Borussia Mönchengladbach: Fehlende Sieger-Mentalität und Mut sind die Gründe für die Krise

Debatte der RP-Redakteure : Das sind die Gründe der Borussia-Krise

Die Borussia droht im Saisonendspurt die Qualifikation für den Europapokal gänzlich zu verspielen. Unsere Reporter nennen ihre Hauptgründe für den Negativlauf.

Den Gladbachern fehlt die Sieger-Mentalität (Sebastian Hochrainer)

Es ist nur drei Monate her, fast auf den Tag genau: am 2. Februar gewann Borussia 2:0 auf Schalke und eroberte den zweiten Tabellenplatz. Doch trotz der herausragenden Ausgangslage mit zehn Punkten Vorsprung auf Platz fünf vermieden die Gladbacher es, von der Champions League zu sprechen. Wo war das Selbstvertrauen nach 20 starken Spieltagen, zu sagen, dass man den Rang unter den Top vier behauptet? Kein Mensch hätte das für überheblich gehalten, keiner den Borussen einen Strick daraus gedreht, und diese Zielformulierung hätte auch nicht den Druck erhöht.

Stattdessen sind die Gladbacher in ihr Schicksal gelaufen. Die Krise, die nahezu jeder Bundesligist in einer Saison erfährt, kam, die Gegenwehr gegen den schmelzenden Vorsprung war nicht sichtbar, auch nicht in Statements hörbar.

Es kam, wie es kommen musste, weil nicht alles dagegen gemacht wurde: Borussia rutschte auf Platz fünf ab. Und prompt wurde als Ziel die Champions League ausgerufen. In dem Moment, als man diesen Platz nicht mehr zu verlieren hatte, sondern ihn nur noch gewinnen konnte.

Das zeugt von einer fehlenden Sieger-Mentalität. Die Angst, etwas zu verlieren, ist größer als die Lust darauf, etwas zu gewinnen. Daher der Verzicht auf das offen ausgesprochene Königsklassen-Ziel, um sich nicht angreifbar zu machen.

Das Problem aber: Weil die Sieger-Mentalität fehlt, ist den Borussen bislang auch nicht die Wende gelungen. In Wegweiser-Partien scheiterten sie bislang. Vor dem Spiel in Düsseldorf dachte man, jetzt werde alles wieder gut. Es folgte eine Klatsche. Nach dem Sieg in Mainz glaubte man an die Wende, ehe ein enttäuschendes 1:1 gegen Freiburg kam. Dann fasste man Mut aufgrund der zweiten Halbzeit gegen Leipzig, der gebrochen wurde durch das desolate 0:1 in Stuttgart.

Bislang wartet man vergeblich auf das Ende der Krise bei Borussia. Trotzdem ist sie noch voll dabei. Weil auch die Konkurrenz nicht konstant ist.

Diese Konstanz hatte Borussia 20 Spieltage lang, und das rettet sie noch. Die folgenden elf Partien, in denen die Fohlenelf nur neun Punkte holte, machten vieles kaputt, aber noch nicht alles.

Dabei muss man wissen, dass Europa für Gladbach nie selbstverständlich ist. Packen die Borussen das, ist es ein Erfolg. Dann interessiert die Krise keinen mehr.

Mut war der Motor des Erfolgs in der Hinrunde (Karsten Kellermann)

Borussias Erfolgsgeheimnis der Hinrunde war Mut. Es war mutig von Trainer Dieter Hecking, ein neues System zu installieren, eines, das mehr Offensivkräfte hatte, fünf statt vier, und viel mehr vertikale als horizontale Ansätze. Und seine Spieler setzten das perfekt um: Sie pressten die Gegner, wo es nur ging, sie spielten fordernd und zielstrebig. Meist gingen sie 1:0 in Führung, danach ging es weiter mit der Torproduktion. 36 Tore gab es in den ersten 17 Spielen, zweimal vier in einer Partie, fünfmal drei.

Das Paradebeispiel für den Mut war das 3:0 beim FC Bayern München, das Präsident Rolf Königs bei der Mitgliederversammlung noch mal hervorhob. Borussia dachte gar nicht daran, sich respektvoll zurückzuziehen, sie zog ihr Ding durch im 4-3-3, es gab Ballgewinne weit in der Münchener Hälfte, sodann ein konsequentes Umschaltspiel und schließlich eine extreme Konsequenz vor dem Tor. Dass hinten ebenso konsequent verteidigt wurde, war die Basis, natürlich, doch zeigte sich in dieser Phase: Mut war der Motor des Borussen-Spiels.

Dieser Mut ist den Gladbachern in den vergangenen elf Spielen abhanden gekommen. Hin und her, quer und zurück, das gab es zu oft, weswegen es Gegnern wie Stuttgart oder vorher Düsseldorf leicht fiel, Borussia ungefährlich bleiben zu lassen. Zaudern ist das Gegenteil von Mut. Was zum Mut gehört, ist natürlich Selbstvertrauen. Aber das musste man sich auch zu Beginn der Saison erst erarbeiten.

Nun ist es an der Zeit, wieder mutig zu sein. Für den Trainer und für das Team gleichermaßen. Aber wie soll das gehen, in so einer Phase, in der die Köpfe nicht gerade frei sind und viele nachsagen: Die können es nicht mehr, die schaffen es nicht mehr, am besten lassen sie es sein? Ganz einfach: Wenn nötig, mit dem Mut der Verzweiflung.

Also: Warum nicht wieder umschalten auf das 4-3-3, denn das steht für den Mut und den Erfolg der Hinrunde. Das 3-5-2 war gut fürs Stabilisieren nach zu vielen Gegentoren, nun geht es um das Halali für den Endspurt, darum, endlich wieder Erfolgserlebnisse zu erzwingen. Gerade gegen Hoffenheim, das nach dem 1:4 gegen Wolfsburg verunsichert ist, kann eine resolute Anfangsphase gut sein, eine eventuelle Verunsicherung zu nutzen.

Dass es noch geht, zeigte Borussia gegen Leipzig im letzten Heimspiel: Beim Anschlusstor ging es ratzfatz und vertikal. Wer wagt, gewinnt.