Borussia Mönchengladbach: Matthias Ginter fordert, dass die Gladbacher nun das nächste Level erreichen

Borussias Ginter im Interview : „Wir müssen nun das nächste Level erreichen“

Vor dem Spiel in Düsseldorf spricht Borussias Abwehrchef Matthias Ginter über die Nationalmannschaft und die Marschroute im Saison-Endspurt.

Herr Ginter, Sie haben mit der deutschen Nationalmannschaft 3:2 gegen Erzrivale Niederlande gewonnen. Startet die Mannschaft jetzt wieder durch?

Ginter Nach dem negativen Ereignis bei der Weltmeisterschaft, als wir in der Vorrunde rausgeflogen sind, wurde schon oft ein Neustart ausgerufen. Ich hoffe, dass es sich jetzt einpendelt. Es liegen aufregende Wochen hinter der Nationalmannschaft. Es gibt eine gewisse Neugestaltung aufgrund der drei Spieler, die nicht mehr dabei sind und die jahrelang Führungsspieler waren.

Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller wurden von Bundestrainer Joachim Löw informiert, dass sie nicht mehr nominiert werden. Litt darunter die Stimmung im Team?

Ginter Nein, alle waren total fokussiert und konzentriert auf unsere Aufgaben. Aber natürlich verändern sich jetzt die Hierarchie und das Gefüge. Es ist normal, dass man das merkt, wenn drei gestandene Nationalspieler nicht mehr dabei sind. Aber schon in den Monaten zuvor haben wir viele junge Spieler dazubekommen, die hochtalentiert sind und die solche Erlebnisse wie in Amsterdam brauchen. Das tut jeder Mannschaft und jedem Spieler gut, das schweißt zusammen. Es war ein weiterer Schritt in dem Umbruch, der durch so ein Erlebnis nochmal beschleunigt werden könnte.

Noch drei Weltmeister von 2014 sind im Kader, Sie sind einer davon.

Ginter Ich war selbst überrascht, als ich gemerkt habe, dass ich jetzt einer der Älteren im Kader bin, das ist etwas Neues für mich. Aber das ist der Lauf der Zeit, man kann nicht immer jung bleiben.

Sie sind mit ihren 25 Jahren und Ihren vielen Erfolgen auch ein gestandener Spieler. Welche Rolle nehmen Sie nun in der Nationalmannschaft ein?

Ginter Ich bin seit fünf Jahren Nationalspieler und versuche im Klub und im deutschen Trikot immer die nächsten Schritte zu machen. Das passiert nun in der Nationalmannschaft. Ich freue mich auf das, was kommt. Mein Anspruch ist, immer Verantwortung zu übernehmen. In dieser Rolle bin ich schon länger bei Borussia, in der Nationalmannschaft bin ich dazu jetzt auch bereit.

Sind Sie der Gewinner der Ausbootung von Hummels und Boateng?

Ginter Zum Einen gehört es sich nicht, mich mit den beiden zu vergleichen. Sie haben so wahnsinnig viel erreicht und erleben tolle Karrieren. Zum Anderen habe ich die letzten Spiele im letzten Jahr auch schon gemacht, als der Umbruch schon eingeleitet wurde, daher würde ich mich jetzt nicht als Gewinner davon bezeichnen.

Bei der EM 2020 wollen Sie sicher Stammspieler sein.

Ginter So weit in die Zukunft schaue ich nicht. Es kann so viel passieren, vor allem in der nächsten Saison. Und auch kurz vor dem Turnier kann etwas passieren, dann bringt einem der ganze Plan nichts.

Was passiert denn nächste Saison?

Ginter (lacht) Hoffentlich spielen wir dann mit Borussia in der Champions League.

Die Chance ist groß, Sie sind Vierter.

Ginter Nicht die schlechteste Ausgangssituation. Aber es ist noch eine lange Zeit bis zum Saisonende, und das Pendel kann jeden Tag in eine andere Richtung ausschlagen. Wir müssen einfach unsere tägliche Arbeit machen und punkten.

Ist jetzt der Zeitpunkt, an dem man sagen muss: Wir wollen Platz vier um jeden Preis verteidigen?

Ginter Das würde ja heißen, dass wir in den Verteidigungsmodus schalten, und darin fühle ich mich nicht wohl. Warum sollten wir nicht noch Platz drei angreifen? Leipzig liegt nur zwei Punkte vor uns. Man hat automatisch das Gefühl, dass man etwas zu verlieren hat, wenn man etwas verteidigen will. Aber wir haben nichts zu verlieren, weil uns viele erst gar nicht zugetraut haben, dass wir da oben stehen.

Also ist positives Denken die Marschroute?

Ginter Genau, und nicht zu sehr auf andere schauen. Die anderen Teams werden ohnehin ihre Punkte holen, darauf haben wir keinen Einfluss. Es liegt nur an uns, die Saison so erfolgreich wie möglich zu gestalten.

Wie wichtig war die Länderspielpause für Borussia nach zuletzt nur fünf Punkten aus den vergangenen sechs Spielen?

Ginter Den Nicht-Nationalspielern hat es sicherlich gut getan, mal ein paar Tage rausgekommen zu sein. Und die Nationalspieler hatten größtenteils Erfolgserlebnisse. Beides ist gut für uns, dadurch kann ein frischer Wind reinkommen. Das wird man nun in der täglichen Arbeit sehen, wie es wirklich ist. Vielleicht haben wir vorher in den Wochen zu viel gewollt, waren deswegen zu verkrampft. Aber wir haben wahnsinnig viel Qualität, und wir sollten absolut positiv und optimistisch an die Sache rangehen.

