Borussia Mönchengladbach: Günter Netzer sah eine unüblich defensive Borussia

0:0 bei 1899 Hoffenheim : Günter Netzer sah eine defensive Borussia

Früher forderte Gladbach-Legende Günter Netzer von Meistertrainer Hennes Weisweiler mehr Pragmatismus. Nun sah er eine Borussia, die nicht so stürmisch war wie bisher in dieser Saison. Trotzdem gab es einen wichtigen Punkt.

Es gibt ein Foto in den Geschichtsbüchern Borussias, auf dem Meistertrainer Hennes Weisweiler und sein Star Günter Netzer auf Bällen sitzen und augenscheinlich debattieren. Sie haben das oft getan und dabei auch oft gestritten. Unter anderem darüber, wie pragmatisch der Gladbacher Fohlenfußball sein musste, um erfolgreich zu sein. Weisweilers Ideal war ein Rauf und Runter, Netzer forderte mehr Ökonomie. Tatsächlich gab es nach den ersten Jahren wilden Fohlenfußballs in der Bundesliga den ersten Titel erst, als Gladbach in Luggi Müller und Klaus-Dieter Sieloff kompromisslose Verteidiger holte.

Netzer war am Samstag Zuschauer beim Spiel „seiner“ Borussia bei 1899 Hoffenheim. Viele Fans nutzten  die Gelegenheit, um Selfies mit der Legende einzusammeln. Was  Netzer sah in dem Spiel, das ganz anders war, als die meisten Auftritte der Borussen in dieser Saison, wird ihn vielleicht an seine Diskussionen mit Weisweiler erinnert haben. Denn statt des üblich gewordenen intensiven Anlaufens und Angreifens war Gladbach dieses Mal weit weniger stürmisch, stand viel tiefer bis zu tief und arbeitete nach der Pause sogar mit einer Fünferkette. Dass zu einem starken Yann Sommer und einer hellwachen Innenverteidigung einiges Glück kam, war ein neuer Aspekt im Borussia-Repertoire dieser Saison. Es war ein erkämpfter Punkt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mal ganz pragmatisch, also durchaus  im Sinne des einst mahnenden Netzer.

Während sich Hoffenheim wegen vieler verpasster Chancen grämte, war Borussia der moralische Sieger. Denn so wurde nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in der Tabelle Hoffenheims Angriff abgewehrt. Dank des einen Punktes bleibt Gladbach Zweiter vor den Bayern. Schmutzige Punkte wie diese können in Nachhinein goldene sein. Sie zu holen, ist auch ein Merkmal, das Topteams auszeichnet. Ein solches Spiel, das zudem von Umständen begleitet wird (der Ausfall von Tony Jantschke, die Verletzungen von Lars Stindl und Raffael, die Schlussphase in Unterzahl), nicht zu verlieren, ist auch eine Qualität. Weswegen sich laut Sommer das 0:0 „anfühlt wie ein Dreier“. Das ist die sportliche Botschaft.

Der Subtext des Spiels, bei dem ein 18-Jähriger (Jordan Beyer)  und ein U23-Spieler als Innenverteidiger (Florian Mayer)  im Kader waren und sich zwei Spieler verletzten: Der plötzliche Spielerschwund (minus acht) zeigt, wie schnell aus Luxus ein Engpass werden kann. „Wir werden in der Saison noch jeden Spieler brauchen“, sagte Hecking zuletzt. Dass Borussia einen Verteidiger holt, wenn sich eine Option ergibt, ist zu vermuten, zudem sollte sie genau überlegen, ob und wenn dann welche Spieler im Winter abgegeben werden.

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