Borussia Mönchengladbach: Granit Xhaka hat zwei Gesichter

Borussia Mönchengladbach : Xhakas zwei Gesichter und Animateure aus Spanien

Das Aus in der Europa League wird niemandem bei Borussia Spaß bereitet haben. Trotzdem war es ein mitreißender Abend. In der Hauptrolle wirkte einmal mehr Granit Xhaka. Ihm assistierten elf Nebendarsteller aus Sevilla, die alle Register zogen.

1. Spiel mit Seltenheitswert
Dreimal 1:0, zweimal 0:1, einmal 1:1 — die typischen Ergebnisse der Rückrunde waren Gladbach beinahe in die DNA übergegangen. Aber nicht einmal acht Minuten lang verlief diese Partie so, wie es zu erwarten gewesen war. Alle Arbeitnehmer hätten sicher auf Martin Stranzls Eigentor verzichten können, das früh eine Verlängerung verhinderte. Bereits nach einer knappen halben Stunde hatte die Borussia die erforderliche Anzahl an Toren erzielt, um das Weiterkommen in der regulären Spielzeit zu besiegeln, und trotzdem nichts gewonnen. Es ging quasi mit einem 0:0 in die Pause — Gladbach hatte sich lediglich warmgeschossen. Immerhin war so viel los in dieser Partie, dass mögliche "Was wäre gewesen, wenn"-Gedanken gar nicht wüssten, wo sie ansetzen sollten.

2. Gut drauf ohne Galgenhumor
Es gibt Bayern-Fans, die sagen, dass schon ein Champions-League-Halbfinale nötig sei, um die Allianz-Arena in Ekstase zu versetzen. Was so viel heißt wie: In einem von maximal 27 möglichen Heimspielen ist die Hölle los. Das ist die eine Seite des Stimmungs-Spektrums. Am anderen bewegte sich jahrelang die Borussia, die von 27 Heimspielen nur träumen konnte und meistens auf exakt 17 kam. Theoretisch hätten die Fans den Borussia-Park jedes Wochenende in einen Hexenkessel verwandelt, es gab nur selten einen Anlass dazu, der völlig ohne Galgenhumor ausgekommen wäre. Mittlerweile hat sich einiges verschoben. Die Massen stehen nach einem 4:1 gegen Werder Bremen auch mal mit einem kurzen Nicken von ihren Plätzen auf und sagen: "Okay." Derbys, Spitzenspiele und Abende wie gegen Sevilla sind es, die den Borussia-Park heutzutage aus der Reserve locken. Was die Stimmung am Donnerstag angeht, muss unbedingt nachgeschoben werden: "Und wie!"

3. Alle Register gezogen
Vorab war nicht unbedingt damit zu rechnen gewesen, dass Sevilla für die meiste Stimmung sorgen würde. Aber es waren nicht die 200 Mitgereisten im Gästeblock, die den Borussia-Park zum Kochen brachten, sondern elf Leute auf dem Platz. Was der Gegner da fabrizierte, lief beileibe nicht mehr unter "internationaler Cleverness", sondern unter "internationaler Unfairness". Zur Pause — es gab drei Minuten Nachspielzeit — hatte Vicente Iborra bereits Gelb gesehen, weil er nach dem 2:2 den Ball unter seinem Trikot versteckte, Torwart Sergio Rico war wegen Zeitspiels verwarnt worden und Carlos Bacca, weil er Yann Sommer am Abstoß hinderte. Schiedsrichter Marijo Strahonja aus Kroatien fand relativ schnell eine Linie, deren Konsequenz am Ende keinem Spanier, sondern Granit Xhaka zum Verhängnis wurde. Inmitten all der disziplinarischen Maßnahmen behielt Strahonja nur nicht den Durchblick, als Daniel Carrico anderthalb Handelfmeter verursachte. Übrigens wurden acht Gelbe Karten und eine Gelb-Rote verteilt, obwohl es nur 20 Fouls gab.

4. Am Ende im 1-3-4-1
Am Ende lag es nicht primär am Schiedsrichter oder an der Chancenverwertung. Die Gegentore in der 8. und 26. Minute brachen der Borussia das Genick. Martin Stranzl, der einen sehr fahrigen Abend erwischt hatte, erledigte für Sevillas Stürmer Carlos Bacca dessen Job als Torjäger. Alvaro Dominguez hätte Vitolo bei dessen Sprint zum zwischenzeitlichen 1:2 nur abdrängen müssen. Stattdessen begleitete er seinen Landsmann, als müsse wie beim 100-Meter-Lauf jeder auf der ihm zugeteilten Bahn bleiben. Trotzdem war ein 4:2-Erfolg auf keinen Fall utopisch, noch in Unterzahl traf Thorgan Hazard den Pfosten. Dann setzte Lucien Favre mit der offensivsten Formation seiner Gladbacher Zeit alles auf eine Karte. Nach der Einwechslung von Branimir Hrgota und Fabian Johnson spielte die Borussia im 1-3-4-1. Genau einen Angriff oder auch 45 Sekunden lang ging das gut.

Favre zu Sevillas Zeitspiel: "Das hasse ich"

5. Traum erfüllen und dann nur zuschauen
Granit Xhaka weilte da bereits in den Katakomben. Wieder stand der Schweizer im Mittelpunkt, was inzwischen selbst der Fall ist, wenn er nicht spielt, wie in Hamburg. Xhaka ist in diesen Wochen einerseits das Gesicht der Mannschaft, andererseits überhaupt nicht, weil es einen wie ihn im Kader des VfL nur einmal gibt. Diese sportliche Schizophrenie umgibt ihn auch auf dem Rasen. Vor dem 0:1 übernahm er nach Christoph Kramers Ballverlust aufmerksam die Position des aufgerückten Oscar Wendt, hinderte den Gegner aber nicht annähernd am Flanken. Sein Tritt in die Hacken, der zum Platzverweis führte, war zumindest ungestüm, Schiedsrichter Strahonja hatte sich bereits in der Anfangsphase nach einer schlecht getimten Grätsche gnädig gezeigt. "Hoffe, dass ich das in Zukunft besser hinkriegen kann", ließ Xhaka via Instagram mitteilen.

