Borussia Mönchengladbach: Dieter Hecking sieht Mehrfachbelastung nicht als Vorteil

Konkurrenz hat Englische Wochen: Borussias Sonderstellung im Kampf um Europa

Borussia ist das einzige Team aus den Top sieben der Bundesliga-Tabelle, das keine Doppel- oder Dreifachbelastung mehr hat. Doch das muss aber nicht zwangsläufig ein Vorteil sein, findet Trainer Dieter Hecking.

Lothar Matthäus war es spürbar unangenehm. Doch der frühere Welt-Fußballer, Weltmeister und Ex-Borusse kam um das Thema nicht herum, als er nach dem 2:0 der Gladbacher auf Schalke in seiner Rolle als Sky-Experte zunächst mit dem Torschützen zum 1:0, Christoph Kramer, und dann mit Trainer Dieter Hecking sprach. Gladbach sei nun der erste BVB-Jäger und vielleicht sogar Meisterschaftskandidat, sagte Matthäus und wusste, dass es Absagen hageln würde von den Borussen. Die taten dann, was sie tun mussten im Sinne der gängigen Borussia-Sprachregelung, umredeten das Ganze und teilten nochmal mit, wie wenig Sinn es mache, darüber zu philosophieren und wie wichtig es sei, fokussiert zu sein immer auf das nächste Spiel.

Matthäus lächelte, verwies aber darauf, dass auch der Spielplan Sachdienliches hergebe zum Gesprächsgegenstand. Denn die Gladbacher empfangen sowohl den FC Bayern als auch den Primus BVB noch. Zudem müssen die Dortmunder noch zu den Bayern, was bedeuten kann, dass Gladbach an so einem Spieltag der lachende Dritte sein kann, wenn es seinen Job macht. So wie am Wochenende. Da ist der Rückstand auf Dortmund von neun auf sieben Punkte geschmolzen, weil der BVB nur 1:1 in Frankfurt spielte, und Borussia punktemäßig mit den Bayern gleich-, aufgrund der besseren Tordifferenz sogar an ihnen vorbeigezogen, nachdem sie in Leverkusen verloren hatten. Was die großen Themen angeht, bleibt Borussia trotz der ausgezeichneten Lage bei ihrer Windschatten-Taktik und verweisen auf die Größe und die Qualität der beiden Klubs, mit denen sie vermeintlich um die Schale ringen.

Diese gewann Gladbach zuletzt am Ende der Spielzeit 1976/1977. Und just in dieser Saison hatten sie nach etwas 20 Spielen eine fast identische Bilanz wie jetzt: 43 Punkte (heute 42), 41 Tore (wie jetzt) und 20 Gegentore (nun 18) und neun Zu-Null-Spiele von Wolfgang Kneib (dieses Mal hat Yann Sommer schon zehn beisammen). Die These von der Geschichte, die sich zuweilen wiederholt, ist zumindest kein absolutes Hirngespinst mehr. Nur einmal, in der ersten Meistersaison 1969/70, hatte Borussia nach 20 Spielen mehr Siege (14) als jetzt, nur einmal in der Bundesliga-Geschichte gab es ebenfalls zehn Zu-Null-Spiele nach 20 Partien, das war in der vierten Meistersaison 1975/76.

Der „Sportinformationsdienst“ hat daher schon den „Dreikampf um die Schale“ ausgerufen. Und in diesem haben die Borussen eine Sonderstellung, die im Übrigen für das gesamte Europa-Rennen gilt: Als einziger Klub von Platz sieben aufwärts haben die Borussen derzeit nur eine Einfachbelastung. Europa hatten sie in der vergangenen Saison verpasst, der Pokal-Wettbewerb endete im Oktober mit dem 0:5 gegen Leverkusen. Gerade in diesen Tagen, wenn DFB--Pokalzeit ist, wird der bis dato einzige schwerwiegende Makel dieser so ausgezeichneten Saison den Borussen und ihren Fans wieder in Erinnerung gerufen.

Dortmund (1.), die Bayern (3.), Leipzig (4.), Wolfsburg (6.) und natürlich Leverkusen (7.) sind da noch aktiv, und auch, als Gegner der Bayern die „alte Dame“ Hertha BSC, die am Samstag (15.30 Uhr) zum Bundesligaspiel in den Borussia-Park kommt. Eintracht Frankfurt (4.) ist wie Leipzig zweigleisig unterwegs, indes ist die Europa League für die Doppelbelastung der Hessen zuständig. Am 17. Februar reisen die Borussen nach Frankfurt, zuvor spielt die Eintracht bei Schachtar Donezk in der Ukraine. Leverkusen, die Bayern und der BVB sind noch in drei Wettbewerben dabei, Bayer in der Europa League, die anderen beiden (wie Schalke) in der Champions League.

Während die Konkurrenz also die eine oder andere Englische Woche vor sich hat, können sich die Borussen in Ruhe auf das jeweils nächste Bundesliga-Spiel vorbereiten. Anders wäre es ihnen ganz sicher lieber, und sie arbeiten nachhaltig daran, dass es in der nächsten Saison auch wieder mehr Spiele unter der Woche gibt. Doch nun kann die Mehrfachbelastung der Anderen ein Vorteil sein für die Gladbacher, vielleicht sogar, was den ganz großen Coup angeht, den nicht mehr wenige Heckings Team zutrauen.

Hecking hofft, dass die deutschen Klubs möglichst weit kommen, jedoch nicht aus Kalkül. „Erst einmal wünsche ich mir, dass unsere Klubs in der Champions League ihre schwere Aufgaben alle meistern. Das wäre für den deutschen Fußball sehr wichtig“, sagte Hecking. Und ein Vorteil muss es in seinen Augen nicht unbedingt sein, wenn ein Team auf höchster Ebene lange spielt. „Man auch viel Kraft daraus ziehen, wenn man lange international dabei ist“, sagte er. „Außerdem haben Dortmund und die Bayern Kader, die auf eine lange Saison auch in der Champions League ausgelegt sind“, sagte Hecking.

Mehr von RP ONLINE