Borussias Ex-Shootingstar Wie Thuram die Zeit seit 2019 verkörpert

Mönchengladbach · Marcus Thuram personifiziert Borussias Entwicklung in der Zeit seit Marco Roses Antritt: den Höhenflug, die Leichtigkeit, ihr Abhandenkommen, die Rückschläge und noch mehr. Braucht der Franzose jetzt einen Tapetenwechsel, um wieder durchzustarten?

Borussia Mönchengladbach: Alle Noten - Zeugnis der Saison 2021/22
26 Bilder

Borussias Saison-Zeugnis 2021/22

26 Bilder
Foto: Dirk Päffgen/Dirk Paeffgen (dirk)

Was mit Marcus Thuram wird, ist offen. Es gibt Gerüchte, wo er landen könnte in diesem Sommer. Bei OGC Nizza, wo neuerdings auch Marco Rose als Trainer gehandelt wird. Da aber scheint die Spur zu erkalten. Die zu Inter Mailand hält sich weiter. Doch es sind Gerüchte und Spekulationen, nichts weiter. Konkret war es im Sommer 2020, da war Borussia Ende August mit Inter eigentlich klar, doch dann verletzte sich der Franzose bei seinem Startelfcomeback beim 0:4 in Leverkusen und vorbei war die Option.

Bittere Erkenntnis: Sein Weggang vor einem Jahr hätte den Borussen wohl mehr geholfen als sein Bleiben es getan hat, weil mit der Transfereinnahme nötige Kaderveränderungen hätten vorgenommen werden können. Veränderungen, die der Arbeit von Ex-Trainer Adi Hütter vielleicht zuträglich gewesen wären. So aber passte Thurams Geschichte vom geplatzten Wechsel wegen einer Verletzung in Verbindung mit der Frage, warum er überhaupt zum Kurzeinsatz kam und man das Risiko einging in diesem Spiel, zur gesamten Saison.

Genau genommen ist Thuram einer, die die vergangenen drei Jahre seit 2019 in allen Facetten personifiziert. Wie schön war es am Anfang, als Rose gerade Trainer war. Die Borussen-Welt glänzte, alles war hip und Thuram passte dazu: der Sohn des Weltmeisters Lilian Thuram in Gladbach, ein junger Kerl mit gigantischem Namen, ein cooler Typ mit witziger Unterwäsche und einer Vorliebe für Comics.

Borussia Mönchengladbach: Vertragslaufzeiten - Nicolas jetzt bis 2029
34 Bilder

Die Vertragslaufzeiten der Borussia-Spieler

34 Bilder
Foto: jdp/Jens Dirk Paeffgen

Vor allem aber einer, der toll kicken kann: Erst der siegbringende Flugkopfball in Sandhausen, dann seine fulminanten Solo-Läufe mit Wow-Effekten, Tore wie das 2:1 in der Europa League gegen die AS Rom, zudem die Erfindung des Eckfahnenjubels nach dem Derby-Sieg in Köln, dazu die ewige Fröhlichkeit und natürlich der Kniefall gegen den Rassismus, der heute weltweit verbreitet ist im Fußball – Thuram war das strahlende Gesicht des ersten Rose-Jahres.

Aber er stand auch für das zweite. Erst als gefeierter Held in der Champions League. Der Doppelpack gegen Real Madrid, mit dem er fast den Giganten im Alleingang besiegte, wenn dieser nicht am Ende Real-Madrid-Dinge gemacht hätte beim 2:2. Thuram machte Laune auf der höchsten Ebene. In der Liga war Tristesse bei ihm und ganz Borussia jedoch. Und vor allem: Es gab die Spuck-Attacke gegen 1899 Hoffenheim, die war Thurams persönlicher Tiefpunkt eines Tiefs, aus dem er auch wegen langwieriger Verletzungen so recht nicht wieder herausgekommen ist.

Seinen Eckfahnenjubel führte in der just zu Ende gegangenen Saison nur der Kollege Manu Koné auf, Thuram selbst jubelte bei seinem vielleicht letzten Gladbach-Tor, dem Treffer zur 1:0-Führung beim 2:0 in Fürth nahezu gar nicht mehr. Aus dem fröhlichen Hipster ist ein junger Mann geworden, dem sichtlich die Freude abhandengekommen ist. Ob der neue Trainer Daniel Farke an der Thuram-Situation grundsätzlich etwas ändern kann, ist abzuwarten.

Thuram stand 2019 für alles, was Gladbach vorhatte: Die große Fußballwelt erobern mit Wucht- und Lustfußball, mit Männern, die wie Thuram den Gegner beeindrucken und ihn nerven und bestenfalls überrennen konnten. Doch wie die Rose-Faszination verpuffte auch Thurams Höhenflug. Von 14 auf elf auf drei sank wettbewerbsübergreifend seine saisonale Torquote, durch die Zeit mit Adi Hütter quälte sich Thuram regelrecht. Dass in dieser beide Derbys verloren gingen, gegen den Rivalen also, bei dem Thuram vorher seinen markanten Jubel erfand, der mit ihm verbunden bleiben wird, egal wie lange er noch da ist, passt.

Das Thema Wucht, für das vor allem Thuram steht, ist kein bedeutendes mehr in Gladbach. Borussia macht im Grunde ein Reset auf die Prä-Rose-Zeit, den Sommer 2019. Ob Thuram, einer der schillerndesten Repräsentanten dieser Zeit, dabei eine Rolle spielen wird oder will? Die These, dass ihn erst ein Vereinswechsel wieder froh machen würde, sei gestattet. Für Borussia könnte es zum Abschied die Anschubfinanzierung für den neuen Weg sein.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort