Borussia Mönchengladbach: Matthias Ginter im Interview

Matthias Ginter im Interview : „Man muss den Willen haben, alle Wege zum Erfolg zu gehen“

Der zweite Teil des Exklusiv-Interviews mit Matthias Ginter: Der Abwehrchef von Borussia Mönchengladbach erklärt, warum Professionalität im Leistungssport so wichtig ist und was er sich für das Spiel beim FC Bayern ausrechnet.

Matthias Ginter, Sie sind zwar erst 24, haben aber schon viel erlebt. Hat sich Ihre Sicht auf die Dinge verändert?

Ginter Wenn ich alles aufzählen würde, würden wir zwei Tage hier sitzen. Wenn man mich mit dem kleinen Jungen vergleicht, der damals seine erste Saison in Freiburg gespielt hat, ist das ein Unterschied von Tag und Nacht. Damals habe ich alles, was über mich geschrieben wurde, gelesen, heute gar nichts mehr. Ein großer Schritt war natürlich der Wechsel nach Dortmund, vom Klub her, aber auch für mich persönlich. Ich habe zum ersten Mal nicht mehr zu Hause gewohnt, war zum ersten Mal auf mich allein gestellt. Das hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Auch der Wechsel nach Mönchengladbach hat zu meiner Persönlichkeitsentwicklung nochmal extrem beigetragen. Und ich bin jetzt verheiratet, ich habe eine Stiftung gegründet.

Sie gehören zu den Profis, die reifer wirken, kann man das sagen?

Ginter Das ist wohl so. Früher in Freiburg war ich auch mal abends weg und habe mal was gegessen, was nicht auf dem Ernährungsplan eines Sportlers steht. Das ist aber fünf Jahre her. Ich würde schon sagen, dass ich sehr diszipliniert bin. Was aber nicht heißen soll, dass ich keine Späße mitmache.

Sind Sie denn ein Typ? Es wird immer gesagt, dem deutschen Fußball fehlen Typen. Oder ist kein Platz mehr für Typen wie es früher ein Mario Basler war, der gern auch mal eine geraucht hat?

Ginter Der Fußball wird immer schneller und entwickelt sich immer weiter. Er ist von der physischen Komponente her anspruchsvoller geworden, würde ich sagen, und der Druck wird immer größer, weil viel schneller junge Spieler nachrücken. Klar, man kann alles machen und auch alles essen, aber ich bin überzeugt davon, dass man das früher oder später auch merkt.

Ist der Fußball für verrückte Spieler also nicht mehr offen?

Ginter Ich glaube schon, dass es auch in der Bundesliga verrückte Spieler gibt. Oder ich sage lieber: außergewöhnliche Typen. Max Kruse zum Beispiel. Es ist allgemein sicher eine Frage, wie man grundsätzlich gestrickt ist. Man muss sich treu bleiben.

Und ein eigenes Brillen-Label wie Jerome Boateng es hat, wäre auch nicht Ihr Ding?

Ginter Es muss ja auch zu demjenigen passen. Ich habe mich eher dazu entschieden, die Stiftung zu gründen, das ist mein Weg. Eigentlich wollte ich das erst nach meiner Karriere machen, finde aber, es war jetzt ein guter Zeitpunkt.

Lenkt das nicht vom Wesentlichen ab?

Ginter Man braucht auch etwas Abwechslung. Fußball ist für mich ein 24-Stunden-Job. Auch wenn kein Training oder Spiel ist, muss man sich zum Beispiel richtig ernähren. Aber ich bin der Meinung, dass man neben dem Fußball dennoch etwas haben sollte, und mir ist wichtig, etwas Nachhaltiges zu tun.

Ganz ehrlich: Wann haben Sie zuletzt über die Stränge geschlagen? Wann haben Sie zum Beispiel den letzten Hamburger gegessen?

Ginter Ach, das kommt alle zwei Monate mal vor.

War es ein selbst gemachter Burger? Stehen Sie selbst in der Küche? Zum Beispiel ausgestattet mit Tipps des Kollegen Yann Sommer, der einen Koch-Blog hat?

Ginter Ab und zu, aber es gibt dann sehr einfache Gerichte, zum Beispiel angebratenes Gemüse. Wir kochen oft zusammen – aber meistens macht das meine Frau. Aber wir achten generell auf unsere Ernährung. Ich habe zuletzt das Buch des Triathleten Jan Frodeno gelesen, der darin auch auf solche Sachen hinweist. Einer wie er hat nochmal ganz andere Belastungen als wir Fußballer, das ist fast surreal im Vergleich. Aber da wird nochmal deutlich, wie wichtig es ist, auf seinen Körper zu achten. Es ist unser wichtigstes Kapital.

Schauen Sie generell auf andere Sportarten, um etwas daraus zu ziehen?

Ginter Ich schaue zum Beispiel gern US-Basketball. Auch diese Spieler trainieren fast Tag und Nacht, sie sind total fit. Es ist ganz sicher hilfreich, sich Wissen anzueignen und zu schauen, was man für den eigenen Job mitnehmen kann. Generell nehme ich von allen anderen Sportarten den Ethos mit, dass man sich alles aneignen und dann auch alles schaffen kann. Wenn ich zum Beispiel schon kaputt bin, mache ich trotzdem noch mein Krafttraining. Dann sage ich mir: Der Triathlet und der Basketballer machen das auch, um weiterzukommen.

Also muss man auch mal über die Grenze hinausgehen?

Ginter Das muss auch mal sein, wenn auch nicht jeden Tag. Man muss seinem Körper geben, was er braucht.

Der Effekt zeigt sich in Ihrer Bilanz: Seit Sie in Gladbach sind, haben Sie keine Pflichtspielsekunde verpasst.

Ginter Ich war zuletzt vor sechs Jahren verletzt. Dazu gehört sicherlich auch das nötige Glück, wenn dich einer von hinten umgrätscht und du dich schwer verletzt, kannst du nichts machen. Aber ich versuche die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen so gering wie möglich zu halten. Wie gesagt: Fußball ist ein Vollzeit-Job und ich tue alles dafür, dass mein Körper optimal funktioniert. Das habe ich von Christian Streich als 16-, 17-Jähriger schon eingetrichtert bekommen. Wenn ich damals schon immer zum Frühstück ein Croissant mit Nutella gegessen hätte, hätte ich heute wohl ein Problem, es zu lassen. So vermisse ich das aber gar nicht erst.

Sind Sie ein Streber?

Ginter (lacht) Es ist tatsächlich so, dass ich solche Sprüche manchmal in der Mannschaft gedrückt bekomme. Aber es ist eben meine Einstellung, die ich mir früh angeeignet habe. Ich kann damit auch gut umgehen und bin nicht so verbissen, dass ich keinen Spaß verstehe.

Haben Sie eigentlich in der Kabine eine Art Klassenkeile bekommen, als Sie öffentlich die vielleicht fehlende Professionalität einiger Mitspieler kritisiert haben?

Ginter Das war ja ein paar Minuten nach dem Spiel, als ich das gesagt habe. Aber ich hatte das Gefühl, dass es mal gesagt werden musste. Wenn sich da jemand angesprochen fühlt, hat man vielleicht auch einen Nerv getroffen.

Muss man als Führungsspieler seine Meinung sagen, auch, wenn sie unbequem ist?

Ginter Dazu muss man ja kein Führungsspieler sein, grundsätzlich kann jeder seine Meinung sagen. Ich hatte nach dem Hoffenheim-Spiel das Bedürfnis, die Frage zu stellen, warum nicht jeder alles versucht, besser zu werden und gesund zu bleiben. In dieser Saison ist die Lage bei uns eine ganz andere.

Ist es eigentlich etwas anderes, mit Gladbach, Dortmund oder Freiburg nach München zu fahren?

Ginter Grundsätzlich will man immer gewinnen, egal mit welchem Klub. Mit Freiburg muss dafür sicherlich mehr zusammenkommen, damit es klappt. Aber auch mit Freiburg ist es nicht unmöglich, dort etwas zu holen. In erster Linie wollen wir eine gute Leistung bringen, dann sieht man, was dabei herauskommt.

Welche Rolle spielt die aktuelle Verfassung der Bayern? Sie haben dreimal nicht gewonnen?

Ginter Die Bayern gehen, egal wie die Lage ist, in jedes Spiel als Favorit. Augsburg hat nichts Positives oder Negatives daraus gezogen, dass die Bayern vorher siebenmal gewonnen haben. Genauso sollte es für uns keine Rolle spielen, dass die Bayern jetzt dreimal nicht gewonnen haben. Wir sollten auf uns schauen, unsere Leistung bringen. Es gehört in jedem Spiel viel dazu, wenn man gewinnen will. Man muss mutig und ballsicher sein, man muss den Ball haben wollen, die Ruhe am Ball haben, kompakt bleiben und ein wenig Glück haben. Wir werden uns über den Gegner Gedanken machen, aber es geht um uns. Wir müssen gut spielen.

Und willensstark sein. So wie Sie, als Sie in Wolfsburg nach Ihrer Kopfball-Abwehr den Ball vor der Seitenlinie erliefen und damit die Basis für die 2:1-Führung gelegt haben. Sind Aktionen wie diese der Unterschied zur vergangenen Saison. Will man einfach mehr? Ist man gedankenschneller?

Ginter Es hängt mit allem zusammen. Man kann noch so viel wollen, noch so viel Mentalität haben, wenn man nicht so bereit ist oder im System nicht bereit dafür ist, dann bringt es nichts. Die Szene kam aus der Intuition heraus. Aber wichtig ist, bereit zu sein für solche Situationen. Und man ist bereit, wenn man gut vorbereitet ist. Und dann müssen die Basics stimmen und man muss den Willen haben, alle Wege zum Erfolg zu gehen. Das gilt für den Fußball im Allgemeinen, nicht nur für Borussia. Das war in den vergangenen Jahren etwas verloren gegangen, aber es kommt jetzt wieder. Der Fußball hat sich verändert.

Inwiefern?

Ginter Es gibt, wie bei der WM oder wie auch bei uns, zum Beispiel wieder echte Stürmer. So gibt es auch wieder Flanken – die gab es früher bei Gladbach nicht. Das wussten die Gegner. Jetzt ist es anders, das macht uns weniger ausrechenbar. Ich will nicht sagen, dass es im Sommer ein großes Umdenken war, aber es wurde an den richtigen Stellschrauben gedreht. Man kann nicht sagen, man will mutiger spielen, man braucht auch die Voraussetzungen dafür. Und die haben wir jetzt.

Ist das auch ein Ansatz für den DFB? Auch da war Ballbesitz bei der WM eher unproduktiv.

Ginter Wir spielen es ja ähnlich, haben zuletzt auch mit drei Spielern im Mittelfeld-Zentrum gespielt. Entscheidend sind aber auch die Daten, die nicht messbar sind: Raffinesse oder Willensstärke. So sehr sich der Fußball entwickelt, diese Basics bleiben gleich. Und mit denen kann man immer etwas erreichen.

Thomas Grulke und Karsten Kellermann führten das Gespräch.

Im ersten Teil des Gesprächs sprach Matthias Ginter über seine neue Rolle im Nationalteam und erklärte, was sich bei Borussia Mönchengladbach zum Guten verändert hat.

Mehr von RP ONLINE