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Borussia Mönchengladbach: Favres Geburtstag ist ein gutes Omen

Borussia Mönchengladbach : Ein Omen auf Abruf und 17 Unikate

2013 durfte Lucien Favre am seinem Geburtstag zum ersten Mal nach langer Zeit den zweiten Sieg in Folge feiern. Ein Jahr später beschenkte ihn seine Mannschaft mit Platz drei und einem Vereinsrekord. Wo soll das hinführen, wenn die Borussia nun sogar Hoffenheim souverän besiegt?

Was würden wohl die Protagonisten des 4. November 1970 antworten, wenn man sie fragt, ob das Achtelfinal-Rückspiel des Landesmeister-Pokals beim FC Everton verloren ging? Die Borussia hatte zuvor kein Saisonspiel verloren und schied im Elfmeterschießen aus, nach 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden. Für Fußball-Bürokraten geht die Konstellation als Unentschieden in die Statistik ein. Konnte ja niemand ahnen, dass diese Feinheit 44 Jahre später für Irritationen sorgen sollte. Die Partie gegen Everton war damals zur Zeit Hennes Weisweilers das 17. Pflichtspiel der Saison, drei Tage später verlor die Borussia ohne jeden Zweifel 2:4 bei Hertha BSC — so einen Start hatte sie noch nie hingelegt und sollte sie so schnell nicht mehr hinlegen. Egal wie viel man von einer Niederlage im Elfmeterschießen hält, die als Unentschieden gewertet wird: Alleiniger Bestwert sind die 17 ungeschlagenen Pflichtspiele zu Beginn einer Saison auf keinen Fall mehr.

Alles, was zum zweiten Mal passiert, hat Tradition. Lucien Favres Geburtstag ist somit traditionell ein gutes Omen für den VfL. 2013 gab es am 2. November einen 2:0-Erfolg beim Hamburger SV, jetzt ein 3:1 gegen die TSG Hoffenheim. 7000 singende Gratulanten haben Favre bereits vor einem Jahr in Hamburg gerührt, zum 57. Geburtstag stimmten 50.000 gleich dreimal "Happy Birthday" an. Der Trainer klatschte nicht nur in der unnachahmlichen Favre-Technik Beifall, sondern winkte so freudig-hektisch ins Publikum, dass er kurz davor schien, Maskottchen Jünter um den Hals zu fallen. Im kommenden Jahr sollte die Borussia das Omen aber besser ruhen lassen: Dann fällt der 2. November auf einen Montag. Wer da so Fußball spielt, ist hinlänglich bekannt.

Das Drei-Punkte-Geschenk hatte Favre mit der Wahl der Startelf selbst auf den Weg gebracht. André Hahn, Patrick Herrmann und Raffael rotierten für Ibrahima Traoré, Thorgan Hazard und Branimir Hrgota in die Mannschaft. Damit mussten sechs der letzten sieben erzielten Tore auf der Bank Platz nehmen. Doch schon nach zwölf Minuten war die Maßnahme über jeden Zweifel erhaben: Herrmann rauschte an Hoffenheims Andreas Beck vorbei zur Grundlinie und bediente Hahn am langen Pfosten — 1:0 für Gladbach. Herrmann legte selbst zwei Treffer nach, Hahn legte einen auf. Und falls beide gegen Limassol nicht spielen dürfen, bietet sich folgender Satz an: Drei der letzten drei erzielten Tore mussten auf der Bank Platz nehmen.

Im Schnitt nimmt Favre pro Spiel 3,19 Wechsel vor, immer mindestens einen und maximal fünf. In 17 Pflichtspielen hat er jetzt 19 Spieler eingesetzt. Der Bänderriss von Granit Xhaka ist die erste größere Verletzung, Max Kruse wurde von einer Harnleiter-Operation außer Gefecht gesetzt, dazu kommen noch ein paar grippale Infekte. Das war's. Angesichts dieser Umstände sollte man doch meinen, dass wenigstens eine Startformation bisher doppelt aufgetreten ist, nur eine einzige. Aber nein, Favre hat 17 Unikate geschaffen.

