Borussia Mönchengladbach: Kein Glück mit dem Videobeweis

VAR liefert Diskussionsstoff : Borussias Verlustrechnung mit dem Videobeweis

Trotz der Einführung des Video-Assistenten standen die Schiedsrichter im Fokus wie nie zuvor. Gladbach hatte dabei unter dem Strich Pech mit der neuen Technik.

Wer die Schiedsrichter-Entscheidungen bei Borussias Spielen in der abgelaufenen Saison auswertet, der fühlt sich schnell, als stünde er in der "Review Area" am Spielfeldrand (natürlich ohne die Blicke von im Schnitt mehr als 40.000 Zuschauern). Vor und zurück geht es auf dem Bildschirm, mal in Zeitlupe und mal in Realgeschwindigkeit, noch eine Perspektive und noch eine - und am Ende steht ein Urteil, über das sich immer noch streiten lässt. Gewiss ist nur, dass die Einführung des Video-Assistenten (VAR) keine Emotionen gekillt, sondern sie lediglich verlagert und ihren Aggregatzustand verändert hat.

Letztendlich geht es um die Frage, wie viele Punkte Borussia durch Schiedsrichter-Entscheidungen gewonnen oder verloren hat, speziell durch den Einsatz oder Nicht-Einsatz des VAR. Die Resultate sind höchst subjektiv, doch an einer generellen Erkenntnis führt im Grunde kein Weg vorbei: Dieter Heckings Team ist eher benachteiligt als bevorteilt worden.

Der "Tagesspiegel" hat zuletzt alle Tor- und Elfmeterkorrekturen ausgewertet, in der Ohne-VAR-Tabelle der Tageszeitung aus Berlin ist Borussia Siebter mit zwei Punkten mehr. Auf "wahretabelle.de" springt sie unter Berücksichtigung aller Entscheidungen sogar auf den fünften Platz - mit 54 statt 47 Punkten. Allerdings gehen beide davon aus, dass jeder zusätzliche Elfmeter auch verwandelt worden wäre.

Am größten ist die Grauzone bei der Auslegung der Handspielregel. Hecking brachte es nach dem 1:1 auf Schalke Ende April auf den Punkt. "Ich habe so viele Versionen zu diesem Handspiel gehört. Irgendetwas passt", sagte er, nachdem Harm Osmers sich zunächst gegen einen Schalker Elfmeter und nach dem Gang in die "Review Area" doch dafür entschieden hatte. Im Kölner Video-Keller saß Benjamin Cortus, der ein paar Wochen vorher beim Spiel Gladbach gegen Bremen einen klareren Handelfmeter nicht gepfiffen hatte - trotz Bildschirm-Session am Spielfeldrand. Bremens Maximilian Eggestein hatte den Ball aus einem halben Meter Entfernung an den unnatürlich hoch gehaltenen Arm bekommen, kurz vor der Torlinie.

Bis zu neun zusätzliche Elfmeter für Gladbach wären möglich gewesen

Der Vergleich zweier Szenen in verschiedenen Spielen ist kein sinnloser von Äpfeln und Birnen, sondern immerhin einer von Boskop und Braeburn. Legt man die Linien, die in dieser Saison allein bei Borussia-Spielen vertreten wurden, allen Entscheidungen zugrunde, kommt man auf bis zu neun zusätzliche Elfmeter für Borussia und zwei gegen sie. Das ist es wohl, was Dortmunds scheidender Trainer Peter Stöger meinte, als er sagte, es sei auch "Glück" nötig, um vom VAR zu profitieren. Dafür konnte Gladbach froh sein, dass gegen Mainz Lars Stindl nicht wegen einer Notbremse vom Platz flog und Raffael gegen Wolfsburg trotz Schlagens und Nachtretens verschont blieb.

Beim DFB-Pokalfinale am vergangenen Samstag hatten zahlreiche Gladbach-Fans vor dem Fernseher mit Sicherheit ein Déjà-vu. Womöglich schwante ihnen auch schon eher als den meisten Zuschauern, dass Schiedsrichter Felix Zwayer nach der Rückkehr aus der "Review Area" nicht zwangsläufig auf den Elfmeterpunkt zeigen würde. Im Derby gegen den 1. FC Köln Mitte Januar hatte Zwayer den Gladbachern in der 87. Minute einen ähnlich eindeutigen, vermutlich sogar noch eindeutigeren Elfmeter verweigert. Beim Stand von 1:1 kam Jonas Hofmann im Strafraum zum Abschluss, wurde aber einen Sekundenbruchteil später von Kölns Jorge Meré umgegrätscht. Zwayer entschied auf Abstoß, in der Nachspielzeit gelang Köln noch der Siegtreffer durch Simon Terodde.

Borussia-Trainer Hecking weigerte sich lange, sich öffentlich über Fehlentscheidungen zu beschweren. Er mahnte stets, den VAR nicht kaputtzureden und ergebnisoffen an das Projekt heranzugehen. Vermutlich rechnete auch Hecking damit, dass sich alles ausgleichen würden. Doch Borussia zählt am Saisonende zu den besonders benachteiligten Teams. "So im mittleren Drittel der Saison wären sicher fünf Punkte mehr möglich gewesen", sagte Hecking. "Komplett durch die Vereinsbrille gesehen sogar zehn, aber einigen wir uns auf fünf." Mit der Schätzung liegt er in einem realistischen Bereich. 52 Punkte hätten Platz sieben bedeutet.

Die Regelauslegung bei Vergehen im Strafraum wirkte mitunter willkürlich. Selbst ein besseres Niveau der Schiedsrichter wird das Dilemma nicht vollständig auflösen können. Dagegen wartet beim Schwarz-weiß-Thema Abseits alles auf die Einführung der kalibrierten Linien. Wobei der Moment der Ballabgabe bei der aktuellen Bilderzahl pro Sekunde gar nicht exakt zu bestimmen ist. Ein Bild früher oder später anzuhalten, das kann 50 Zentimeter ausmachen. Die Grauzonen werden also bleiben. Borussia kann nur hoffen, dass das Pech in der kommenden Saison einfach wieder geht.

Hier geht es zur Infostrecke: Borussia Mönchengladbach und der Videobeweis

(RP)
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