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Borussia Mönchengladbach: Raffael trägt beim Abschied die Kapitänsbinde

Abschiedsspiel als Kapitän : Raffael stoppt den Jubel-Spurt von 50 Borussen

Raffael ist gegen Hertha BSC zum letzten Mal für Borussia zum Einsatz gekommen. In seinen Schlussminuten trug er die Kapitänsbinde. Sein würdiger Abschied wurde beinahe noch mit einem Tor gekrönt.

Auch der neutrale Beobachter hätte es Raffael wohl gegönnt, wenn er kurz vor dem Ende des Spiels der Borussen gegen Hertha BSC den Ball an Dennis Smarsch vorbei bekommen hätte. In den Sekunden, als er auf den Berliner Torwart zulief, knisterte es regelrecht im Borussia-Park, es war, als sei das anschwellende Raunen der Fans zu hören, die auf die Explosion der Emotion warten beim Tor. Phantom-Stadion-Akustik, denn Fans waren ja nicht da wegen Corona. Aber genug Leute, die hätten feiern können. „Dann wären 50 Leute auf den Platz gestürmt, wir standen schon in den Startlöchern“, gab Borussias Trainer Marco Rose zu.

Rose hatte den „Maestro“ kurz vor dem Abpfiff ins Spiel gebracht für Lars Stindl, und der Kapitän hatte Raffael eine große Ehre erwiesen: Er übergab dem Scheidenden, dessen auslaufender Vertrag nicht verlängert wird, die Spielführerbinde, fast ehrfürchtig wirkte Stindls starke Geste. So endete Raffaels sieben Jahren währende Ära bei Borussia als Kapitän. Doch leider nicht mit einem Tor. Denn die Chance, die eine aus der Kategorie war, die er sonst auch schon mal blind verwandelt hat, ließ er aus.

So stehen 71 Tore in 201 Pflichtspielen in der ewigen Raffael-Gladbach-Statistik. Dazu kommen 35 Vorlagen, er war also an 106 Toren direkt beteiligt. In der Torjäger-Statistik Borussias fehlen ihm zwei Tore für die Top 10, insgesamt hat er alle 209 Minuten getroffen als Gladbacher, das sind 0,35 Tore pro Spiel.

Doch es sind nicht nur die Tore, die Raffael ausmachen. Es ist sein feines Spiel, mit dem er auch für den Stil Borussias seiner Zeit steht. Raffael ist ein ausgemachter Edelkicker, der das Spiel spürt und in sich aufnimmt, um es dann zu beeinflussen. Er hat eine Aura auf dem Rasen, das macht ihn zu einem Unterschiedsspieler. „El Maestro! War mit eine Ehre“, schrieb Lars Stindl bei Instagram. Er und Raffael bildeten, wie zuvor Raffael und Max Kruse, ein kongeniales Angriffsduo, das für das Borussia-Tiki-Taka der vergangenen Jahre steht.

Nun, als Raffael bei seinem Schlussakt in Gladbach den Platz betrat, applaudierte jeder im Stadion,auch die Berliner Spieler. Hertha ist in der Bundesliga seine zweite Liebe, hier hat alles angefangen, und auch da holte ihn sein „Ziehvater“ Lucien Favre. Für den Schweizer Trainer ist Raffael wie Marco Reus einer, der die Art des Fußballs, die Favre liebt, verkörpert. Er hat die beiden zu Neuneinhalbern umformatiert. Bei Marco Rose ist der Fußball wuchtiger geworden, da konnte Raffael, 35, nicht mehr mithalten, trotz aller fußballerischer Klasse, deswegen kam er nur auf 122 Einsatzminuten in dieser Saison.

Nun gegen Hertha hätte er sich ein paar Minuten mehr gewünscht. „Schade, dass es nur zwei Minuten waren“, gestand er unserer Redaktion. Doch Raffael ist keiner, der deswegen klagen würde. „Alles war perfekt“, versicherte er. Bis auf das fehlende Tor eben, an dem er so nah dran war. „Jeder hätte es ihm gegönnt“, sagte Marco Rose. „Alle haben größten Respekt vor dem Sportler Raffael, aber wir haben auch jeden Tag erlebt, was für ein toller Mensch er ist. Er ruht unglaublich in sich selbst“, sagte der Trainer.

„Papi“ haben ihn die Kollegen auch genannt, das steht nicht nur dafür, dass es vier Kinder hat, sondern auch für „Kumpel“, dafür, dass er für die anderen da ist. Es machte beim Jubelfoto nach dem Spiel den Eindruck, als wolle jeder in Raffaels Nähe stehen, um das perfekte Erinnerungsfoto an diesem Tag zu haben. Famana Quizera, der junge Portugiese ist einer von denen, die einen Platz bei Raffael ergattert haben. Raffael hat sich des jungen Kerls angenommen, der einer wie er ist: schmal und voller Spielfreude, getrieben von der Liebe zum Spiel und zum Ball. Zukunft und, leider, Vergangenheit, standen da eng beisammen.

Es war ein schöner Abschied für Raffael, den etwas mehr Spielzeit und ein Tor noch schöner gemacht hätten. Doch Raffael hat nie nur auf sich geschaut, er ist nicht nur Künstler, sondern auch Teamplayer. Darum freut ihn, was Borussia erreicht hat, auch wenn er nur 122 Minuten mitspielen durfte. Zum dritten Mal in seiner Zeit hat sich Borussia für die Königsklasse qualifiziert. Das passt. Denn Raffael ist Champions League. Man darf es auch ganz neutral sagen: Ein großer Borusse geht. Adeus, Raffael!