Borussia Mönchengladbach: Neuer Torwarttrainer Steffen Krebs im Interview

Borussias Torwart-Trainer im Interview : „Mit perfekter Technik vermeiden wir Fehler“

Steffen Krebs ist Borussias neuer Torwarttrainer, Uwe Kamps hat die Leitung des gesamten Bereiches übernommen. Im Interview spricht Krebs, aus Hoffenheim gekommen, über seine Philosophie, sein Ideal eines Keepers und den Einsatz stroboskopischer Brillen.

Herr Krebs, Sie sind Borussias neuer Torwart-Trainer. Erklären Sie Ihre Philosophie.

Krebs Ich möchte einen spielintelligenten, offensiv mutigen Torwart, der in allen „klassischen Elementen“ des Torwartspiels gut ausgebildet ist. Damit meine ich die Torverteidigung, die Eins-gegen-eins-Situationen und Flankenelemente. Die richtig gute Ausbildung in den klassischen Bereichen, plus die Mentalität, sehr mutig zu sein, und die Spielintelligenz zu haben, weil der Torwart mit dem ersten Pass das Spiel mitbestimmt, das sind Anspruch und Philosophie zugleich.

Klingt nach der eierlegenden Wollmilchsau zwischen den Pfosten.

Krebs Ich würde es als Ideal bezeichnen, wie wir uns unseren Torhüter vorstellen.

Wie nah sind Borussias Torhüter dran an diesem Ideal?

Krebs Yann Sommer ist ein außergewöhnlicher Torhüter, weil er viele dieser Bereichen nahezu perfekt abdeckt. Er ist ein sehr spielintelligenter Torhüter und in seinen Grundtechniken sehr gut geschult. Es gibt aber Bereiche, in denen auch er sich noch verbessern kann. Yann ist gierig darauf, sich zu verbessern, er sieht dieselben Potenziale bei sich und hat gleich gesagt: Lass uns dran arbeiten. Diese Offenheit ist klasse auf dem Niveau, auf dem er spielt. Das ist eine Top-Qualität und spricht für seinen Charakter.

Tobias Sippel kommt aus der Torwartschule von Gerry Ehrmann. Die dürfte eher für eine klassische Ausbildung stehen.

Krebs Sippi ist in der Torverteidigung überragend, da sind die Einflüsse seiner Ausbildung erkennbar. Darüber hinaus hat er zum Beispiel einen Wahnsinns-Schlag über 65, 70 Meter. Ederson von Man City ist da vielleicht im Moment das Maß aller Dinge, was das angeht. Sippi spielt zum Beispiel in Southampton einen super Flugball, der zwar nicht zum Tor, aber zu einer großen Chance führt. Das ist ein Ederson-Ball, den man besser nicht spielen kann. Diese langen Bälle können eine Waffe sein, um den Ball schnell nach vorn zu bekommen und dann auf den zweiten Ball zu gehen.

Wie weit ist Moritz Nicolas?

Krebs Er hat mich in der Vorbereitung beeindruckt. Er ist ein vielseitiger und toll ausgebildeter Torhüter. Moritz hat eine tolle Raumverteidigung, ein sehr gutes Timing und natürlich Vorteile durch seine 1,93 Meter und seine extreme Sprungkraft. Und er hat super Grundtechniken. Wir sehen ihn perspektivisch sehr interessant.

Wie bedeutend ist für junge Torhüter, dass es Marc-André ter Stegen aus dem eigenen Nachwuchs in den Profibereich geschafft hat?

Krebs Sehr wichtig. Sein Weg zeigt, dass man mit den Rahmenbedingungen, der Struktur und den Trainern bei Borussia einen Torhüter dieser Qualität herausbringen kann. Wenn die Qualität nicht gut wäre, wäre die Entwicklung nicht so verlaufen und er würde jetzt nicht auf dem Niveau spielen. Zum anderen zeigt die Geschichte anderen jungen Torhütern, dass der Verein den Weg möglich macht, wenn die Qualität stimmt. Das ist nicht selbstverständlich, viele Vereine setzen am Ende dann doch nicht auf die Eigengewächse.

Steffen Krebs im Training mit Moritz Nicolas und Tobias Sippel. Foto: Jannik Sorgatz

Wie entscheidend ist der Kopf beim Torwart?

Krebs Extrem wichtig. Ein Torhüter muss sehr viele Entscheidungen treffen. Wir versuchen, die Jungs in der Technik oder in der Taktik so vorzubereiten, dass sie da nahezu perfekt sind. In der Spielsituation kommen dann die Entscheidungen: Welche Technik, welche Grundstellung wende ich an? Die Entscheidung muss sitzen. Darum kommt es besonders auf den Kopf an. Es geht um Sekundenbruchteile, die über ein Gegentor entscheiden.

Sind solche Dinge ein Ansatz für Torwart-Psychologen?

Krebs Es gibt Kollegen, die in dem Bereich geschult sind. Bei uns sind wir Torwarttrainer aber zugleich die Psychologen. Wir kennen die Jungs genau, sie vertrauen uns. Das ist eine gute Grundlage, um solche Sachen aufzuarbeiten.

Haben Sie eine Torhüter-Fibel?

