Borussia Mönchengladbach: Interview mit Sportdirektor Max Eberl

Borussia-Sportdirektor Eberl im Interview : „Wir müssen schlauer sein als die anderen“

Borussia Mönchengladbachs Manager Max Eberl schließt einen radikalen Umbruch im Sommer aus. Die so gut wie feststehende Verpflichtung von Trainer Marco Rose will er noch nicht bestätigen. Ein Gespräch über die nähere Zukunft der Fohlen.

Max Eberl hat eine der schwersten Entscheidungen seiner Manager-Zeit bei Borussia Mönchengladbach getroffen. Er hat Trainer Dieter Hecking, dessen Vertrag er erst im November verlängert hatte, mitgeteilt, dass er in der neuen Saison mit einem anderen Trainer arbeiten will. Es sei eine Entscheidung im Sinne einer neuer „strategischen Ausrichtung“ sagte Eberl. Sebastian Hochrainer und Karsten Kellermann haben den 45-Jährige zum Interview im Borussia-Park getroffen und nachgehakt, was er damit meint.

Herr Eberl, welche „strategischen Veränderungen“ wird es geben?

Max Eberl Eine der größten strategischen Entscheidungen, die ein Klub treffen kann, ist der Wechsel des Trainers. Der Trainer ist im sportlichen Bereich das wichtigste Puzzleteil. Es gibt für den Klub gerade eine Chance, die ich als Sportdirektor nutzen möchte für die Zukunft.

Was kommt noch?

Eberl Wir haben in den vergangenen 18 Monaten viel angestoßen. Wir haben einen hauptamtlichen Arzt angestellt, in der Physiotherapie etwas geändert, im Scouting und im Nachwuchsleistungszentrum. Das heißt nicht, dass wir gerade einen radikalen Umbruch machen, sondern, dass wir versuchen, uns noch professioneller aufzustellen. Es wird weder Max Eberl aufhören noch werden wir Mitarbeiter entlassen. Wir sind mit unseren Leuten hoch zufrieden. Aber es kann sein, dass die eine oder andere Personalie dazu kommt. Damit wird sich auch die Ausrichtung etwas ändern.

Ist ein Modell Dortmund denkbar? Dass etwa ein Kaderplaner dazu kommt, Horst Heldt oder Jonas Boldt zum Beispiel?

Eberl Das Modell Dortmund haben wir seit zehn Jahren mit mir als Sportdirektor und Steffen Korell als Teammanager und Direktor Scouting. Wir machen nichts anderes als jetzt Michael Zorc und Sebastian Kehl in Dortmund oder auch Rudi Völler und Simon Rolfes in Leverkusen. Trotzdem kann es ein Ansatz sein, das Team Sport weiter zu stärken, es hat sich seit zehn Jahren nicht verändert. Es kann aber auch ein Ansatz sein, das Nachwuchsleistungszentrum zu ergänzen oder eben das Scouting.

Was wird mit den Co-Trainern Dirk Bremser und Frank Geideck?

Eberl Dirk Bremser hört mit Dieter Hecking auf, Frank Geideck bleibt. Grundsatz ist es, dass wir hier ein festes Gebilde Borussia Mönchengladbach haben, in das ein Cheftrainer seine engsten Vertrauten mitbringt, alles andere aber bleibt.

Wann war der Zeitpunkt, an dem Sie gemerkt haben, dass der Weg trotz der Vertragsverlängerung, die ja erst im November stattfand, einer ohne Dieter Hecking sein muss?

Eberl Wir haben uns im vergangenen Sommer entschieden, mit Dieter weiterzumachen und haben damit eine sehr gute Entscheidung getroffen, wie der Verlauf der Hinrunde gezeigt hat. Und im November haben wir aus 100prozentiger Überzeugung mit Dieter verlängert. Das war auch zu diesem Zeitpunkt absolut richtig und völlig logisch. Aber der Fußball ist schnelllebig, es kann immer einen Moment geben, in dem eine Chance kommt. Und dann muss ich als Sportdirektor eine Entscheidung treffen. Das  will ich nicht nur tun, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, sondern dann, wenn es eine strategische Chance gibt. Und eines ist mir ganz wichtig: Mit der Aktualität hat das alles nichts zu tun. Nicht mit dem Spiel in Düsseldorf und auch nicht mit den Spielen in den Wochen zuvor.

Warum ist Hecking nicht mehr der Richtige für die Zukunft?

Eberl Ich kann ihm nichts vorwerfen, er war der richtige Trainer im richtigen Moment. Aber ich sehe jetzt jemand anderes, mit dem wir einen anderen Schritt gehen können. Ich weiß, dass ich einen komfortablen Weg verlasse, möchte aber Dinge machen, von denen ich hundertprozentig überzeugt bin – ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Es geht nicht darum, was Dieter nicht mehr gebracht hat. Ich bin von ihm überzeugt, auch davon, dass er uns nach Europa bringt.

Was, wenn nicht?

Eberl Dann ist es so. Aber das hat nichts mit dieser Entscheidung zu tun. Die ist wie gesagt unabhängig von der Aktualität und den Tabellenplätzen.  Wir werden im Sommer einen neuen Weg gehen.

Ist der neue Weg einer mit dem Trainer Marco Rose, der RB Salzburg wohl aufgrund einer Ausstiegsklausel verlassen kann?

Eberl Das werde ich sagen, wenn es entschieden ist. Es gibt eine Tendenz, weitreichende Gespräche und eine mündliche Einigung mit einem Trainer, von dem ich sage, er kann in der Zukunft mit uns den nächsten Schritt machen. Aber es gibt noch nichts Unterschriebenes, daher gibt es noch nichts zu vermelden. Ich werde daher auch keine Namen von Trainern kommentieren.