Aber er war eben auch der umumstrittene Boss im Aufbauspiel, pendelte permanent zwischen Mittellinie und Strafraumgrenze. Sein erstes Tor mit rechts für die Borussia leitete er mit einem Hackenpass auf Patrick Herrmann selbst ein. Nach dem Spiel sagte Xhaka: "Wir wollen in die Champions League." Die Borussia benötigt den 22-Jährigen auf dem Weg dahin so sehr wie kaum einen anderen. Sollte der Coup gelingen, müsste Xhaka jedoch im ersten Spiel zusehen.

6. Torfestivals im Borussia-Park
Europapokal-Abende waren ihr Geld sowohl 2012/2013 als auch in dieser Saison meistens wert. Vor Sevilla war die Borussia sieben Heimspiele lang ungeschlagen geblieben, 23:4 Tore verteilten sich auf fünf Siege und zwei Unentschieden. In den zehn internationalen Partien, die bisher im neuen Stadion stattfanden, fielen durchschnittlich 4,2 Tore. Vergleicht man das mit den beiden Spielzeiten, in denen Gladbach den Uefa-Cup gewann, waren es damals nur 2,8 im Schnitt. Aber es gab noch die D-Mark und Stehplätze — genau genommen Tickets für wenige D-Mark und sehr viele Stehplätze.

7. "Uns Borussia"
Fußballverbänden ist viel bis alles zuzutrauen. Zum Beispiel wäre es vorstellbar, dass die Uefa genau reglementiert hat, wie die Mannschaftsaufstellung zu verlesen ist. Noch präziser: Dass sie den Vereinen in der Gruppenphase freie Hand lässt und die Vorgaben erst ab der Zwischenrunde gelten. Also legte Stadionsprecher Torsten Knippertz los: "Unser Yann… unser Patrick… unser Max… unser Caetano de Araujo… unser Oscar." Und so weiter. Das "unser" war neu. Bei der Nummer acht, Ibrahima Traoré, ließ Knippertz das besitzanzeigende Pronomen der ersten Person Plural weg, schob dann aber leise hinterher: "Unser Ibo." Als hätte er schon eine saftige Strafe der Uefa vor Augen gehabt. Man weiß ja nie.

8. In einer eigenen Liga
34 Pflichtspiele hat die Borussia jetzt absolviert, eine komplette Bundesliga-Saison vom 16. August 2014 bis 26. Februar 2015, in 165 Tagen. Die Bilanz lautet: 17 Siege, zehn Unentschieden, sieben Niederlagen, 61 Punkte, 60:29 Tore. In der Bundesliga tummeln sich jedoch nicht Gegner wie Homburg, Sarajevo und Limassol. Das 7:0 gegen Sarajevo war der höchste Sieg, das 1:3 gegen Frankfurt die höchste Niederlage. In den ersten 18 Spielen blieb die Borussia ungeschlagen, seitdem noch maximal vier Spiele in Folge. Yann Sommer stand durchgehend auf dem Platz. Von den 19 eingesetzten Spielern kommen bis auf Mo Dahoud alle auf mindestens 854 Einsatzminuten.

9. Kein Anfang vom Ende
Stehende Ovationen, schwarz-weiß-grüne Plastikfahnen, noch keiner war gegangen, stattdessen feierte die Kurve den Verein, der für sie "der geilste Klub der Welt" ist. An jenem Abend im Februar endete eine Reise, und es hatte ein wenig den Anschein, als sei die gesamte Saison so gut wie vorüber, als seien zwölf Bundesligaspiele bis Mai nur noch ein sehr langer Schlussakkord. Das war 2013 in Rom. Zwei Jahre später im Borussia-Park wirkte das Europa-League-Aus gegen Sevilla nicht wie der Anfang vom Ende. Das Resümieren ging nahtlos über ins Träumen: "Champions League" und "DFB-Pokal" waren schnell präsente Stichwörter — auf den Rängen und in der Mixed Zone. Ob die Saison am 23. oder am 30. Mai endet, ist immerhin noch offen.

10. Nicht zwingend entlastet
In den vergangenen Tagen wurde das Ausscheiden im Europapokal teilweise zum Allheilmittel stilisiert. Tatsächlich ist Gladbachs Sonntagsbilanz nach internationalen Einsätzen erschreckend — zwei Niederlagen, sieben Unentschieden. Am Sonntag hat die Borussia gegen Paderborn die letzte Chance, den ersten Sieg zu landen. Vor zwei Jahren brachte das Aus in der Europa League in Sachen Punkte nur punktuellen Fortschritt. Aus 1,36 Zählern pro Partie wurden 1,42. Übrigens scheiterte Gladbach 1996 ebenfalls als aktueller Dritter mit 37 Punkten aus 22 Bundesligaspielen an Feyenoord Rotterdam. Bis dahin hatte die Mannschaft von Bernd Krauss nach Einsätzen am Donnerstag viermal gewonnen und einmal verloren. Obwohl vermeintlich befreit von der Doppelbelastung, verspielte sie noch den dritten Platz. Bis zum Saisonende gab es nur noch 16 Punkte aus zwölf Spielen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Xhaka fliegt mit Gelb-Rot vom Platz

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