Borussia Mönchengladbach sucht nach der Wahrheit

Spitzenteam oder Mittelfeld : Borussia sucht nach der Wahrheit

Ist Borussia Mönchengladbach ein Spitzenteam? Daran wachsen wegen der zuletzt dürftigen Ergebnisse die Zweifel. In Mainz will das Team die Wende einleiten. Ansonsten droht dem Verein mehr als nur der Verlust der Punkte.

Vergangenen Sonntag, nach dem düsteren 1:5 gegen den FC Bayern München, saß Hans Meyer, Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach, im „Sport-1-Doppelpass“. Meyer, früher selbst Trainer der Borussen, war um Einordnung bemüht. Die aktuelle Phase der Gladbacher, die in den letzten vier Spielen nur einen Punkt holten bei einem Torverhältnis von 2:12, belege, dass das Team auf den Plätzen zwei und drei nichts zu suchen habe. Gleichwohl sei auch die Misswirtschaft der letzten vier Wochen nicht die Wahrheit über Borussia in der Saison 2018/2019.

Daran schließt sich die Frage an: Was ist die Gladbacher Wahrheit? Die Antwort wird es in den letzten zehn Spielen der Saison geben, und das erste ist das am Samstag (18.30 Uhr) bei Mainz 05. Ein Gegner aus der Kategorie unangenehm. Weswegen es für die Borussen ein sportlicher wie mentaler Test ist: Können sie Krisenmanagement, können sie die Wende schaffen? Wichtig wäre es, denn ansonsten würde sich das, was sie partout nicht Krise nennen wollen, verschärfen.

Es steht viel auf dem Spiel. Zum einen das, was sich die Borussen aufgebaut haben in den ersten 20 Spielen. Nur zweimal standen sie nicht auf einem Champions-League-Rang, weswegen sie zwischenzeitlich einsortiert wurden als Überraschungsteilnehmer am Titelrennen. Solcherlei Gedankengut wollte Meyer mit seiner Einlassung zurechtrücken. Aber andersherum: Wer so lange so weit oben steht, ist dann was? Nun, Europa ist das Ziel, mindestens die kleine Variante namens Europa League. Doch hätte es für die Borussen nicht nur Charme, wieder auf der ganz großen Bühne dabei zu sein.

Die Champions League ist eben auch ein Lockmittel. Nicht nur für neue Spieler, sondern auch für die, die da sind und als Köpfe des Teams langfristig helfen könnten: Thorgan Hazard, der bei vielen Top-Klubs gehandelt wird und nur einen Vertrag bis 2020 hat. Wird der Kontrakt nicht ausgeweitet, geht der Belgier im Sommer. Dass der Faktor Champions League bei ihm eine Rolle spielt, hat er gesagt. Auch Matthias Ginter, der nach der neuen Sachlage im Nationalteam künftig eine gewichtigere Rolle spielen dürfte, hat sicher großes Interesse, sich auch im Klub auf dieser Bühne zu beweisen.

Die vergangenen Wochen haben auch eine größere Planungsicherheit für Manager Max Eberl verhindert. Er kann nun das internationale Geschäft nicht ohne ein „vielleicht“ in Verhandlungen mit eventuellen Zugängen verkaufen. Das kann zu Verzögerungen führen. Dabei ist auch auf dem Transfermarkt Zeit Geld. Letzteres gäbe es durch die Champions-League-Qualifikation zuhauf. Die Borussen planen nicht mit dem Geld, doch nutzen würden sie es gern, um das Tream weiter zu verstärken. Dass ein Champions-League-Teilnehmer auch im Kontext der Internationalisierung klangvoller ist, ist ebenfalls logisch.

Natürlich steht auch die neue sportliche Ausrichtung auf dem Prüfstand. Trainer Dieter Hecking hat auf Offensive gesetzt, auf ein mutiges, angriffslustiges Spiel. Nun ist der Überraschungseffekt vorbei und es wird sich zeigen, wie stark der Ansatz auf Strecke ist. Kann Heckings 4-3-3 zum Symbol für eine neue Ära in Gladbach werden?

Dafür muss Borussia die Konsequenz und die Effektivität wiederfinden, die das Team ausgezeichnet hat, vorn wie hinten. Vor allem muss sie defensiv wieder dicht machen: Sie hatte die beste Abwehr der Liga bis Anfang Februar. Steht die Null, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit groß, denn vorn gibt es einige Herren, die jederzeit treffen können. Aber auch da gilt: Sie müssen es wieder tun. Effektivität ist nun mal die Folge von Konsequenz.

Wie es ist, wenn Borussia all das auf den Rasen bringt, bekam Mainz in der Hinserie zu spüren, das 4:0 war der höchste Liga-Sieg dieser Saison. Nun wird das Rückspiel ein Wegweiser sein für die Gladbacher. Verlieren sie, drohen sie erstmals seit dem vierten Spieltag aus den Champions-League-Rängen zu rutschen, wenn Frankfurt siegt. Die Eintracht ist wie Leipzig (3. Platz) und Leverkusen (6.) im Aufwind, Gladbach nimmt sich indes die erste Schwächephase der Saison. Sie nun in Mainz zu beenden und damit auch den anderen zu zeigen, dass man zwar gestrauchelt, aber nicht gefallen ist, wäre eine psychologisch wertvolle Botschaft. Auch an sich selbst. Denn plötzlich Verfolger zu sein und es nicht mehr selbst in der Hand zu haben, das ist schon eine andere Geschichte. Es wäre zudem ein Fingerzeig an die Kritiker, die vermuten, dass Borussia doch nicht bereit sei, Großes zu erreichen.