Debatte zwischen den RP-Redakteuren Das muss Hecking tun, um Europa zu packen

Mönchengladbach · In seinen letzten sieben Spielen als Borussia-Trainer will Dieter Hecking die Qualifikation für den Europapokal packen. Dafür muss er Änderungen vornehmen. Unsere Redakteure haben da einige Lösungsvorschläge.

Mit einem 3-5-2 die Konter-Anfälligkeit bekämpfen (Sebastian Hochrainer)

Eine große Schwäche der Borussen war zuletzt die Anfälligkeit bei gegnerischen Kontern. Das 0:2 in Düsseldorf war ein Paradebeispiel dafür. Weil die Sicherheit im Spiel der Gladbacher derzeit fehlt, kommt es zu Ballverlusten, die zu oft im eigenen Tor enden. Eine Lösung: ein dritter Innenverteidiger.

Eine weitere Absicherung in der Abwehr würde die Verunsicherung der Borussen entschärfen können. Tony Jantschke wäre an der Seite von Matthias Ginter und Nico Elvedi genau der richtige Mann. Er ist sowieso ein Spieler, der jetzt eigentlich spielen muss. Sein Herz schlägt Borussia-rauten-förmig, sein Kampfgeist ist gefragt. Mit ihm hatte sich Gladbach auch vor dem Düsseldorf-Desaster stabilisiert.

Ein 3-5-2-System würde auch ein weiteres Problem lösen. Denn sowohl Fabian Johnson als auch Michael Lang präsentierten sich zuletzt außer Form. Patrick Herrmann dagegen ist einer der ganz wenigen Lichtblicke der jüngeren Vergangenheit. Als Außenbahnspieler würde er diese Position auf der rechten Seite in diesem System sehr gut ausführen können.

Dieter Hecking im Porträt: Trainerstationen, Erfolge
19 Bilder

Das ist Dieter Hecking

19 Bilder
Foto: dpa/Marius Becker

Eine weitere Finesse dieses Systems: sie beinhaltet eine neue Position für Thorgan Hazard. Als hängende Spitze könnte er hinter Alassane Plea, der endlich wieder ins Sturmzentrum muss, wirbeln und würde nicht mehr wie zuletzt auf der Außenbahn versauern. Hazard ist der spielstärkste Borusse, er muss aber auch in die richtigen Situationen geraten, wo er das ausspielen kann.

Und im Mittelfeld? Da muss Denis Zakaria gesetzt sein. Er ist der konstanteste Akteur im Zentrum in der Rückrunde, saß dennoch recht überraschend häufig auf der Bank. Lars Stindl und Jonas Hofmann könnten mit ihm das Spiel gestalten.

Nun könnte man damit argumentieren, dass die Borussen in diesem System gar nicht eingespielt sind. Aber im Endspurt spielen solche Dinge keine Rolle. Der im Sommer ausscheidende Dieter Hecking hat immer wieder betont, an seinem Weg festhalten zu wollen. Dieser Weg ist aber mittlerweile der falsche. Weil die Gegner das 4-3-3-System durchschaut haben. Deswegen müssen jetzt radikale Veränderungen her. Und die klare Botschaft nach außen getragen werden, dass es nur noch einen Weg gibt: Erfolg!

Dafür ist zu hoffen, dass die Spieler einer Aussage von Hecking nicht zu viel Glauben schenken. Bei der Pressekonferenz am Dienstag, als die Entscheidung der Borussen, in der nächsten Saison nicht mehr mit ihm zu arbeiten, verkündet wurde, sagte er: „Vielleicht hat die Mannschaft gerade eine Phase, in der sie normal spielt. Viele sagen, dass Borussia nach Europa gehört, das glaube ich nicht.“

Genau diese Einstellung war ein Grund dafür, dass die Gladbacher ihren großen Vorsprung verspielt und den Champions-League-Platz vier vorerst an Eintracht Frankfurt verloren haben. Die Borussen redeten sich zuletzt kleiner als sie sind. Warum spricht man am Borussia-Park nicht davon, dass man lange das gespielt hat, was man kann und jetzt nicht mehr sein Leistungslimit erreicht? Die Wahrheit wird vermutlich irgendwo in der Mitte liegen. Sie ist aber auch: Wenn die Darbietungen der vergangenen sieben Spiele, in denen Borussia fünf Punkte holte, „normal“ sind, wird es nichts mehr mit Europa.