Krebs Es gibt eine Philosophie, die von Uwe Kamps und seinem Team entworfen und niedergeschrieben wurde. Da steht genau drin, in welcher Position welche Grundstellung zu wählen ist. Oder in welcher Situation welche Technik. Mit diesem Auswahlverfahren sind die Jungs sehr gut auf die Spielsituationen vorbereitet, damit sie möglichst kurze Entscheidungswege haben. So haben sie einen Leitfaden für ihre Arbeit. Wir entwickeln das natürlich immer weiter, um neue Strömungen einfließen zu lassen. Früher hätte man zum Beispiel bei einem seitlichen Ball den Torhüter mehr an den ersten Pfosten gestellt, jetzt wollen wir ihn offensiver stellen, um auch das Tor am zweiten Pfosten nicht aufzumachen.

Ist das Torwartspiel in den vergangenen Jahren bedeutender geworden?

Krebs Das glaube ich schon, weil sich die Mannschaftstaktiken weiterentwickelt haben. Früher gab es bei den Pressing-Techniken die klare Ansage für Torhüter, den Ball in eine bestimmte Zone lang nach vorn zu spielen. Heute nutzen die Trainer den Torhüter als Überzahlspieler im Aufbau. Das ist ein deutlich höherer Anspruch, den die Cheftrainer an die Torhüter haben. So gibt es natürlich auch im Torwarttraining-Bereich immer wieder Entwicklungen, zum Beispiel, um dem Torwart mehr Chancen zu ermöglich in Eins-gegen-eins-Situationen. Früher war der Torwart da immer raus, aber wir schauen uns jede Situation an, wie man den Ball hätte halten können.

Mal ehrlich: Sind Sie ein Nerd?

Krebs Ja. (lacht) Ich schaue mir in jedem Spiel, das ich sehe, die Torwart-Aktionen an und analysiere sie bis ins Detail. Ich überlege bei jedem Tor: Warum hat er den nicht gehalten? Und bei jeder Parade: Warum hat er den gehalten? Dann kann es auch sein, dass ich abends meiner Frau erzähle, warum ein Ball drin war oder nicht. Ich kann mich in irgendeinem 08/15-Spiel an einer Torwart-Aktion erfreuen. Und dann zeige ich es am nächsten Tag den Kollegen und wir sprechen in der Kabine darüber. Da kann es schon mal sein, dass die anderen Trainer den Kopf schütteln und schmunzeln.

Wie sehr geht es um Details? Die Handschuhe zum Beispiel?

Krebs Das Equipment ist extrem wichtig. Die Torhüter beschäftigen sich damit, mit welchem Material, mit welchem Haftschaum, mit welchem Grip sie am besten zurechtkommen. Es ist ihr Handwerkszeug. Es geht auch um die Pflege der Handschuhe. Da sind unsere Torhüter sehr professionell.

Sie setzen stroboskopische Brillen im Training ein. Welchen Sinn hat das?

Krebs (lacht) Genau darum geht es dabei. Nun, genau genommen geht es um die Anregung des Arbeitsgedächtnisses. Zum einen ist da die Ablenkbarkeit, die es im Spiel gibt und die wir im Training nachstellen wollen. Gegenspieler, Rufe, Bewegungen, Regen, Zuschauer, all das kann ablenken von der eigentlichen Situation. Die Brille ist mit dem Blinken ein Störfaktor. Gegen den muss der Torhüter die richtige Entscheidung treffen. Man kann bei der Brille auch Dunkelbereiche einstellen. Dann verliert man in dem Moment komplett die Flugbahn des Balles aus den Augen, darauf muss man reagieren. Da kommt das kognitive Denken ins Spiel. Es muss in dem Moment die Flugbahn des Balles weiterberechnen, um dann, wenn man wieder freie Sicht hat, möglichst schnell reagieren zu können. Wenn das Gehirn das kann, hast du gleich das Niveau hochgeschraubt.

Wie gefährlich ist der Faktor Selbstsicherheit bei Torhütern?

Krebs Es ist ein großer Fehler-Faktor, wenn man einen Ball zu früh abhakt und sagt: Den habe ich. Auch da kann die Brille helfen. Sie schult die Konzentrationsfähigkeit. Man muss immer in der Situation sein, immer nur den Ball im Blick und im Sinn haben, sonst wird es immer wieder Fehler geben. Du kannst einen Flankenball nicht mit 80 Prozent Konzentration berechnen. Wir reden zum Beispiel bei einem Flankenball über eine Flugbahn von zweieinhalb Sekunden. Da ist keine Zeit für Ablenkung.

Sind gerade die einfachen Bälle die schwierigen?

Krebs Auch die vermeintlich einfachen Aktionen können schwierig sein. Da sind wir an einem Punkt, der eine Trainingsmaxime von mir ist. Wir haben das Training strukturiert, und die Basiselemente, das Fangen der frontalen und hohen Überkopfbälle, sind elementar. Wir wollen 100 Prozent Präzision in den Bereichen. Mit perfekter Technik vermeiden wir Torwartfehler. Wenn man einfache Fehler im Training macht, kommen sie im Spiel auch. Wir haben darum in jedem Training die leichten Bälle, und wenn einer durchrutscht gibt es die so genannten Kontrollbälle, um die Technik zu schulen.

Man sieht derzeit viel klassisches Torschusstraining: Ablegen, Schuss – das ist 80er-Jahre-Training.

Krebs Ja, vielleicht, aber warum nicht? In den 80ern waren vielleicht die Belastungsumfänge zu hoch, aber vom Grundsatz her bin ich ein großer Fan dieser Übungen. Sie werden heute immer noch oft genutzt, sicherlich modifiziert und anders eingesetzt. Da kommen taktische, koordinative oder kognitive, athletische Aspekte dazu.