Erachtens raus und wollen jetzt noch einiges holen.

Sie haben die Hinrunde angesprochen. Nach dem Sieg gegen den FC Bayern München kam der Break. Das geht vielen Teams so, die die Bayern besiegen. Sie haben das in Hoffenheim auch erlebt. Erklären Sie das doch bitte einmal.

Strobl Solche Sache nerven mich. Wenn man die Bayern besiegt, heißt es doch nicht, dass man danach weniger Elan hat. Vielmehr will man das bestätigen, was man gegen die Bayern gezeigt hat. Komisch ist das Phänomen schon, aber ich versichere Ihnen, dass da keiner ist, der nicht alles gibt, um zu gewinnen. Vielleicht schaut man mehr auf eine Mannschaft, die gegen Bayern gewonnen hat, und der Anspruch steigt.

Gestiegene Ansprüche als Kehrseite des Erfolgs?

Strobl Ja, das kann man so sagen. Es ist doch so bei Borussia: Durch die Erfolge der vergangenen Jahre sind die Erwartungen größer geworden. Natürlich haben wir Champions- und Europa League gespielt, aber daraus darf man keine Ansprüche ableiten. Außerdem haben wir noch alles in der Hand. Wir sollten in der Länderspielpause alle richtig durchschnaufen, und dann greifen wir noch mal richtig an in den letzten Spielen. Dann gucken wir mal, ob es noch für Europa reicht. wir werden alles dafür in die Waagschale werfen.

(kk)