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Borussia Mönchengladbach: "Jlabbach" und die Serie des Jahrtausends

Borussia Mönchengladbach : "Jlabbach" und die Serie des Jahrtausends

In einer Hinsicht lässt sich sagen: So gut war die Borussia zuletzt vor 15 Jahren als Zweitligist. Doch der Verein erlebt momentan eine Zeit, in der er teilweise sogar Spitze in Europa ist.

1.) Wie zu Meyers Zeiten Die Borussia ist mit dem 5:0 gegen Apollon Limassol seit 14 Pflichtspielen ungeschlagen. Bevor am Sonntag der FC Bayern kommt und mitunter alle Serien beendet, wäre eine kleine Inventur angebracht, um sie einzuordnen. Der Allzeit-Startrekord kann ohnehin erst beim Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt eingestellt werden. Also konzentrieren wir uns auf die Serie an sich: 14 Pflichtspiele, 167 Tage. Längeres hatte der VfL zuletzt in der Zweitliga-Saison 1999/2000 zu bieten. Der 19-Spiele-Lauf begann am 1. November im alten Jahrtausend und endete am 10. Mai im neuen. Beinahe hätte es die Borussia damals noch vom Tabellenkeller zum Wiederaufstieg geschafft.

2.) Der letzte Verschonte Rotation war gegen Fortuna Köln, Waldhof Mannheim und den Chemnitzer FC im wahrsten Sinne ein Fremdwort. Halbwegs englisch waren die Wochen nur, wenn auf ein Montagsspiel ein Freitagsspiel folgte. In Zeiten von 23-Tage-Blöcken mit sieben Partien hat die Rotation unter Lucien Favre System. Wenn man sich die genaue Anzahl der Startelf-Änderungen ansieht, wird es immer mehr: Nach den ersten vier Spielen änderte der Trainer die Mannschaft jeweils auf maximal zwei Positionen, danach waren es maximal drei Neue, seit fünf Spielen jedoch nie weniger als drei und sogar bis zu fünf. Gegen den FC Bayern dürfte Favre diesen Schnitt halten, Abwehrchef Martin Stranzl aber verschonen — der ist nunmehr Borussias einziger Feldspieler, der jede Minute auf dem Platz stand.

3.) Die Laufwege müssen sitzen Schon vor dem Anpfiff kannte Ibrahima Traoré nur eine Richtung: nach vorne. Doch beim VfL geht es nach der Seitenwahl erst einmal defensiv zu, kurz vor die Kurve, um die Fans mit etwas Applaus zu bedenken und sich selbst etwas davon abzuholen. Oft hatte Traoré das Prozedere ja noch nicht mitgemacht, Julian Korb wies ihn schnell ein, danach kam der Flügelspieler prächtig alleine zurecht. Traorés überragende Leistung mit zwei Toren und einer Vorlage erinnerte schwer an Arjen Robben, auf den er im nächsten Spiel treffen könnte. Dass Traoré seinen Lerneffekt beim Einstimmen mit den Fans untermauern darf, erscheint gegen den Rekordmeister dennoch unwahrscheinlich. Ein Startelf-Platz auf der Außenbahn dürfte anderen gehören.

4.) Torschützenkönig Hrgota Traoré war der zehnte Torschütze der Saison. 32:9 Treffer stehen auf Borussias Konto, 12:4 in acht Bundesliga-Spielen, 20:5 in den sechs restlichen Partien. So sieht die vereinsinterne Torjägerliste vor dem Bayern-Spiel aus:

  • Borussia Mönchengladbach : Favre: "Bereiten uns vor, um zu gewinnen"
  • Borussia Mönchengladbach : Beckenbauer lobt Gladbach: "Kluge Transferpolitik"
  • Borussia Mönchengladbach : Traoré: "Wir wollen ungeschlagen bleiben"

5.) Seltenes Glück Während der neun Spiele andauernden Negativserie zu Beginn des Kalenderjahres ließ Gladbach zig verdiente Punkte liegen. Da ist die Vermutung naheliegend, dass es sich im Erfolgsfall genau andersherum gestaltet. Doch acht Siege und sechs Unentschieden entsprechen zu diesem Zeitpunkt der Saison absolut der Realität. Allenfalls der Punkt in Freiburg, als Admir Mehmedi einen Elfmeter in den Schwarzwald schoss, war glücklich. Dagegen haderte die Borussia nach den Remis gegen Zürich und Mainz mächtig mit der Chancenverwertung.

