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Borussia Mönchengladbach: So hilft die eigene Geschichte Borussia in der Krise

Stillstand des Fußballs : Die Lehren der Geschichte helfen Borussia in der Krise

„Mit dem Einkommen auskommen“ – das war das Prinzip von Borussias früherem Manager Grashoff und ist auch in der Gegenwart der wirtschaftliche Leitfaden. Es ist wohl die Lebensversicherung in der Corona-Krise.

Was in diesen Tagen passiert, hat selbst in der langen und bewegten Vereinsgeschichte Borussias kein Äquivalent. Eine Situation wie die, die die Corana-Pandemie ausgelöst hat, einen totalen und fast weltweiten Stillstand des Fußballs, hat es nie gegeben. Borussia kam es zu, in dieser Szenerie die deutsche Fußball-Geschichte um ein neues Kapitel zu erweitern: Sie trug, gegen den Erzrivalen 1. FC Köln, das erste Geisterspiel der Bundesliga aus.

Irgendwann, wenn die Krise vorbei ist und es wieder einen wie auch immer gearteten Fußball-Alltag gibt, wird dieses Spiel einsortiert werden in die vielen Sonderlichkeiten, die Borussia widerfahren sind: der Pfostenbruch, der Büchsenwurf, seltsame Pfiffe in Madrid, der Nebel in Lodz und und und. Der Kontext des Geisterspiels, Corona, wird aber mehr als alles die Vereinsgeschichte beeinflussen. Doch ist es gerade die Lehre der Vergangenheit, die Borussia in der Krise standhaft macht.

Der sportliche Aufschwung der vergangenen zehn Jahre belegt diese These. Denn da ist die Fohlen-Philosophie, die einst in den 1970er Jahren die Basis für die atemberaubenden Erfolge des Fußballs made in Gladbach war, der Leitfaden. Sportdirektor Max Eberl hat sie klar als solchen definiert, als er im Oktober 2008 den Job übernahm. „Alternativlos“ nennt er den Weg, mit jungen Spielern einen attraktiven Offensivfußball spielen zu lassen. „Die 70er Jahre sind die DNA des Klubs, dass man mit jungen Spielern, mit eigenen Spielern, Erfolg haben will. Nichts anderes machen wir seit zehn Jahren: Mit jungen Spielern Schritt für Schritt Möglichkeiten erarbeiten, die uns Erfolg bringen können“, sagte er im Februar 2019 unserer Redaktion.

Lucien Favre, der Fußball-Professor aus der Schweiz, war der Geburtshelfer, nun ist Marco Rose damit beauftragt, Borussias Fußball in die Zukunft zu führen. Der Sachse ist auf einem guten Weg, tragischer Weise wird sein Projekt durch die Corona-Pandemie zunächst auf Eis gelegt. Die Profis arbeiten im Homeoffice auf den Tag x hin, der noch nicht definiert werden kann. Dass es für die Gladbacher indes wohl um die Frage geht, wann es weitergeht und nicht, so die Krise nicht extrem lange dauert, ob. Das hat damit zu tun, dass die eigene Geschichte quasi als Berater zur Verfügung steht.

Die Sätze, die als Dogma für das wirtschaftliche Denken und Handeln der Jetztzeit-Borussen gelten, sind auf Seite 21 im Buch des früheren Managers Helmut Grashoff, „Meine launische Diva“, zu finden. Es geht um den Umgang mit dem Erfolg. „An einem solchen Punkt ist übrigens die Gefahr groß, dass kaufmännische Grundsätze, die natürlich auch in der Vereinswirtschaft eine Bedeutung haben, über Bord geworfen werden. Allzu leicht gerät man in einen Erfolgstaumel, der zu unwägbaren Risiken führt. Äußerliche Einflüsse, nämlich das jubelnde Publikum, eine schwärmende Presse, Loblieder auf die Mannschaft, Trainer und Vorstand bergen Gefahren. (...) Leicht gerät man unter diesen Einflüssen auf die schiefe Bahn der Selbstdarstellung und der Profilneurose, einhergehend mit hemmungsloser Unsolidität im wirtschaftlichen Bereich. (...) Von Anbeginn war und blieb für mich mein oberstes Prinzip: Mit dem Einkommen auskommen! Auch der sportliche Sektor hat sich danach zu richten“, schrieb Grashoff.

Diesen Auszug aus Grashoffs in Buchform gegossene Liebeserklärung an den Klub, den er groß machte mit dem damaligen Präsidium Helmut Beyer und mit dem Meistertrainer Hennes Weisweiler, hat Geschäftsführer Stephan Schippers in seiner Schreibtischschublade liegen. Es ist so etwas wie die Präambel für seine Arbeit als Finanzchef des Vereins. Was das Präsidium um Rolf Königs und Schippers auch geprägt hat, war die Situation, die sie 1999 vorfanden, als sie anfingen: Borussia war sportlich abgestiegen und wirtschaftlich kaputt. Damals hätte weit weniger als die Corona-Krise dem Klub den Rest gegeben.

30 Jahre später ist Borussia „nicht reich, aber gesund“, wie Schippers zu sagen pflegt. Borussia hat derzeit ein Eigenkapital von 100 Millionen Euro, ein Team auf Champions-League-Kurs und viele Spieler, die werthaltig sind. Auch, weil im rasanten Aufstieg der vergangenen Jahre die Contenance bewahrt wurde. Kritiker des konservativen Wegs hatten das oft angemahnt, nun gibt die Krise den Borussen Recht.

„Wir wissen alle, was wir 1999 hier angetroffen haben. Alles, was wir hatten, war die Raute. Das steht über allem. Darum bleibt es dabei, dass wir nur das ausgeben, was wir haben. Das Wissen um die Vergangenheit und der gnadenlose Realismus führen dazu, dass bei allen, die im Verein arbeiten, das nachhaltige Denken verankert ist“, sagte Schippers Ende Januar unserer Redaktion. Er beschrieb damals unwissentlich Borussias Lebensversicherung für die Corona-Krise.