Borussia Mönchengladbach: Oscar Wendt will über 2019 hinaus in Gladbach bleiben

Borussias Oscar Wendt im Interview: „Wir wollen wieder nach Europa!“

Oscar Wendt ist bei Borussia unumstrittener Stammspieler. Im Gespräch mit unserer Redaktion spricht der Linksverteidiger über seine Erinnerungen an ein Spiel in Bremen 2015, seine Zukunft und die Hoffnung, mit Gladbach wieder international zu spielen.

Oscar Wendt bleibt Borussias Dauerbrenner. In dieser Saison hat er keine Liga-Sekunde verpasst, nur im Pokalspiel beim BSC Hastedt wurde er ausgewechselt. Sein Vertrag endet im Juni 2019, doch dem Vernehmen nach wird sich der Kontrakt automatisch verlängern, wenn der 33-Jährige eine gewisse Anzahl von Spielen macht. Über seine Zukunft, offene Räume und besondere Erinnerungen an Bremen sprach der Schwede vor dem Spiel am Samstag bei Werder (15.30 Uhr) im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Wendt, wie gut kann man in der Kabine des neuen Weserstadions feiern?

Oscar Wendt Sehr gut. Sie meinen sicher wegen 2015, als wir 2:0 in Bremen gewonnen haben. Das war ein großer Moment für uns, als wir da den dritten Platz geschafft haben und uns erstmals direkt für die Champions League qualifiziert haben. Da war natürlich eine ziemlich gute Stimmung nach dem Spiel. Nicht nur in der Kabine, sondern auch auf der normalerweise sehr langen Rückfahrt im Bus. Die Fahrt war da ziemlich angenehm.

Musste der Bus oft anhalten?

Wendt Nicht oft genug. (lacht) Es war top. Es ist eine schöne Erinnerung, aber Vergangenheit.

War es einer der schönsten Momente, die Sie in Gladbach erlebt haben?

Wendt Auf jeden Fall. Es war ein Ziel von uns, die Champions League zu schaffen. Das war nicht nur für mich schön, sondern für die ganze Mannschaft, den Verein, die Fans. Das erste Mal Champions League zu spielen, war etwas Großartiges, vor allem weil wir uns direkt qualifiziert hatten und guten Fußball gespielt haben. Es war eine gute Saison mit einer schönen Krönung am Ende.

Damals hatten Sie nach zehn Spieltagen 20 Punkte…

Wendt Ach ja? Und jetzt haben wir? (grinst) 20, genau. Ich weiß aber nicht, ob es da Parallelen gibt. Jede Saison hat ihr eigenes Leben. Damals war es eine ganz andere Mannschaft als heute, viele Spieler sind in den drei Jahren seitdem gekommen und gegangen. Aber die positive Stimmung in der Mannschaft und drumherum ist schon vergleichbar. Wir spielen im Moment auch einen ziemlich guten Fußball. Ich hoffe natürlich, dass wir so eine Saison wiederholen können. Das wäre fantastisch.

Borussia spielt einen anderen Fußball als 2015. Was hat sich verändert?

Wendt Das System ist ein bisschen anders. Wir spielen vielleicht mit mehr Risiko, etwas mutiger, mit mehr Zug zum Tor. Das macht das Spiel ein bisschen offener. Mit Ausnahme des Pokalspiels gegen Bayer Leverkusen kriegen wir die Balance zwischen Offensive und Defensive schon ganz gut hin.

Ist das für Sie und Ihre Position schwieriger, weil die Räume größer sind?

Wendt Manchmal ja, manchmal nein. Das ist schwer zu sagen. Jedes Spiel ist anders, jeder Gegner unterschiedlich. Mal spielen wir gegen eine Mannschaft, die sich zurückzieht und auf Konter spielen will, mal gegen Mannschaften, die gern höher stehen und uns früher attackieren wollen. Dann gibt es auch größere Räume für uns und kürzere Wege zum Tor, manchmal eben weitere Wege und größere Räume zu verteidigen. Aber wir sind mit der Art und Weise, wie wir Fußball spielen, zufrieden und jeder genießt die Zeit.

Das Pokalspiel war auch für Sie ein extrem schweres Spiel, oder?

