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Borussia Mönchengladbach: Führende Führungsspieler

Borussia Mönchengladbach : Führende Führungsspieler

Lars Stindl, Raffael, Oscar Wendt und Christoph Kramer waren wesentlich für das 3:2 der Borussen in Leverkusen mitverantwortlich. Sie haben gezeigt, dass sie das Team mitreißen können.

Raffael pustete die Backen auf, ballte eine Faust und schlug mit der anderen auf die Raute auf seinem Trikot. Entschlossenheit, Bekenntnis, Siegeswille, Freude, Erleichterung — all das transportierte die Geste, mit der Raffael seinen 3:2-Siegtreffer in Leverkusen feierte. Auf dem Weg dahin hatte Borussias Zampano den weit robusteren Jonathan Tah einfach weggestoßen, als sich dieser in den Weg stellte, und dann hatte Raffael "eingenetzt", wie es im Fußballneudeutsch heißt. Vor einer Woche, beim 0:0 in Darmstadt, hatte er das nicht geschafft, obwohl die Aussichten da viel besser waren, der Weg zum Tor quasi unverbaut.

Raffaels Treffer war ein "telling Goal", ein Tor mit viel Aussagekraft. Erst waren es Mo Dahoud, der eingewechselte André Hahn und Christoph Kramer, die gemeinschaftlich an der Mittellinie den Ball eroberten, dann schickte Kramer Raffael auf die Reise, und der war nicht mehr aufzuhalten. Teamarbeit, Kampfkraft, Durchsetzungsvermögen, unbedingter Wille, fußballerische Qualität setzten sich zu dem Tor zusammen, das den ersten Auswärtssieg der Saison brachte.

Raffael wäre ein brauchbarer Kandidat gewesen für den Titel "Spieler des Tages", doch er hatte keine Chance. Denn da war ja noch Lars Stindl. "Er war ein Kapitän, wie wir es uns vorstellen", sagte Sportdirektor Max Eberl über ihn. Stindl schoss zwei Tore. Beim ersten setzte er sich nach einem Irrläufer wie später Raffael gegen Tah durch und knallte den Ball mit Nachdruck ins Tor. Das war wenige Minuten nach der Pause und wie Raffaels Einschuss ein "telling Goal": Entschlossenheit, Frustabbau, Jetzt-erst-Recht-Trotz und Präzision trugen in dieser Szene den Ball ins Ziel. Wenig später glich Stindl nach der Flanke von Oscar Wendt per Kopfball aus, damit war Leverkusens 2:0-Vorsprung aufgeholt. Borussia war im Flow, Raffael veredelte Stindls Job.

Stindl war in der BayArena wie Raffael sehr effektiv: Drei Torschüsse brauchte er für zwei Tore, Raffael zwei Versuche für einen Treffer. "Wir haben uns dank der Effektivität belohnt", frohlockte Eberl. Es gab eine weitere Botschaft an diesem Tag: Raffael und Stindl als Torschützen, zudem Wendt und Kramer, der die meisten Zweikämpfe gewann, als Vorlagengeber - der Sieg in Leverkusen war auch einer der Führungsspieler. Die waren zuletzt in der Kritik; Borussia fehlen die Köpfe, lautete die Diagnose. "Man braucht Spieler, die in schwierigen Phasen versuchen, das Spiel in die Hand zu nehmen", sagte Trainer Dieter Hecking. Die gab es in Leverkusen.

"Ich habe auch vorher schon gezeigt, dass ich das Team mitreißen kann", sagte Stindl. Das tat er in Leverkusen. Nach seinem Anschlusstor ruderte er mit den Armen, um allen Borussen, denen auf dem Rasen, aber auch denen auf den Rängen, zu signalisieren: "Kommt, Leute, wir wollen noch mehr, gebt alles dafür." Er selbst legte nach. Nach dem 3:2 riskierte er dann vor Freude die fünfte Gelbe Karte der Saison, als er jubelnd den Zaun des Gladbacher Fan-Blocks hinaufkletterte. Doch die Strafe blieb ihm erspart. Ebenso dürfte ihm die Ultra-Vereinigung "Sottocultura" verzeihen, dass er im Freudentaumel deren Zaunfahne ramponierte. So etwas wird dem verziehen, der sein Team fast allein zum Sieg schießt.

Doch Stindl will gar kein Einzelkämpfer sein, kein Einer-gegen-Alle-Held à la Rambo wie sein Kapitäns-Vorgänger Granit Xhaka sein, der das Team ganz allein mit Worten und Taten pushen konnte. "Bei uns wird das eben im Team gemacht", befand dann auch Eberl. Gleichwohl attestierte er Stindl "einen großen Schritt" in seiner Entwicklung als Anführer. "Er ist jetzt dabei zu lernen, einen großen Verein wie Borussia zu führen. Er läuft augenscheinlich immer viel, aber heute hat er sich mit wichtigen Toren belohnt", sagte der Manager.

Christoph Kramer, der bei seinem Ex-Verein sein bestes Saisonspiel ablieferte, mochte sich auf eine Führungsspieler-Debatte, die indes auch Hecking und Eberl angestoßen hatten, nicht weiter einlassen. "Man sollte das nicht so hoch hängen. Man kann es ja immer auslegen, wie man es braucht. Es macht darum für mich keinen Sinn, darüber zu reden. Wir haben in Leverkusen einfach als Mannschaft ein richtig gutes Spiel gemacht", sagte Kramer. Führungsspieler allein gewinnen nur selten ein Spiel. Doch führende Führungsspieler sind durchaus hilfreich - siehe das Spiel in Leverkusen.

Daran hat offenbar auch Dieter Hecking seinen Anteil. "Der Trainer hat uns den Glauben zurückgegeben und in Gesprächen positiv beeinflusst", sagte Stindl. Das wiederum zeigt: Auch Führungsspieler wollen richtig angeleitet werden, um Anführer sein zu können. "Man sieht, was möglich ist", sagte Stindl. Nun gilt es für ihn und die anderen Macher in Leverkusen zu bestätigen, was dort möglich war. Aber auch für sie. Aber: "Darauf kann man aufbauen", wie Max Eberl mit Blick auf das für die Borussen so erquickliche Geschehen unter dem Bayer-Kreuz sagte.

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(kk)