Offen ist, ob der neue Trainer einen Europapokal-Teilnehmer übernimmt. Die Spieler haben gesagt, das Ziel sei die Champions League?

Eberl Wir werden alles dafür tun, dass wir es schaffen. Es geht jetzt darum, das erste Tal dieser Saison hinter uns zu lassen und aus den letzten sieben Spielen die nötigen Punkte zu holen.

Hat man sich in den Monaten zuvor zu klein gemacht?

Eberl Warum? Als wir auf Platz drei standen, haben wir gesagt, dass wir zurecht da stehen. Ich verstehe Ihre Frage nicht. Gegenfrage: Warum sind Sie der Meinung, dass Borussia zwangsläufig nach Europa gehört?

Weil sich die Mannschaft in dieser Saison in die Position gespielt hat mit 42 Punkten nach 20 Spielen.

Eberl Richtig, wir haben eine große Performance geliefert. Aber haben Sie uns vor der Saison fix für Europa eingeplant?

Zumindest als Kandidat.

Eberl Okay. Aber es gibt Vereine, die seit Jahrzehnten da oben sind und ganz andere Möglichkeiten haben als wir. Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen, Leipzig, Wolfsburg – die müssen eigentlich alle vor uns stehen. Wir sind erst ein paar Jahre weiter oben dabei und können mit den genannten Klubs nur konkurrieren, wenn sie sich eine Schwächephase erlauben und wir gleichzeitig auf Topniveau spielen. Deswegen haben wir uns nicht klein geredet, sondern immer versucht, realistisch einzuschätzen, was passiert. Dass wir die ganze Zeit auf Europapokal-Plätzen stehen, ist kein Automatismus. Aber ja: Wenn wir die ganze Zeit da oben mitspielen, wollen wir zum Saisonende unsere Chance natürlich packen. Wir haben uns extrem entwickelt, aber dafür bekommt man nichts geschenkt. Darum muss ich mir Gedanken machen, was der nächste Schritt sein kann, die Wahrscheinlichkeit zu steigern, erfolgreich zu sein. Das beinhaltet eine Entscheidung, die ich gerade getroffen habe.

Also ist das Ziel der neuen Ausrichtung, die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs zu erhöhen? Oder geht es auch darum, neue finanzielle Möglichkeiten auszuschöpfen?

Eberl Die finanziellen Möglichkeiten sind fast ausgereizt. Das Stadion ist meistens ausverkauft, im Sponsoring und Merchandising sind wir am oberen Limit, was das TV-Geld angeht, sind wir Vierter. Das Hotel gibt uns Nachhaltigkeit, aber nicht Europa. Deswegen müssen wir mit den Möglichkeiten, die wir haben, das Optimum rausholen. Dafür müssen wir uns strategisch so aufstellen, dass wir noch schneller sind als andere, dass wir noch schlauer sind als andere, denn das ist ein Vorteil, den wir in der Vergangenheit hatten. Und den müssen wir uns wieder erarbeiten.

Können vielleicht strategische Partner nach dem Modell des FC Bayern zur neuen strategischen Ausrichtung gehören?

Eberl Auch strategische Partner werden fragen, ob sie ihre Millionen in Klubs stecken, in denen die Champions League nicht garantiert ist. Ob es strategische Partner geben wird, wird sich zeigen.

Also ist die Hauptquelle für Zusatzeinnahmen der Europapokal?

Eberl Das ist eine mögliche Einnahmequellen, die andere sind die Transfers. Das ist seit zehn Jahren der Weg, der es uns ermöglicht hat, voranzukommen. Aber wir müssen immer die Waage halten zwischen Einnahmen und einer leistungsfähigen Mannschaft, die auch ohne Europa machbar ist. Es ist möglich, aber hart an der Kante. Und ohne Europa sind da natürlich auch die Spieler, die dann zu Klubs wollen, die international spielen. Andererseits: Auch wenn wir nach Europa kommen, ist das keine Garantie, dass die Topspieler bleiben.

Aktuell ist es an den Spielern, die da sind, sich für den neuen Weg mit dem neuen Trainer zu empfehlen.

Eberl Erstmal geht es um den größtmöglichen sportlichen Erfolg  und bestmöglichen Abschluss in dieser Saison.

Hat die Krise Auswirkungen auf Verhandlungen mit neuen Spielern. Fehlt das Argument Europa?

Eberl Es spielt eine Rolle, ist aber nicht die Entscheidungsgrundlage für die Spieler, die wir haben wollen. Es kommen keine klassischen Champions-League-Spieler zu uns, weil wir das nicht garantieren können. Spieler, die den nächsten Schritt machen und sich entwickeln wollen, kommen zu uns. Sie sagen: Europa wäre toll, die Champions League fantastisch. Aber mich interessiert vor allem der Klub und der Weg bei Borussia.

Das bleibt auch in der neuen Strategie so?

Eberl Unsere Grundausrichtung ist alternativlos. Wir werden weiter den Weg mit jungen Spielern gehen, die sich entwickeln und einen Wert bekommen. Mit Strategie meine ich nicht Konzeption, sondern Aufbau und Struktur.

Borussia bleibt ein Entwicklungsverein und eine Wohlfühloase?

Max Eberl (rechts) machte im Dezember 2016 Dieter Hecking zum Coach in Mönchengladbach. Foto: Dieter Wiechmann

Eberl Wir sind ein Verein, der ambitioniert und ehrgeizig ist und den größtmöglichen Erfolg haben möchte. Wir haben nie davon gesprochen, eine Wohlfühloase zu sein. Das verbinde ich mit Entspannen und Zurücklehnen. Das tun wir nicht. Wir geben den Spielern den bestmöglichen Rahmen, die bestmögliche Leistung zu bringen.

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