Wendt Dass wir am Ende fünf Gegentore gekriegt haben, war zu viel. Aber wenn die 2:0 führen und wir den Anschlusstreffer machen wollen, gibt es viel Raum für die Leverkusener, die vorne viele schnelle Leute haben. Allerdings müssen wir manche Situationen einfach besser verteidigen, das ist klar. Es war nicht unser Tag. Aber es ist wie mit dem Spiel in Bremen, das uns damals den dritten Platz gesichert hat: Auch Leverkusen ist Vergangenheit, wir haben das gut analysiert und besprochen. Das Wichtigste ist, dass wir daraus lernen.

Sie haben in Gladbach ein 4-4-2-, ein 3-4-3- und jetzt ein 4-3-3-System erlebt. Haben Sie ein Lieblingssystem?

Wendt Nein, eigentlich nicht. Ich will nur Fußball spielen. Am Ende des Tages geht es darum, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Das ändert sich nicht. Die Voraussetzungen im Fußball sind ja sehr gleich. Es gibt zwar ein paar Details, die anders sind, wenn man mit Dreier- oder Viererkette spielt, mit einem oder mit zwei Stürmern. Da gibt es verschiedene Abläufe. Aber wenn man als Mannschaft gut zusammen arbeitet und gut spielt, ist es ziemlich egal, in welchem System. Alle sind mit dem System zufrieden. Es macht Spaß.

Wie wichtig ist Spaß auf dem Platz?

Wendt Spaß ist doch immer wichtig. Wir haben alle mit dem Fußball angefangen, weil es so unglaublich viel Spaß macht. Und es macht heute genauso viel Spaß wie vor 20, 25 Jahren. Fußball ist das, was mir – wenn man Familie und das Privatleben mal außen vor lässt – am meisten Spaß macht. Fußball ist dann bei mir die Nummer eins, und das wird, glaube ich, immer so sein. Es macht Spaß zu spielen, jeden Tag zum Training zu kommen, mit den Jungs auf dem Platz zu stehen.

Da haben Sie natürlich Glück. Sie stehen in jedem Spiel auf dem Platz und können Ihren Spaß ausleben. Andreas Poulsen sollte Ihr Konkurrent werden, aber er ist noch nicht so weit, oder?

Wendt Andreas hat alle Möglichkeiten und das Potenzial, ein guter Spieler für Borussia zu werden. Er ist jung und kommt aus Dänemark – ich habe ja fast denselben Schritt gemacht, war aber ein bisschen älter und hatte schon mehr Spiele, auch internationale, weil wir mit Kopenhagen auch jedes Jahr Europapokal gespielt haben, hinter mir. Der Schritt in die Bundesliga ist aber schon groß. Fußball in Deutschland ist noch etwas anderes als in Dänemark. Aber Andreas wird das auf jeden Fall schaffen.

Aber erst wenn Sie weg sind?

Wendt Was soll ich dazu sagen? Ich will ja immer spielen, natürlich. Das ändert sich nicht. Aber es passt gut, ich versuche, Andreas zu helfen. Er ist erst 19 Jahre alt, kommt aus einer etwas ländlicheren Gegend in Dänemark. Hier anzukommen mit allem, was mit Borussia und der Bundesliga zu tun hat, kann dauern, aber er kriegt Unterstützung von uns allen und dem Trainerstab. Und er weiß, dass Borussia ein Klub ist, der gern mit jungen Spielern arbeitet. Und mit Skandinaviern. (lacht)

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Es war zu lesen, dass er sich automatisch verlängert?

Wendt Das müssen Sie diejenigen fragen, die das entscheiden. Ich habe in meiner Karriere nie etwas über meine Verträge gesagt oder das kommentiert. Und das werde ich jetzt nicht anders machen. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass ich gerne bei Borussia bleiben will. Dafür werde ich auch alles tun. Aber ich habe in meinen Jahren als Fußballspieler gelernt, dass nur das wichtig ist, was jetzt passiert. Zukunft ist Zukunft, und im Fußball habe ich mehrmals erlebt, dass man nie weiß, was sie bringt. Daher ist für mich nur wichtig, was ich jetzt beeinflussen kann und was jetzt ist. Und da ist am Samstag Bremen. Alles andere klären wir in der Zukunft.

