Borussia Mönchengladbach: Stephan Schippers will beim bisherigen Transferkonzept bleiben

Borussia-Geschäftsführer Schippers : „Wir würden nie die Existenz dieses Klubs riskieren“

Borussias Geschäftsführer Stephan Schippers erklärt im Interview unter anderem, warum der Verein bei Transfers trotz des Erfolgs weiter ohne Wagnis agieren wird. Für das Geschäftsjahr 2019 gibt er schonmal einen positiven Vorgeschmack.

Herr Schippers, zwischen 2010 und 2020 hat sich Borussia extrem entwickelt. Wie ordnen Sie das ein?

Schippers Wenn man die Spielzeit 2010/2011, als wir im Abstiegskampf waren und einen Umsatz von 68 Millionen Euro hatten, mit heute vergleicht, ist das schon ein gewaltiger Sprung. Unser Umsatz hat sich nahezu verdreifacht, sportlich spielen wir regelmäßig im oberen Drittel der Bundesliga mit und haben in dieser Saison zum fünften Mal in neun Jahren in Europa gespielt. Der Startschuss für diese Entwicklung war der Stadionbau 2004, damit konnte eine neue Zeitrechnung anfangen.

Wie kann man das vergangene Jahr, in dem Borussia die Europa League erreicht und große Transferumsätze getätigt hat, wirtschaftlich einordnen? 2016 war mit 197 Millionen Euro Umsatz das bislang erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte – ist das zu toppen?

Schippers 2019 war zunächst einmal ein schönes und erfolgreiches Jahr. Wir haben das neue Gebäude „Borussia 8 Grad“ eröffnet, auch unser Museum und den neuen Fohlenstall. Das sind Meilensteine in der Geschichte Borussias. Dass wir uns dann sportlich nach zwei Jahren wieder für die Europa League qualifiziert haben, ist eine wunderschöne Sache. Dass all das zusammen ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Jahr macht, liegt auf der Hand. Wir werden die 100 Millionen Euro Eigenkapital knacken – das ist für einen Verein wie Borussia eine tolle Marke. Ich möchte jetzt nicht weiter ins Detail gehen, denn das werden wir wie immer bei unserer Mitgliederversammlung tun.

Welche Wachstumsmöglichkeiten gibt es im Borussia-Park noch?

Schippers Wir sind und bleiben ein Fußballverein, das steht über allem. Wir sind kein Bauunternehmen. All die Investitionen in die Infrastruktur sind Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck. Damit haben wir Möglichkeiten, den Fußball noch professioneller vermarkten zu können, geschaffen. Wir zahlen pro Jahr rund eine Million Euro für das neue Gebäude ab, verdienen aber schon jetzt zwei Millionen Euro damit.

Geplant ist noch ein Trakt für die Profis – die letzte Baumaßnahme?

Schippers Der Wunsch der Abteilung Sport ist, dass wir den Blick darauf richten, die Trainings- und Arbeitsbedingungen um das Team noch mehr zu optimieren. Wir müssen jetzt schauen, wie wir das realisieren können. Aber wir sind noch nicht so weit – schon darüber hinaus zu schauen, ist zu weit weg.

2020 jährt sich die erste Meisterschaft zum 50. Mal.

Schippers Das ist ein wunderbarer Termin mit tollen Erinnerungen. Auch Borussias erste Reise nach Israel jährt sich zum 50. Mal. Auch darauf sind wir stolz. Borussia hat damals Geschichte geschrieben, hat das vermittelnde Element des Sports gelebt. Der erste Fokus 2020 liegt aber auf der Rückrunde. Wir wollen an den sehr erfolgreichen ersten Saisonteil anknüpfen. Ansonsten arbeiten wir daran, all das, was entstanden ist, emotional richtig zum Funktionieren zu bringen.

Wie groß ist die Aufgabe noch?

Schippers Sie ist noch groß. Auch als wir 2004 in den Borussia-Park eingezogen sind, hat es ein paar Jahre gedauert, bis alle hier richtig angekommen sind. Die Menschen können Borussia hier jetzt hautnah erleben, regelrecht einatmen, sie können hier essen und trinken und übernachten. Aber bis sich alles perfekt eingespielt hat, braucht es ein bisschen. Aber das ist eine wunderschöne Aufgabe.