Der Erfolg ist vor allem eine Frage der Einstellung (Karsten Kellermann)

Natürlich muss man die Frage stellen, ob ein Trainer, dessen Tage genau genommen gezählt sind im Klub, noch der Richtige ist, um eine Mannschaft aus der Krise zu führen. Es gibt gute Beispiele, dass das gelingen kann: Jürgen Klopp, dessen Abschied von Borussia Dortmund vorzeitig bekannt gegeben wurde, um dann den BVB aus der Krise noch in die Europa League zu führen, ist vielleicht das prominenteste.

Hecking könnte es in der aktuellen Konstellation sogar leichter fallen, zu tun, was nötig ist: Er muss personelle Entscheidungen treffen, die vielleicht auch unpopulär sein können. Da es für ihn nach dieser Saison kein danach gibt, kann er frei von politisch-taktischen Erwägungen entscheiden. Nach dem Spiel in Düsseldorf hatte er angekündigt, genau zu erforschen, welche Spieler den Anforderungen der aktuellen Situation gewachsen sind und welche nicht. Das wird er nun tun. Entscheidend bei der Re-Vitalisierung des Teams ist nicht die Systemfrage. Es geht darum, das System, welches es auch immer ist, mit Leben zu füllen, es aktiv auszuführen, mit dem Willen zum Erfolg. Jedes System ist nämlich nur so gut, wie die Spieler es interpretieren.

Borussia Mönchengladbach: Alle Bundesliga-Trainer - Seoane der zweite Schweizer
29 Bilder

Alle Bundesliga-Trainer von Borussia Mönchengladbach  

29 Bilder
Foto: dpa/Marius Becker

Patrick Herrmann und Tony Jantschke sollten in der entscheidenden Phase der Saison eine Rolle spielen, wenn es um die Startelf geht. Die Eigengewächse haben in der Vergangenheit schon öfter gemeinsam die rechte Seite besetzt, warum sollte das nicht auch jetzt ein Ansatz sein. Jantschke hatte zuletzt als Verteidiger gut gespielt, er wäre hinten rechts eine Bank. Und Herrmann hat sich als einer der wenigen in Düsseldorf empfohlen mit seinem beherzten Spiel.

Denis Zakaria als Sechser, auch das wäre eine Denkoption. Sicher, der Schweizer ist zuweilen etwas hibbelig, aber eben auch ein guter Zweikämpfer und Läufer. Lars Stindl zum Achter zu machen, ist keine neue Idee, doch würde so der Platz im Sturmzentrum frei für Alassane Plea. Ihn könnten Thorgan Hazard und Patrick Herrmann mit Flanken füttern.

Es sind Gedankenspiele, und was immer Hecking entscheidet: Es sollte personelle Verschiebungen geben, um Zeichen zu setzen. Hecking hat am Sonntag, als die Borussen allesamt zusammen unterwegs waren, eine Ansprache an sein Team gerichtet. Das Feedback: „Die Worte haben gesessen.“  Ob er den Nerv tatsächlich getroffen hat, wird sich am Sonntag gegen Bremen zeigen. Die Nachricht, dass es die letzten sieben Spiele der Ära des Trainers Dieter Hecking sein werden, haben die Spieler Dienstagmittag erfahren. Auch sie wurden überrascht von der Entwicklung. Wenn Hecking Recht hat mit seiner Einschätzung, dass das Team und er einen guten Draht haben, dann müsste es für die Profis eine Frage der Ehre sein, ihren Trainer mit einem Europa-Platz zu verabschieden.

Am Mittwoch beginnt eine neue Zeitrechnung in Mönchengladbach: der Hecking-Countdown. Was dabei herauskommt, ist vor allem eine Frage der Einstellung. Beim Trainer und bei den Profis. Auf gewisse Weise sind sie durch die neue Entwicklung im Borussia-Park zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden. Eine, deren Motto nur noch sein kann: Europa um jeden Preis. Mindestens Dieter Hecking hat in der Sache nichts mehr zu verlieren.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort