1. Sport
  2. Fußball
  3. Borussia Mönchengladbach

Borussia Mönchengladbach fehlt ein echter Boss

Xhaka-Lücke nicht geschlossen : Borussia fehlt ein echter Boss

Bei der 1:4-Niederlage von Borussia Mönchengladbach in Dortmund wurde deutlich, dass sich die neuen Strukturen im Team noch nicht richtig ausentwickelt haben.

Raffael zeigte in Dortmund, was notwendig ist in so einem Spiel: Effizienz. Entschlossenheit. Eiseskälte in der entscheidenden Situation. Doch aus dem psychologischen Vorteil des frühen 1:0 wurde postwendend ein psychologischer Nachteil, schließlich brachte eine erneute Führung nicht die nötige Sicherheit, sondern das Gefühl, wieder etwas verspielt zu haben. Nur eine Minute nach Raffaels 1:0 stand es 1:1, weil Dortmunds Topstürmer Pierre-Emerick Aubameyang traf.

Waren die verschenkten Punkte zuletzt eine Folge der Torschusspanik, so war das Problem beim 1:4 beim BVB naives Abwehrverhalten. "Mich ärgert, dass wir es nicht hinkriegen, ordentlich zu verteidigen. Wir hatten auch nach der Pause eine Viertelstunde das Gefühl, es ist noch mehr drin, aber dann sind wir naiv in der Verteidigung und kriegen wieder zwei Tore. Die Defensive ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg", monierte Manager Max Eberl.

Natürlich ist es am Trainer, ein stabiles Konstrukt zu errichten. Dass André Schubert seine Defensive immer wieder auf die Belange einstellt, die der nächste Gegner mit sich bringt, und somit rotiert, sollte indes nicht das grundlegende Problem sein. "Letztes Jahr war die Flexibilität unsere große Stärke, jetzt wird es uns negativ ausgelegt. Wir sind Profis und sollten die Umstellungen hinkriegen", sagte Kapitän Lars Stindl. "Wir machen Kleinigkeiten falsch, und die werden bestraft."

Dass sich die Borussen nicht anders wehrten gegen das, was nach der Führung geschah, ist in Eberls Augen auch das Resultat eines Vakuums im Team. "Wir haben das gekonnt, wenn wir die Typen auf dem Platz hatten, die das in die Hand genommen haben. Ein Granit Xhaka und ein Martin Stranzl sind genau die Typen, die uns in dieser Phase fehlen. Man braucht auf dem Platz Spieler, die das regeln und das Gespür dafür haben", sagte Eberl. Stranzl war unter Ex-Trainer Lucien Favre der verlängerte Arm des Trainers auf dem Rasen, er gab Anweisungen, wenn Umstellungen nötig waren, um auf Situationen zu reagieren. Xhaka konnte mit seiner Qualität und seinem Ehrgeiz, so er ihn richtig kanalisierte, Spiele herumreißen. Typen wie sie, aber auch Integrationsspieler wie Havard Nordtveit oder Roel Brouwers, die in der Kabine wichtig waren, zu ersetzen, ist nicht leicht.

Es gibt Männer, die den Anspruch erfüllen können, doch offenbar sind sie noch nicht so weit, das auch in komplizierten Situationen zu tun. Christoph Kramer ist im Zentrum zwar oft am Ball und fleißig, doch ist er noch nicht der Regisseur, der Xhaka war. Auch andere, die als Anführer eingeplant sind, müssen diese Fähigkeit noch richtig ausentwickeln. "Lars Stindl wächst rein, Yann Sommer auch, aber der eine, der auf dem Platz das Gespür hat, der fehlt uns", hat Eberl festgestellt.

Der Posten des Chef-Borussen ist also vakant. Darum ist Borussia in Stresssituationen zuweilen ein fragiles Gebilde. "Jeder hat mit sich zu tun, um seine Leistung hinzukriegen, übernimmt dann aber wenig Verantwortung für die Truppe", sagte Eberl. Hinzu kommt, dass, wie in Dortmund, auch Führungsspieler patzen. So war es Stindl, dessen Querschläger der Ecke vor dem 1:2 vorausging. Und Sommer sah beim 1:1 nicht so gut aus. "An einem guten Tag hält er den", befand Trainer André Schubert.

Aus der aktuellen Sozialstruktur des Kaders ergibt sich eher eine flache Hierarchie: Es gibt viele junge Spieler. Und die älteren sind nicht unbedingt Lautsprecher oder gerade erst gekommen. Es müssen sich noch klare Strukturen entwickeln. Im Erfolg ist dafür die Zeit, da läuft es auch so, weil viel fußballerische Qualität da ist. Klemmt es aber spielerisch, wird das Strukturproblem deutlich. Dann fehlt jemand, der das Ruder in der Hand hat, Sicherheit gibt und den Kollegen Wege aus dem Schlamassel weist. Das nächste Vorspielen für den Boss-Job findet auf höchster Ebene statt - morgen in der Champions League in Barcelona.

Doch erzwingen kann man das Chef-Sein nicht. Auch ein Martin Stranzl wuchs erst in die Rolle hinein im Laufe der Karriere. Darum setzt Eberl für den Moment auf den Teamgeist. Der ist intakt, versichert Oscar Wendt ("Wir haben den Geist und wollen die Situation ändern"). "Wir müssen das jetzt gemeinschaftlich hinkriegen, auf dem Platz und neben dem Platz jeder dem anderen helfen und ihn unterstützen", sagte Eberl. Dass das Team dabei von den Fans unterstützt wird, war die beste Botschaft des Spiels in Dortmund. Nach dem Abpfiff holten die Mitgereisten die Borussen in die Kurve, um sie aufzumuntern. "Das ist eine gute Basis", sagte Eberl. "Aber wir müssen es auch auf dem Platz regeln", weiß er.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fans stärken Borussia-Profis nach Pleite den Rücken

(kk)