Die Fans haben gerade das Relegations-Tor von Igor de Camargo 2011 gegen Bochum zum Tor des Jahrzehnts gewählt. Wäre die ganze Entwicklung, über die wir gerade gesprochen haben, ohne dieses Tor möglich gewesen?

Schippers Die Relegation war für mich die Stunde null, wenn man das so sagen darf. Es war wie ein Umkehrschub und dann ging es volle Kraft nach vorn.

Es gab einen großen sportlichen Sprung. Hat sich da manches sogar selbst überholt?

Schippers Eigentlich wünscht man sich ja so ein Tempo im Wachstum. Aber es muss gesund und nachhaltig bleiben – da sind wir auf einem guten Weg.

Zum Wachstum gehört auch die Internationalisierung, seit 2018 hat Borussia das Büro in China. Zugleich sind da die Themen Familienverein und Fankultur.

Schippers Wir sind der Überzeugung, dass wir beim Thema China, bei dem wir nach knapp zwei Jahren schon schwarze Zahlen schreiben, ein dickes Brett zu bohren haben. Wir wollen einen kleinen Fußstapfen auf diesem gigantischen Markt hinterlassen und langfristig das Ziel erreichen, in China zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Wenn man sportlich international mitmischen will, muss man sich auch trauen, solche Schritte zu machen. Wir verstehen das auch als Verpflichtung gegenüber der DFL, deren Aufgabe es ist, für den deutschen Fußball neue Märkte zu erschließen. All das wird aber nicht das Gesicht unserer Borussia oder die Fankultur tangieren. Wir wollen so bleiben wie wir sind, trotzdem müssen wir neue Möglichkeiten ausloten, wie wir Geld verdienen können. Ich denke, dass unsere Fans das auch genauso wahrnehmen und dass das Thema China durchaus positiv angekommen ist.

Gesucht wird noch ein neuer Hauptsponsor. Sportdirektor Max Eberl hatte angedeutet, dass es zwei, drei engere Kandidaten gibt. Wird es ein nationales oder internationales Unternehmen?

Schippers Ausschließen will ich nichts. Wir sind noch in einer Phase, in der wir nichts zu vermelden haben. Wir sind in intensiven Gesprächen, aber es gibt keine zeitnahe Deadline.

Wird Borussia mit dem neuen Hauptsponsor einen Schritt in Richtung der Konkurrenten wie Bayern, Dortmund oder Schalke machen, was das Volumen angeht?

Schippers Es ist das Ziel, den sportlichen Erfolg der vergangenen Jahre in die Zukunft zu transportieren. Die genannten Vereine sind aber sicherlich in anderen Dimensionen unterwegs. Wir suchen einen Sponsor, der zu Borussia Mönchengladbach passt. Da spreche ich nicht über Farben, sondern über unseren Wunsch, einen soliden Partner zu finden, mit dem wir nachhaltig arbeiten und dessen Kernaussage sich mit unserer deckt.

Spielt in den Gesprächen eine strategische Partnerschaft eine Rolle?

Schippers Im Moment nicht. Aber man darf solche Ansätze nicht ausschließen, wenn man sich anschaut, was im Fußball passiert. Es gibt verschiedene Modelle, doch wir machen keinen Hehl daraus, dass das Modell von Bayern München mit dem strategischen Unterlegen eines langfristigen Sponsorings bei uns Sympathien hat. Wir sind weiterhin ein Verfechter von 50 plus 1, und wenn solche Gedankenspiele in Zukunft da sind, dann reden wir über marginale Prozentzahlen. Aber grundsätzlich sind wir bei dem Thema noch in der reinen Theorie.

Max Eberl hatte zuletzt nochmal klargestellt, dass Investorenmodelle nicht infrage kommen. So stößt man an Grenzen. Wie viel Luft nach oben ist da?