6.) Besser als Mailand Solange immer mehr als 34.500 Zuschauer kommen, kann Gladbach beruhigt sein: Niemand muss den Stadionneubau infrage stellen, die Kapazität des Bökelbergs hätte nicht gereicht. 38.182 wurden gegen Limassol gezählt, so wenige wie seit dem Karnevalswochenende 2011 nicht mehr, als Hoffenheim vor 35.350 Fans zu Gast war. Jegliches Unken à la "Wo ist die Euphorie?" ist aber unangebracht — die Borussia steht in der Zuschauer-Tabelle der Europa League weiter an der Spitze vor Celtic Glasgow, Inter Mailand und Feyenoord Rotterdam.

7.) Live-Gesang Einen überraschend großen Anteil daran hatten jene Anhänger, die nicht die Raute im Herzen tragen, sondern den griechischen Gott Apollo. Der fühlt sich unter anderem für die Musik verantwortlich, was die Limassol-Fans im prall gefüllten Block 7 stimmlich untermauerten. Schon 90 Minuten vor dem Anpfiff waren ihre Gesänge außerhalb des Borussia-Parks so laut zu vernehmen, dass man fast Beschallung vom Band vermuten konnte.

8.) Kompakt bis "Jlabbach!" Spontane Ekstase vor dem Anpfiff steht sonst nicht auf dem Plan. Die Zeremonie ist streng durchchoreografiert, vom "Borussia, bist Du bereit?" über den Triumphmarsch und die Mannschaftsaufstellung bis zur "Elf vom Niederrhein". Die kommt neuerdings etwas kompakter daher, als habe jemand ihr einziges Defizit erkannt. Nach dem a cappella vorgetragenen "…und machen einen drauf" dauert es offiziell eine Minute bis zum lauten "Jlabbach!" am Ende. Bis dahin ist die Geduld des Schiedsrichters meist aufgebraucht und der Anpfiff ertönt. Nun geht alles etwas schneller, modernes Umschaltspiel am Musikregler.

9.) Musikdefizit Mal ehrlich: Wen kümmern schon 8,6 Millionen Euro Startgeld in der Champions League oder der FC Barcelona als möglicher Gegner? Alle wollen doch diese epische Hymne hören. Dementsprechend ist auch keineswegs die vergleichsweise dürftige Teilnahmeprämie von 1,3 Millionen Euro ein Grund für das angekratzte Image der Europa League (zumindest außerhalb Mönchengladbachs). Nein, die Hymne ist Schuld! Auch nach dem elften Hören würde man die Melodie vielleicht nicht erkennen, wenn sie als Hintergrundbeschallung im Kaufhaus liefe.

10.) Serhiy, Serhiy und Sergiy Stadionsprecher Torsten Knippertz zog es pflichtbewusst und respektvoll bis zum letzten Namen durch. Wer die Leistung honorieren will, dass sich der 44-Jährige vor dem Spiel nicht die Zunge brach, kann an dieser Stelle die Namen des Schiedsrichters und seiner fünf Assistenten aus der Ukraine laut mitlesen. Und bitte: Yevhen Aranovskiy, Oleksandr Korniyko, Volodymyr Volodin,Serhiy Bekker, Serhiy Boiko, Sergiy Berezka. Dürfte man beim "Scrabble" Namen legen, wären das satte 223 Punkte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gladbach - Apollon Limassol: Einzelkritik