Lars Stindl hat auch betont, dass man in dieser Saison viel richtig gemacht hat, er blickt nicht nur auf die vergangenen Spiele.

Ginter Wir hatten ja auch vorher Spiele, die wir glücklich gewonnen haben, beispielsweise in Leverkusen. Wir waren zu Beginn der Rückrunde einfach in einem Flow, der uns zuletzt gefehlt hat. Es lief perfekt für uns, und dann kam die Phase ab dem Spiel gegen Hertha. Daran sieht man, dass es jederzeit in eine andere Richtung gehen kann.

In der Phase kassierten Sie elf Gegentore in drei Heimspielen. Wie sehr ärgert Sie das als Abwehrchef?

Ginter Berlin war ein typischer Ausrutscher, Wolfsburg war aber schon ein Knackpunkt. Da waren wir nach dem Remis in Frankfurt noch euphorisch und verlieren plötzlich wieder 0:3. Das hat Spuren hinterlassen. Und dann hätten wir nach zehn Minuten gegen Bayern schon 0:3 oder 0:4 zurückliegen können, das darf nicht sein. Nach diesem Spiel haben wir wieder den Fokus darauf gerichtet, dass die Defensive die Grundbasis ist, und die muss da sein. Das hat man in Mainz und gegen Freiburg auch gesehen.

In solchen Phasen, wie Borussia sie zuletzt erlebt hat, ist immer die Frage: Wie viel verändert man?

Ginter Es ist gut, wenn man nicht alles über den Haufen wirft. Aber man merkt schon, dass sich die Gegner immer besser auf unser System einstellen, dass wir oft gewisse Spieler und bestimmte Räume anspielen wollen. Es ist augenscheinlich, dass sie damit besser klarkommen. Es ist eine Mischung daraus, dass man nun nicht alles verändert, aber trotzdem neue Ideen entwickelt. Wir müssen nun das nächste Level erreichen, neue Lösungen und einen Plan B parat haben.

Was halten Sie von einer möglichen Systemumstellung?

Ginter Ich bin gegenüber Veränderungen nie abgeneigt. Grundsätzlich bin ich ein Freund davon, neue Ideen zu entwickeln und die Gegner vor neue Aufgaben zu stellen. Sowas kann ein gutes Mittel für die letzten Spiele sein, damit wir variabel sind und uns nicht auf einer Schiene festfahren. Aber das Trainerteam hat uns schon die gesamte Saison über sehr gut eingestellt. Es wird bestimmt auch für das Spiel in Düsseldorf einen guten Plan haben.

Fortuna Düsseldorf ist nun der Gegner. Sind Sie überrascht, wie stark er in dieser Saison ist?

Ginter Gerade gegen Teams, die vorne stehen, hat Fortuna für Furore gesorgt wie beim Unentschieden in München oder dem Sieg gegen Dortmund. Das wird kein Spiel im Vorbeigehen, im Gegenteil. Wir brauchen die beste Leistung, um in Düsseldorf zu punkten. Sie werden voraussichtlich gut in der Defensive stehen und auf Konter spielen wollen. Da sind sie sehr gefährlich. Auch aufgrund ihrer Spielweise wartet da ein echter Brocken auf uns.

Dodi Lukebakio fehlt aufgrund einer Gelbsperre. Ein Vorteil?

Ginter Er ist sicher einer der drei besten Spieler bei Fortuna. Aber wir haben schon im Hinspiel gesehen, dass sie auch andere gefährliche Spieler haben, die das System verinnerlicht haben. Das ist eine eingeschworene Truppe, die zusammen sehr gut funktioniert.

Ist dies bereits ein Endspiel?

Ginter Es kann ein richtungsweisendes Spiel sein, aber kein Finale. Es geht um wahnsinnig wichtige Punkte. Die Spiele werden für alle Teams jetzt wichtig sein, für fast alle geht es noch um sehr viel.

Ist die Anspannung vor dem Endspurt höher als sonst?

Ginter Auf jeden Fall. Jetzt bricht die heiße Phase an, in der sich alles entscheidet. Es ist schön, dass wir bislang so erfolgreich waren, aber das ist nur eine Ausgangsposition. Jetzt geht es darum, um jeden Punkt zu kämpfen. In der Formel 1 wären wir Vierter nach dem Qualifiying, nun beginnt das Rennen. Es kann alles schiefgehen, aber auch alles top laufen. Und wir alle wollen nochmal alles aus uns herausholen und alles für unser großes Ziel geben.

Wäre es, Ihre Zukunft bei Borussia betrachtend, denn akzeptabel, wenn alles schiefgehen würde?

Ginter Ich gehe immer so positiv wie möglich an etwas heran. Wir sind als Team gefragt, das Bestmögliche herauszuholen, da will ich persönlich auch alles einbringen, was ich habe. Deswegen gehe ich davon aus, dass nicht alles schiefgehen wird.

Borussia ist zuletzt gerade in der Infrastruktur mit der Eröffnung des Hotelgebäudes und des Jugendinternats Fohlenstall sehr gewachsen. Gehört der Klub nach Europa?

Ginter Absolut, Borussia gehört nach Europa. Das habe ich schon gesagt, als ich im Sommer 2017 gekommen bin. Dass es hier gefühlt vielleicht zwar noch eine Stufe unter den Top-Teams ist, aber kein Quantensprung bis ganz nach oben. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass das hier eine Light-Version oder eine 1b-Variante ist. Der Verein, das Stadion, die Infrastruktur, die Fans, der Kader – hier steckt wahnsinnig viel Potenzial drin, das entwickelt werden muss, und damit sind wir aus meiner Sicht noch lange nicht am Ende.

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