Borussia Mönchengladbach: Nach Höhen und Tiefen nach Europa

Borussias Saisonrückblick : Viel erreicht, aber mit zwei Gesichtern

Borussia holte 55 Punkte, schaffte Europa. Aber nach Spieltag 20 kam zu wenig. Es gab Rekorde – schöne und weniger schöne. Das Team bewies Stehvermögen, war aber auch schlafmützig. Das zeigt die große Bilanz der Saison 2018/19.

Borussias verletzter Kapitän Lars Stindl fasste auf Twitter die Spielzeit zusammen, die das Ende der Trainer-Ära von Dieter Hecking nach zweieinhalb Amtsjahren markiert. „Eine lange und intensive Saison ist zu Ende! Europa, wir sind wieder da!“, schrieb der Kapitän. Hecking, der zehnte Ex-Borusse an der Gladbacher Linie, hat Borussia Ende 2016 im Trudelmodus übernommen, stabilisiert und nun nach zwei Jahren Abwesenheit wieder nach Europa geführt. Es war eine Saison, in der viel erreicht wurde – dies aber mit zwei Gesichtern. Das zeigt die Bilanz.

Punkte Borussia sammelte 55 Zähler ein, acht mehr als in der Saison zuvor. 33 davon gab es in der Hinrunde, 22 im zweiten Teil der Saison. Nur zweimal seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995 gab es eine bessere Bilanz (2012 waren es 60, 2015 dann 66), zweimal ebenso viele Punkte (2014, 2016). Es gab 16 Siege, sieben Unentschieden und elf Niederlagen. Allerdings wurden 42 Punkte bis zum 20. Spieltag geholt, vom 21. bis 34. Spieltag erwirtschaftete Gladbach nur noch 13 Punkte. Die ertragreichste Phase gab es vom 5. bis 8. Spieltag, als die Gladbacher zehn Punkte einsammelten (12:3 Tore), die schwächste Periode zwischen dem 21. und 24. Spieltag, als es nur einen Punkt gab (2:12 Tore). Zweimal gab es drei Siege in Serie, im November 2018 (10:2 Tore) und zu Beginn der Rückrunde (5:0 Tore). Erstmals seit der Saison 1984/85 standen die Gladbacher immer auf Rang sechs oder besser, also immer auf einem Europapokal-Rang.

Rekorde Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte gewannen die Borussen die ersten neun Heimspiele der Spielzeit. Saisonübergreifend gab es zwölf Heimsiege in Serie, damit wurde der in der Saison 1983/84 unter Jupp Heynckes erreichte Rekord eingestellt. Den 13. Heimsieg in Folge verhinderte Hertha BSC Berlin mit dem 3:0-Erfolg im Borussia-Park. Das war auch der Auftakt zu einem Negativ-Rekord im eigenen Stadion: Zum ersten Mal gab es in drei Bundesliga-Heimpartien in Serie drei und mehr Gegentore. Nach Hertha waren der VfL Wolfsburg (3:0) und der FC Bayern München (5:1) deutliche Sieger. Im Hinspiel bei den Bayern gelang den Borussen indes der höchste Sieg, den es jemals dort gab. Das 3:0 war der erst vierte Sieg beim Rekordmeister nach 1995, 2011 und 2015.

Zuschauer Fünfmal war der Borussia-Park in dieser Saison ausverkauft: Gegen Schalke 04, Fortuna Düsseldorf, den FC Bayern, Werder Bremen und Borussia Dortmund. Zu den 17 Heimspielen kamen 884.360 Zuschauer, das ist ein Schnitt von 49.668. Zuletzt lag der Schnitt in der Saison 2012/13 unter 50.000, damals kamen im Schnitt 49.557 Fans ins Gladbacher Stadion. Die Minuskulisse der Spielzeit gab es gegen Eintracht Frankfurt an einem Mittwochabend, als 41.257 Zuschauer den 3:1-Sieg gegen den späteren Europa-League-Halbfinalisten miterlebten.

System Trainer Dieter Hecking stellte um auf ein offensives 4-3-3 mit zwei Achtern. Der mutige Ansatz war das Halali einer starken Hinrunde. Borussia war neben Dortmund das sexieste Team des ersten Saisonteils und mit 36 Toren zusammen mit den Bayern die zweit-torhungrigste Mannschaft hinter dem BVB. Nach der Winterpause gingen Mut und Elan verloren, Spieler, die im ersten Saisonteil groß auftrumpften, fielen stark ab. Borussia wurde anfällig. Hecking stellte auf ein 3-5-2 um, um zu stabilisieren. Da gelang, doch die große Spiekunst- und -freude der Hinrunde kam nicht wieder. Am Ende machte Borussia im 4-3-3 mit dem 4:0 in Nürnberg Europa fix.

Tore 55 Treffer erzielten die Borussen. Bester Torschütze ist Alassane Plea, der in seiner ersten Bundesliga-Spielzeit auf zwölf Treffer kommt. Hinzu kommen vier Vorlagen. Bester Scorer war Thorgan Hazard, der es auf zehn Treffer und elf Vorlagen brachte. Wie Plea war er aber vor allem in der Hinrunde gut: Plea erzielte neun Tore im ersten Saisonteil, Hazard ebenso. Auch Jonas Hofmann, der so oft traf wie nie zuvor in seiner Karriere, war nur ein Mann der Hinrunde: Alle fünf Tore schoss er vor der Winterpause. Fünfmal legte er Kollegen Tore auf, unter anderem Josip Drmic das wichtige 1:0 in Nürnberg, das quasi das Tor nach Europa war. Was Borussia nicht gelang: ein direktes Freistoßtor.

Spieler der Saison Yann Sommer spielte herausragend – als einziger Borusse über fast die gesamten 34 Spiele. 13-mal hielt der Schweizer die Null fest, nur der Leipziger Peter Gulacsi (16) liegt in dieser Statistik vor Borussias Torhüter. Sommer rettete mit starken Paraden viele Punkte – und war damit gerade in der Rückrunde ein Garant dafür, dass es noch für Europa reichte. Sommer war erstmals auch Vize-Kapitän, 15-mal führte er die Gladbacher als Kapitän auf den Platz.

Disziplin Borussia war sehr diszipliniert, sie kam in dieser Saison ohne Platzverweis aus, musste also nie in Unterzahl spielen. Mit 42 Gelben Karten sind die Gladbacher das fairste Team dieser Saison. Der größte Sünder war Denis Zakaria, der sieben Verwarnungen einsammelte. Christoph Kramer kam auf sechs, Florian Neuhaus auf fünf. Entsprechend gab es drei Sperren für Borussia in dieser Saison.

Schlafmützigkeit Borussia war gerade zu Beginn der Halbzeiten anfällig für Gegentore. Zehnmal trafen die Gegner zwischen der ersten und 15. Minute, neunmal in der Viertelstunde nach der Pause. Die defensive Schlafmützigkeit ist ein Punkt, an dem der neue Trainer Marco Rose arbeiten muss. Denn Rückstände trafen die Borussen gewöhnlich hart: Lagen sie zurück, gab es kaum noch Punkte. Nur einmal, beim 4:1 gegen Hannover, gab es nach einem Rückstand noch drei Punkte, viermal holten die Borussen immerhin noch ein Remis (in Augsburg, in Frankfurt, gegen Freiburg, gegen Hoffenheim). Die Mentalität ist eine Baustelle. Wenn es aber läuft, läuft es, denn gingen die Borussen in Führung, war es für die Gegner schwer: Nur ein Spiel ging verloren, nachdem die Gladbacher das erste Tor erzielt hatten, das war beim 2:4 bei Hertha BSC am vierten Spieltag.

Stehvermögen Borussia war das Team der zweiten Halbzeit. 41 von 55 Toren schossen die Gladbacher nach dem Seitenwechsel. Kurios: In der Viertelstunde nach der Pause waren sie hinten anfällig, aber vorn auch produktiv: 14 Treffer gab es in diesem Zeitraum, ebenso viele in der Schlussviertelstunde, zwei in der Nachspielzeit. Ein Plus waren auch die Männer, die von der Bank kamen: Zwölf Jokertore gab es, das sind gut 25 Prozent aller Treffer. Die besten Joker waren Patrick Herrmann mit drei Toren, Raffael, Denis Zakaria und Florian Neuhaus produzierten zwei Tore nach Einwechslungen.

GesünderBorussia war viel gesünder als in der Spielzeit 2017/18. Da war Gladbach Letzter der Verletzungstabelle der Bundesliga mit 1923 Ausfalltagen, im Schnitt fehlte ein Spieler 68,68 Tage. Die medizinische Abteilung wurde reformiert. Die Maßnahmen hatten Erfolg: In dieser Saison ist Borussia im Verletzungsranking Siebter mit 1421 Ausfalltagen (Schnitt: 48,37). Raffael verpasste die meisten Spiele (19). Lars Stindl zog sich mit dem Schienbeinbruch wie in der vergangenen Saison (Syndesmoseband-Anriss) eine schwere Verletzung zu. Der Kapitän kam erst am 4. Oktober beim 3:0 in München zurück, in Hannover am 13. April verletzte er sich erneut. Neun Spiele verpasste Stindl, ebenso viele Ibrahima Traoré. Matthias Ginter hatte in der Saison 2017/18 keine Sekunde verpasst, dieses Mal fehlte er sechsmal.

Bestes Spiel Der Höhepunkt des 4-3-3-System war der 3:0-Sieg beim FC Bayern München. Die Gladbacher hatten zwar in der Anfangsphase Glück, dass die Bayern nicht früh führten, dann jedoch zahlten sich die mutige Aufstellung und viel Pressing aus. Alassane Plea erzielte nach einer Balleroberung Lars Stindls in der Bayern-Hälfte das 1:0, vor dem 2:0 „klaute“ Jonas Hofmann den Ball fast am Strafraum der Bayern, seine Vorlage verwertete Stindl. Das 3:0 erzielte Patrick Herrmann kurz vor dem Ende, zuvor hatten die Borussen stark verteidigt und den Bayern kaum eine Chance gegönnt. An diesem Tage verdienten sich die Borussen und ihr Trainer eine Eins mit Sternchen.

Schwächstes Spiel Das 1:3 bei Fortuna Düsseldorf und das 0:1 beim VfB Stuttgart sind in dieser Kategorie gleichauf. In beiden Spielen wollten die Borussen ein Zeichen setzen – und taten das auch, aber in negativer Hinsicht. Im Niederrhein-Duell beim Aufsteiger lagen die Gladbacher nach 16 Minuten 0:3 hinten und waren danach kaum noch zu brauchbaren Aktionen in der Lage. Auch beim Relegations-Teilnehmer VfB Stuttgart war es kaum besser. Vor der Pause wurden zwei Großchancen leichtfertig vergeben, nach der Pause wurde dem VfB ein leichtes Tor erlaubt. Gegenwehr danach? Fast keine. Wenn man Spiele sucht, in denen die mögliche Champions-League-Teilnahme verspielt wurde, dann sind es diese beiden.

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