Schippers Wir haben, was den Umsatz angeht, in den vergangenen Jahren bis auf kleine Dellen, immer einen kontinuierlichen Anstieg gehabt. 2016 war ein Peak, weil wir Champions League gespielt haben und mit Granit Xhaka den Rekordtransfer hatten. Aber ein großer Faktor sind auch die Fernsehgelder, die jetzt wieder neu verhandelt werden. Was die Stadioneinnahmen angeht, werden wir bei den Eintrittsgeldern weiterhin nicht überziehen, aber wir haben im Sponsoring keinen Deckel drauf. Wir sind nicht Bundes- oder Landeshauptstadt, wir sind hier am linken Niederrhein und mit viel Konkurrenz in der Nähe unterwegs. Trotzdem haben wir einen großen Schritt gemacht. Wir haben Grenzen, ja, aber wir müssen an diesen Grenzen arbeiten. Darum gehen wir nach China, optimieren unsere Datenstruktur, vergößern unsere Reichweiten im Social-Media-Bereich, engagieren uns im E-Sport. Der Fußball bleibt das Kerngeschäft, aber die Europa-League allein bringt keinen Umsatz von an die 200 Millionen Euro, da sprechen wir in der Gruppenphase über rund sieben Millionen Euro.

Wie zum Beispiel bei der Vermarktung des Stadionnamens?

Schippers Wir sind stolz auf den Borussia-Park, das ist unser Zuhause. Ob wir jemanden finden, der sagt: Wir sind das XYZ-Stadion im Borussia-Park, müssen wir sehen. Aber wir werden nicht einen Teil unserer Identität verkaufen. Borussia Mönchengladbach steht für etwas, darum müssen wir bei allem abwägen, ob es zu uns passt oder nicht. Damit haben wir unseren Umsatz seit 1999 von 16 auf rund 200 Millionen Euro gesteigert. Und wir sind seit neun Jahren in der Bundesligatabelle in der Einstelligkeit. Das ist auch ein Erfolg der wirtschaftlichen Stabilität. Abstieg, Angst um den Arbeitsplatz – das kennen unsere neueren Mitarbeiter nicht mehr. Aber je höher man kommt, desto schwieriger sind die nächsten Schritte. Im Sport ebenso wie wirtschaftlich.

Ist vorstellbar, bei Transfers auch mal ins Risiko zu gehen, um einen Schritt nach vorn zu machen?

Schippers Wir wissen alle, was wir 1999 hier angetroffen haben. Wir hatten kein Stadion, keine Mannschaft, keine Infrastruktur, wir waren abgestiegen. Alles, was wir hatten, war die Raute. Das steht über allem. Darum bleibt es dabei, dass wir nur das ausgeben, was wir haben. Wir würden nie die Existenz dieses Klubs riskieren. Das Wissen um die Vergangenheit und der gnadenlose Realismus führen dazu, dass bei allen, die im Verein arbeiten, das nachhaltige Denken verankert ist. Und das ist nun mal die Politik der kleineren Schritte. Auch wenn es in den vergangenen Jahren sportlich etwas schneller ging.

Eberl hat angedeutet, dass es vielleicht die Möglichkeit gibt, zum Beispiel Denis Zakaria doch noch länger zu halten. Entscheidet Eberl allein oder haben Sie bei gewissen Summen ein Vetorecht.

Schippers Grundsätzlich ist Max Eberl für sportliche Entscheidungen zuständig. Aber alle Entscheidungen werden am Ende immer gemeinsam mit dem Präsidium getragen. Darum gehen wir hier in eine Richtung. Auch das macht uns stark. Aber es wird auch immer so sein, dass man als Verein bei den Topspielern irgendwann an seine Grenzen stößt. Nehmen wir Granit Xhaka: Er wollte 2016 unbedingt zu Arsenal. Was sollen wir da tun? Können wir wirklich einem Spieler, der, ganz hypothetisch, nach Manchester, London oder Liverpool wechseln kann und möchte, sagen: ‚Nein, du bleibst hier’? Aber in solch einem Fall muss es immer für alle Parteien stimmen.