Borussia Mönchengladbach: Jannik Vestergaard und der "Kindheitstraum"

Von Gladbach nach Southampton: Vestergaard erfüllt sich seinen „Kindheitstraum“

Southampton statt Borussia: Jannik Vestergaard wechselt von einem Sprungbrett-Verein zu einem Sprungbrett-Verein. Was wird bleiben vom Innenverteidiger, der seine zwei Jahre in Gladbach als „Achterbahn der Emotionen“ bezeichnet?

„In Deutschland wächst man mit der Bundesliga auf, in Dänemark liegt der Fokus mehr auf der Premier League. Theoretisch“, sagte Jannik Vestergaard, „ist England interessanter für einen Skandinavier als für einen gleichaltrigen Deutschen.“ Aus der Theorie, die der 25-Jährige im Interview mit unserer Redaktion Anfang Februar beschrieb, ist am 13. Juli Praxis geworden. Vestergaard zieht nach zwei Jahren bei Borussia weiter zum FC Southampton, dieses Verb - „weiterziehen“ - passt wohl am besten. Dass der Premier-League-Klub insgesamt 25 Millionen Euro bezahlen muss, verriet Vestergaard persönlich der Boulevardzeitung „B.T.“ aus seiner Heimat. Er ist nun der teuerste dänische Fußballer und der zweitteuerste Gladbacher Abgang hinter Granit Xhaka.

Von den 42 Millionen abzüglich einer Verkaufsbeteiligung des FC Basel, die Borussia 2016 erhalten hat, investierte sie wenig später elf Millionen in Vestergaard. Der 1,99-Meter-Mann war schon zu Lucien Favres Zeiten ein Thema am Niederrhein gewesen, als er noch bei 1899 Hoffenheim spielte, am wenigstens jedoch für den Schweizer Erfolgstrainer. So wurde Vestergaard unter André Schubert der Nachfolger Martin Stranzls.

Zumindest an der Oberfläche kann er ebenfalls ein Grantler sein, doch Vestergaard stellte am Rande eines Interviews einmal klar, dass er nichts habe gegen ausführliche Gespräche mit Journalisten, nur eben kein Faible für kurzen Smalltalk nach dem Training. Und so blühte er von Minute zu Minute im direkten Gespräch auf und gab den Blick frei auf einen intelligenten Profi, der den überdrehten Facetten des Fußballgeschäfts eben wenig abgewinnen kann. Man will es ihm nicht verdenken.

Auch sportlich schieden sich oft die Geister am Sohn eines Dänen aus Kopenhagen und einer Deutschen aus Krefeld. So wie ein Stürmer, der selten trifft, gescholten wird, stand Vestergaard oft in der Kritik, weil Borussia mit ihm in der Abwehr zu viele Gegentore kassierte. 88 in 5535 Bundesliga-Minuten waren es in zwei Jahren, alle 63 Minuten eines – Europa ist unter diesen Umständen trotzdem möglich, aber nur, wenn es wie in der Schubert-Saison 2015/16 mit 67 Toren auch auf der anderen Seite rund geht. Dass es bei Borussia dort zuletzt ebenfalls hakte, dafür konnte Vestergaard nichts. Mit sieben Treffern innerhalb von neun Monaten im Jahr 2017 war er zwischenzeitlich sogar der torgefährlichste Abwehrspieler der Liga.

„Ich möchte mich bedanken für zwei unvergessliche Jahre“, schrieb Vestergaard am Samstagmorgen bei Instagram. „Es war eine Achterbahn der Emotionen mit tollen Erfahrungen wie der Champions League und harten Momenten wie der Niederlage im Pokal-Halbfinale gegen Frankfurt.“ Die acht Bilder, die der Verteidiger dazu postete, illustrierten diese „Achterbahn der Emotionen“. „Ich werde nie perfekt sein und hoffe, dass ihr mich immer dafür in Erinnerung behalten werdet, dass ich alles gegeben habe“, heißt es weiter. England sei sein „Kindheitstraum“ gewesen, was im Vergleich zu Vestergaards Aussagen aus dem Februar zwar keine 180-Grad-Wende bedeutet. Klar ist aber, dass sich der Däne bewusst alle Türen offen gelassen hat.

„Wenn ich noch zehn Jahre Bundesliga spiele, ist es eine gute Karriere gewesen. Wenn ich fünf in der Premier League spielen darf, dann auch“, sagte er damals noch. Sieben Jahre in der Bundesliga sind es am Ende geworden, für vier hat Vestergaard in Southampton unterschrieben. Die „Saints“ haben sich genau wie Borussia schon häufig als Sprungbrett-Verein erwiesen. Vestergaard kommt als Nachfolger des Ende 2017 für 84 Millionen Euro zum FC Liverpool gewechselten Virgil van Dijk. Nach dessen Abgang gewann Southampton nur noch drei Spiele und stieg beinahe ab.

In den Jahren zuvor war der Klub aus Südengland dafür der beständigste außerhalb der „Top Six“ gewesen. Sadio Mané spielte bis zu seinem Wechsel nach Liverpool in Southampton, Gareth Bale und Theo Walcott schafften dort in jungen Jahren den Durchbruch. Mauricio Pochettino (heute Tottenham Hotspur) arbeitete als Trainer genauso erfolgreich wie Ronald Koeman, der neue Bondscoach der Niederlande. So ungeduldig, wie die Fans bei Twitter darum bettelten, den Vestergaard-Transfer zu verkünden, freuen sie sich in Southampton sehr auf ihren Rekord-Einkauf.

In Gladbach wiederum herrscht, wie in den zwei Jahren zuvor, wieder keine Einigkeit. Mal überwiegt die Freude, Vestergaard war mit seinen 1,99 Metern keiner, mit dem Borussia besonders hoch verteidigen konnte, sondern sich defensiv eher konservativ aufstellen musste. Naturgemäß ist er auch nicht der Schnellste. Mal überwiegt die Trauer, weil der beste Aufbauspieler im Kader weg ist, dessen lange Bälle – mit links wie mit rechts – zuletzt immer wertvoller geworden waren. Wie so oft dürfte die Wahrheit in der Mitte liegen. Nicht „perfekt“ war Vestergaard in den vergangenen zwei Jahren, wie er selbst es ausgedrückt hat, aber immer ein vorbildlicher Profi. Jetzt ist er drin in der Premier League, der momentan größten Traumfabrik des Weltfußballs.

Nico Elvedi soll ihn ersetzen, indem er von rechts von innen rückt, das hat Manager Max Eberl schon angekündigt, als das Thema Vestergaard noch gar nicht Fahrt aufgenommen hatte. In Michael Lang kommt ein neuer Rechtsverteidiger, der Elvedis Platz einnehmen wird. So dürfte sich der Verlust sportlich unterm Strich verschmerzen lassen. Vestergaard hat mit seinem Abgang zudem finanziell die Tür geöffnet für Borussias Rekord-Transfer Alassane Plea. Und es ist zu hoffen, dass Eberl für Vestergaard eine Weiterverkaufsbeteiligung ausgehandelt hat. Dass ein van Dijk einmal 84 Millionen Euro kosten würde, hat schließlich bis vor einem Jahr auch niemand für möglich gehalten.

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