Würden Sie gern nächstes Jahr mit Gladbach wieder international spielen?

Wendt Natürlich. Es ist auch kein Geheimnis, dass wir weiter nach Europa wollen. Europa ist etwas Besonderes, die Spiele, die wir bis jetzt da erlebt haben mit dem Verein und den Fans, egal ob auswärts oder im Borussia-Park, waren etwas Fantastisches. Noch einmal mit Borussia in Europa zu spielen, wäre traumhaft.

Was muss man tun in Bremen, um dort erfolgreich zu sein?

Wendt Ich glaube, es wird ein sehr gutes, sehr spannendes Spiel. Bremen hatte auch einen guten Start in die Bundesliga. Klar waren die letzten beiden Spiele nicht so gut, aber Bremen hat eine gute Mannschaft und spielt einen tollen Fußball. Am Samstag gibt es zwei Mannschaften, die gerne Fußball spielen. Es wird aber schwer. Man sieht ja, wie eng die Saison ist, jedes Spiel ist spannend. Du musst wirklich alles abrufen, 99 Prozent reichen nicht. Du musst immer an die Grenze gehen. Es wird ein schwieriges Spiel, aber wenn wir alles abrufen, bin ich davon überzeugt, dass wir Punkte mitnehmen können.

Haben Sie demnach beim letzten Auswärtsspiel in Freiburg beim 1:3 nicht alles abgerufen?

Wendt Nein, das würde ich nicht sagen. Wir kriegen nach zwölf Sekunden einen Elfmeter gegen uns in einer absoluten Pech-Situation. In 99 von 100 Fällen schießt Matze Ginter den Ball da aus dem Stadion, jetzt trifft er einen Spieler und danach gibt es den Elfmeter. Aber die Reaktion, die wir danach gezeigt haben, war super. Wir haben tollen Fußball gespielt, viele Chancen kreiert und das 1:1 gemacht. In der zweiten Halbzeit haben wir dann alles versucht mit unserer Art und Weise, Fußball zu spielen. Wir haben bis zum Strafraum gut gespielt, aber der letzte Pass, die letzte Flanke haben uns an diesem Tag gefehlt. Dann haben die Freiburger einmal gut gekontert zum 2:1. Es waren nur Kleinigkeiten, die uns an diesem Tage gefehlt haben. Und es gibt ja auch immer noch einen Gegner auf dem Platz. Freiburg hat alles dafür getan, dass wir keine Chancen kreieren konnten. Die haben mit allem verteidigt und die Räume für uns eng gemacht. Am Ende des Tages haben wir da verloren, aber man kann nicht sagen, dass wir da nicht alles abgerufen haben.

Was muss man in Bremen anders machen?

Wendt Es wird ein völlig anderes Spiel. Die Bremer werden uns früher attackieren, höher pressen, die Räume werden auf dem ganzen Platz größer sein. Sie spielen zu Hause und haben die letzten beiden Spiele verloren – da werden sie sicher etwas tun wollen. Das wird ein ganz anderes Spiel als in Freiburg. Aber das Gute ist: Wir alle, alle 26 Spieler und der Trainerstab, sind hundertprozentig überzeugt von unserer Art, Fußball zu spielen. Wir wissen alle, was wir auf dem Platz machen müssen. Wir müssen das nur Spiel für Spiel abrufen. Das hört sich langweilig an, aber es ist wirklich so. Und wenn wir das jedes Spiel machen, haben wir am Ende eine erfolgreiche Saison gespielt.

Was wäre für Sie eine erfolgreiche Saison? Wenn Sie weiter vor den Bayern bleiben?

Wendt Ach. Jeder weiß: Bayern kommt wieder. Es ist nur eine Frage der Zeit. Es ist uninteressant, darüber zu reden, Bayern ist Bayern. Aber wir haben ein sehr gutes Selbstvertrauen im Moment. Jeder weiß, wo unsere Stärken sind und an was wir arbeiten müssen.

An was zum Beispiel?

Wendt Das kann ich nicht verraten. Die Gegner lesen das doch auch (grinst). Wir wissen, was wir gut machen, aber auch, was wir noch besser machen können. Wir haben unsere Sachen bisher gut abgerufen und ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte.