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In der Schlussphase sah es so aus, als könnte Martin Stranzl der Grund für ein 18. Unikat werden. Mit muskulären Problemen wurde der Dauerbrenner ausgewechselt — reine Vorsichtsmaßnahme, wie der Verein am Montag bekanntgab. Die 1500 Einsatzminuten hatte Stranzl noch vollgemacht, in der 1518. humpelte er vom Platz. Damit ist Torwart Yann Sommer der letzte Borusse mit 100 Prozent Einsatzzeit. 99,2-Prozent-Mann Stranzl soll auf Zypern jedoch theoretisch wieder zur Verfügung stehen.

Noch ein Unentschieden und Gladbach hätte sich so langsam auf Kriegsfuß mit der Drei-Punkte-Regel begeben. Vier Siege wären genauso viele gewesen, wie der FC Schalke und der FC Augsburg auf dem Konto haben, sogar einer weniger als Hannover 96 mit seinen gerade einmal sieben Toren aus zehn Spielen. Doch nach Borussias erstem Sonntagssieg der Saison — zuvor 1:1, 0:0, 0:0, 1:1 und 0:0 — gibt sich die Tabelle jetzt alle Mühe, ihrem Ruf gerecht zu werden, dass sie nicht lügt.

Lucien Favre hat mit Gladbach so oft gegen Hoffenheim gespielt wie seine Vorgänger Jos Luhukay, Hans Meyer und Michael Frontzeck zusammen. Das Trio holte aus acht Duellen gerade einmal drei Punkte, blieb ohne Sieg und musste dreimal mit ansehen, wie eine Zwei-Tore-Führung nicht reichte. Auch das hat Favre schon erlebt. Aber wenn vom "Angstgegner Hoffenheim" die Rede ist, schlägt er sich ansonsten mit den Altlasten seiner Vorgänger herum. Denn der Schweizer kommt jetzt immerhin auf drei Siege, zwei Unentschieden und drei Niederlagen. Wirklich beängstigend wird Favres Bilanz jedoch erst, wenn der VfL unter ihm mal ein Spiel in Sinsheim gewinnt.

Am ersten Spieltag lag die Borussia in der Bundesliga zum letzten Mal zurück, 39 Minuten lang führte der VfB Stuttgart mit 1:0. Am Samstagabend lief der FC Bayern gegen Borussia Dortmund 41 Minuten einem Rückstand hinterher und ließ den VfL in einer Wertung mal vorbeiziehen. Wie Gladbach mitunter auf kleine Rückschläge reagiert, zeugt auch von Klasse: Am 3. Spieltag gegen Schalke erzielte Max Kruse vier Minuten nach dem 2:1-Anschlusstreffer das 3:1, in Zürich zimmerte Havard Nordtveit den Ball zwei Minuten nach dem 0:1 in den Winkel, am Sonntag nun sorgte Patrick Herrmann zwei Minuten nach dem Ausgleich für die erneute Führung.

Manchmal ist es legitim, über das Wetter zu schreiben. Gladbach hat neben den pflichtspielfreien Monaten Juni und Juli inzwischen auch den August, den September und den Oktober ungeschlagen überstanden. Es gab Jahre, da hätte man jetzt etwas von "Unbesiegten im Schnee" schlagzeilen können. Aber am Eis-statt-Glühwein-Sonntag erwachten die 52.000 erst aus spätsommerlichen Träumen, als in der zweiten Halbzeit die grünen Leuchtröhren unter dem Dach angeknipst wurden. In den Bussen auf dem Weg zum Stadion und zurück wird die Champions League langsam zum "Trending Topic". So nennt man es bei Twitter, wenn immer mehr Menschen über dasselbe Thema reden.

Um die 20 Punkte aus zehn Spielen einzuordnen, bietet sich die bisherige Nonplusultra-Saison der jüngeren Vereinsgeschichte (also in etwa seit dem Mauerfall) an. Vor drei Jahren hieß "Borussia Barcelona" am 10. Spieltag noch satzungsgemäß Borussia VfL 1900 e. V. Mönchengladbach und der Gegner war ebenfalls die TSG Hoffenheim. Auswärts in Sinsheim gab es die dritte Saisonniederlage für die Favre-Elf, die den Sprung auf Platz zwei verpasste und mit 17 Zählern auf Platz sieben abrutschte. Schlechter sollte sie bis zum Saisonende nicht mehr dastehen, es folgten 29 Punkte aus zwölf Spielen. Leistungssprünge in der aktuellen Jahreszeit haben bislang alle Favre-Mannschaften ausgezeichnet, unter ihm verlor die Borussia nur eine von 13 November-Partien.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Borussias Rekordserie 2014/2015