Borussia Mönchengladbach: Dieter Hecking will nicht mehr von Momentaufnahme sprechen

Von wegen „Momentaufnahme“: Hecking sieht Borussia zurecht auf Rang zwei

Am Samstag spielt Borussia bei Werder Bremen. In die Partie geht die Mannschaft mit einem neuen Selbstverständnis. Bei der Tabelle möchte Trainer Dieter Hecking nicht mehr von einer „Momentaufnahme“ sprechen.

Uli Hoeneß hatte seine eigene Sicht der Dinge. Der Präsident des FC Bayern München hatte gegenüber Journalisten gesagt, man sei doch Tabellenzweiter. „Nein, Gladbach ist Zweiter“, bekam er als Antwort. „Aber die sind doch nicht vor uns punktemäßig. Oder haben die mehr Punkte als wir?“, fragte Hoeneß nach und ergänzte, als das verneint wurde: „Sehen Sie? Das Torverhältnis interessiert mich nicht.“

Nun ist es jedoch so, dass das in der Tabelle nun einmal doch zählt, weshalb Borussia de facto vor den Bayern auf Rang zwei steht. Beide haben nach zehn Spieltagen 20 Punkte, Gladbach hat aber die um vier Treffer bessere Tordifferenz (+11). Das resultiert unter anderem daraus, dass Borussia in München 3:0 gewonnen hat. Das nur der Vollständigkeit halber: Würde im Fußball der direkte Vergleich zählen, würde Borussia auch deshalb vor den Bayern stehen.

Immer wieder haben die Gladbacher in der jüngeren Vergangenheit betont, sie würden nicht auf die Tabelle schauen und das, was da zu sehen sei, wenn man denn drauf schaue, sei ohnehin nur eine Momentaufnahme. „Ja, das habe ich auch des Öfteren gesagt“, sagte Dieter Hecking nun auf der Pressekonferenz vor der Partie bei Werder Bremen am Samstag (15.30 Uhr). Borussias Trainer schob aber nach: „Ich habe in den letzten Tagen über das Wort Momentaufnahme nachgedacht, und eigentlich ist es Quatsch. Wenn du nach zehn Spieltagen Zweiter bist, dann hast du dir das erarbeitet. Die Mannschaft steht zu Recht da. Das ist jetzt die Herausforderung, das weiter zu verbessern.“

Mit diesem Unterfangen geht es nun nach Bremen. Die Werderaner haben zuletzt zweimal in Folge verloren und sind dadurch auf Tabellenplatz sieben abgerutscht. „Nach allem, was ich so gehört und gelesen habe, sind sie auf Wiedergutmachung aus und wollen ihr wahres Gesicht zeigen“, sagte Hecking. „Sie werden gerade zu Hause offensiv spielen, das zieht sich ohnehin durch ihre Saison. Deswegen erwarte ich eine aggressive Werder-Mannschaft.“

Vor der braucht sich die eigene jedoch nicht zu verstecken. Immerhin hat Borussia in Thorgan Hazard (sieben Tore), Jonas Hofmann und Alassane Plea (je fünf) drei Spieler unter den aktuellen Top 10 der Bundesliga-Torschützenliste – die Bayern, das sollte Uli Hoeneß interessieren, in Robert Lewandowski (fünf) im Übrigen nur einen. Dass Borussia schwer ausrechenbar ist und neben den drei Genannten auch noch Lars Stindl, Raffael, Fabian Johnson, Patrick Herrmann oder Ibrahima Traoré mit Offensivpower in der Hinterhand hat, freut auch Hecking: „Es ist gut, dass wir viele Spieler haben, die Torgefahr ausstrahlen. Das macht uns im Moment auch stark und gibt mir ein gutes Gefühl“, sagte Borussias Trainer. Er warnte aber auch: „Trotzdem musst du immer um eine gute Balance bemüht sein. Die haben wir in fast allen Spielen dieser Saison gehabt. Denn es bringt nichts, im Hurra-Stil über den Platz zu stürmen und dann Gegentore zu bekommen. Diese Balance ist wichtig und wird es auch in Bremen sein.“

Für Hecking bedeutet die vorhandene Offensivpower und das Bemühen um Balance die Aufgabe, aus dem vorhandenen Personal die richtigen Spieler für den jeweiligen Gegner auszusuchen. Immerhin hat er nahezu den kompletten Kader zur Verfügung, einzig hinter dem Einsatz von Innenverteidiger Nico Elvedi (Bänderzerrung im Sprunggelenk) ein Fragezeichen. Sollte er nicht spielen können, würde wohl Tony Jantschke wieder ins Abwehrzentrum rücken, wie er es auch gegen Fortuna Düsseldorf tat. In der Defensive hat Hecking eine feste Formation, davor hat er in dieser Saison immer wieder gewechselt: Mal stand Christoph Kramer auf der Sechs vor der Abwehr, dann – wie zuletzt – Tobias Strobl.

Über dieses Wechselspiel ist vor allem Kramer wenig amüsiert, doch Hecking zeigt Verständnis für dessen Frust: „Ich war selber Spieler. Wenn ich nicht gespielt habe, war jeder Trainer für mich eine Person, die ich nicht sehen wollte. Dann hatte ich auch immer eine dicke Krawatte. Das wichtigste ist, dass man sich in die Augen gucken kann und erklären kann warum das so ist. Es ist ja nicht so, dass Chris Kramer nicht mehr Fußball spielen kann, sondern dass sich ein anderer eben auch aufgedrängt hat“, sagte Hecking über Strobl und ergänzte: „Es ist wichtig für einen Trainer, abzuwägen, welche Personalie für welches Spiel richtig ist. Ich bin froh, dass ich einen Chris Kramer habe, dass ich einen Tobi Strobl habe und dass ich einen Denis Zakaria habe." Auch die Breite des Kaders ist ein Faktor für die erreichten 20 Punkte nach zehn Spielen und Tabellenplatz zwei. Ob das nun Uli Hoeneß gefällt oder nicht.

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