Wenn Spieler nicht zum Kader gehören – helfen Sie dann mit, dass das gut aufgenommen wird, oder ist da jeder Spieler für sich selbst verantwortlich?

Wendt Wir sind gerade in einer Situation, in der wir einen großen Konkurrenzkampf haben. Es gibt mindestens zwei Spieler auf jeder Position, auch auf meiner: Über Andreas haben wir schon geredet, Fabi Johnson kann auch links spielen, Nico Elvedi auch, ebenso Mamadou Doucouré. Wir haben mehrere Verteidiger, die links, in der Mitte oder rechts spielen können. Die Konkurrenz ist für alle Spieler da. Das ist aber auch ein Grund, warum wir in dieser Saison so gut sind. Jeder gibt jeden Tag Gas im Training, jeder versucht sich zu zeigen, ob im Training oder im Spiel. Das muss man auch als Stärke nutzen. Gleichzeitig wird es da auch harte Entscheidungen und Enttäuschungen geben. Das wissen wir. Aber die Stimmung im Kader und in der Kabine ist sehr gut. Du kannst sauer auf den Trainer sein oder enttäuscht, aber solange die Stimmung in der Mannschaft gut ist, muss man sich keine Sorgen machen.

Also kann man in Bremen die Kabine wieder zur Feierzone machen?

Wendt Ich hoffe es. Wir fahren ja dorthin um zu gewinnen. Daran gibt es keinen Zweifel. Es wird schwer, ein hartes Spiel, aber wir wollen da gewinnen.

Wer ist der Spieler, der Sie am meisten überrascht hat in dieser Saison bei Borussia?

Wendt Überrascht ist das falsche Wort. Beeindruckt hat mich zum Beispiel Florian Neuhaus. Vom ersten Tag der Vorbereitung konnte man sehen, dass er wirklich klar war und sich zeigen will. Flo hat es bis jetzt super gemacht. Oder auch Jonas Hofmann: Er ist auch super gestartet, jeder weiß, was er auf dem Platz macht und Vorlagen gibt. Und dass er jetzt Tore macht, ist für ihn natürlich auch die Krönung. Oder Alassane Plea, der ein richtiger Stürmer ist. Der hat einen Abschluss, er weiß einfach, wo das Tor steht. Der guckt fast gar nicht hin, kriegt den Ball und weiß, wo die lange Ecke des Tores ist. „Lasso“ macht das super. Wie er sich an uns gewöhnt hat, wie der Fußball in Deutschland ist – das ist etwas ganz anderes als Fußball in Frankreich. Aber von seinem ersten Tag an haben wir versucht, ihm zu zeigen, wie wir Fußball spielen wollen, und das hat er super angenommen. Nicht nur, wie er die Tore macht, sondern auch Bälle behauptet. Das macht es für uns einfacher: Wenn einer die Bälle vorne festmacht, können die Offensivleute nachrücken und die Stürmer unterstützen.

Oder umgekehrt: Gegen Leverkusen haben Sie eine Ecke von links getreten, die wurde abgefangen, aber Thorgan Hazard hat an der Mittellinie Karim Bellarabi den Ball abgegrätscht. Erinnern Sie sich?

Wendt Ach ja! Aber das kann er. Toto ist sehr zweikampfstark. Die Leute rechnen nicht damit, weil er klein und schnell ist und vielleicht ein bisschen dünn aussieht, aber er ist körperlich sehr stark und hat ein sehr gutes Timing. Er weiß genau, wann er seinen Körper reinschmeißen muss und wann nicht. Das macht uns auch so gut im Moment: Jeder kämpft für jeden. Und jeder weiß: Wenn einer von uns, der normalerweise hinten steht, sich vorne einschaltet, wird jemand die Position für die nächsten Sekunden übernehmen. Das ist das gleiche bei mir: Wenn zum Beispiel Nico an die Eckfahne muss, muss ich nach innen rücken. Das passiert immer auf dem Platz. Jeder ist bereit, für den anderen zu kämpfen. Das ist sehr positiv. Es geht nicht ohne Kampf. Das ist ein Mannschaftssport. Wenn du über einen langen Zeitraum Erfolg haben willst, muss die Maschine laufen. Und die Maschine von Borussia läuft sehr gut im Moment. Hoffentlich geht das so weiter.

(ame/kk)
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