Borussia Mönchengladbach: Dieter Hecking: "Andreas Christensen würde ich sofort nehmen, ABER..."

Borussia-Trainer Dieter Hecking im Interview : „Andreas Christensen würde ich sofort nehmen“

Dieter Hecking äußert sich im Interview zu den Gerüchten um eine Verpflichtung von Andreas Christensen. Außerdem spricht der Gladbach-Trainer über die Herangehensweise an die Rückrunde, sein Verhältnis zu Max Eberl und seinem Umgang mit Druck.

Herr Hecking, wir haben Ihre Arbeit in der Vorrunde mit der Schulnote 2+ benotet. Zufrieden?

Dieter Hecking (grinst) Sie haben mich so benotet, warum soll ich mich beschweren? Wir werden für das, was wir in der Hinrunde gemacht haben zu Recht gelobt, das habe ich am Mittwoch, als wir uns wiedergesehen haben, auch der Mannschaft gesagt. Aber ich habe den Spielern auch gesagt, dass wir uns auf dem Lob nicht ausruhen dürfen. Die 33 Punkte nach 17 Spielen sind sehr gut, eine tolle Ausgangslage, aber wir müssen weitermachen.

Sie sind ein Realist, darum dürften Sie die Hinrunde auch schon kritisch analysiert haben. Das ist gerade im Erfolg sehr wichtig.

Hecking Soll ich ganz ehrlich sein? Ich habe mich nach dem Spiel in Dortmund bis zum 2. Januar nicht mit Fußball beschäftigt. Ich war mit meiner Familie in Norwegen und habe ganz bewusst Abstand genommen zum Fußball. Ich habe gelernt, dass es sehr wichtig ist, die wenigen Tage, die wir haben, intensiv zu nutzen, um abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen. Ich wusste doch auch: Als ich am 2. Januar herkam, um das erste Training vorzubereiten, wartete schon mein Co-Trainer Frank Geideck mit seinem Laptop auf mich, um die ersten Analysen zu machen.

Was haben die ergeben?

Hecking Ich denke, viel müssen wir nicht korrigieren, aber natürlich suchen wir weiter, wo wir noch etwas besser machen können. Wir haben uns im Sommer entschieden, ein neues System zu spielen und die Mannschaft hat das von Anfang an sehr gut angenommen. Woran wir sicherlich noch  arbeiten können, ist das Spiel mit einer defensiven Dreierkette, auf das wir in der Hinrunde schon hin und wieder im Spielverlauf umgestellt haben.

Das 4-3-3 bleibt das Hauptsystem. Hat es Sie überrascht, dass es von Beginn an so gut geklappt hat?

Hecking Ich glaube, dass schon die ersten Testspiele im Sommer gezeigt haben, dass die Mannschaft dieses System gut umsetzen kann. Dann war es natürlich spannend zu sehen, wie das in der Bundesliga gegen Leverkusen gelingt. Es hat sehr gut funktioniert und das Vertrauen in das System ist von Spiel zu Spiel gewachsen. Wichtig war, dass wir defensiv gut stehen, das haben wir sehr gut hingekriegt. Natürlich war ich überzeugt, dass es gut klappen würde, aber dass es so schnell so gut geht, konnte man nicht vorausahnen.

Können sie mit diesem System eine Ära prägen wie Lucien Favre mit seinem 4-4-2?

Hecking Lucien hat hier viele Jahre hervorragende Arbeit geleistet und Grundlagen für eine erfolgreiche Zukunft des Vereins gelegt. Aber das System hatte sich danach etwas abgenutzt, das ist auch normal, ab und zu braucht eine Mannschaft neue Impulse. Das habe ich schon während der vergangenen Rückrunde festgestellt. Natürlich wollen wir hier gerne wieder eine Mannschaft aufbauen und für etwas stehen.

Was kann noch verbessert werden?

Hecking Ich habe mir am Donnerstagabend das Spiel zwischen Liverpool und ManCity angeschaut. Da gab es zwei sehr verschiedene Interpretationen des 4-3-3 zu sehen. Ich würde sagen, wir liegen irgendwo dazwischen mit unserem Ansatz, auch wenn wir uns auf einem anderen Niveau befinden. Dass wir in der einen oder anderen Situation sicher noch besser umschalten müssen, hat das Spiel in Dortmund gezeigt. Wir waren auf Augenhöhe, haben aber in der Summe mehr Fehler gemacht. Das war dann der Unterschied. Aber es gibt doch für uns überhaupt keinen Ansatz, alles in Frage zu stellen. Ganz im Gegenteil. Wir haben eine sehr gute Basis und können da ansetzen und darauf aufbauen.

In der vergangenen Saison ist die Rückrunde nicht so gut gelaufen. Was macht Sie zuversichtlich, dass die Mannschaft das nun besser hinbekommt?

Hecking Ich schaue überhaupt nicht auf die gesamte Rückrunde und das, was im Mai sein wird. Das einzige, was mich und uns interessiert, ist Bayer Leverkusen, wo wir zum Rückrundenauftakt antreten werden. Da wollen wir erfolgreich sein. Wir werden wie bisher nur von Spiel zu Spiel schauen, alles andere bringt uns nicht weiter. Natürlich hat die starke Hinrunde sicherlich Erwartungen geweckt, das kann ich auch verstehen. Aber für uns ist es weiterhin der einzige Weg, realistisch zu bleiben und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Gleichwohl kann man errechnen, dass nicht mehr viele Punkte bis Europa fehlen. Vielleicht reichen schon 17, 18 oder 19.

Hecking Darauf schauen wir nicht. Uns geht es darum, unser Spiel weiter durchzuziehen. Wir wollen weiter defensiv gut stehen und nach vorn gefährlich werden. Wir werden jetzt nicht anfangen, auf 0:0 zu spielen. Wenn wir das im Gros der Spiele hinbekommen, werden wir auch wieder viele Spiele gewinnen. Und dann können wir am Ende schauen, wo wir stehen. Je weniger die Spiele werden, desto mehr wird auf das Endergebnis geschaut, das weiß ich, aber noch liegt eine gesamte Runde vor uns, da gibt es genügend Eventualitäten, die den Verlauf beeinflussen können.

Im Trainingslager in Jerez de la Frontera wird es darum gehen, das Team optimal auf die Rückrunde vorzubereiten. Was werden die Schwerpunkte sein?

Hecking Die Laktatwerte sind super, das Team ist topfit. Das überrascht mich angesichts der kurzen Pause aber nicht. Deswegen können wir gleich an fußballtaktischen Sachen arbeiten. Natürlich wird es auch Einheiten geben, in denen am Läuferischen gearbeitet wird, doch wird es vor allem darum gehen, Automatismen und Abläufe weiter zu verfeinern. Wir können dann noch etwas flexibler agieren.

In den nächsten Wochen wird es Spekulationen geben, was Transfers angeht. Ihr Manager Max Eberl hat aber schon angedeutet, dass in Gladbach nicht viel passieren wird. Gibt es sogar Spieler, die Sie als Trainer für unverkäuflich erklären würden? Thorgan Hazard zum Beispiel, dessen Vertrag bis 2020 läuft?

Hecking Auch da muss ich realistisch sein. Borussia Mönchengladbach wird immer wieder in die Situation kommen, Spieler abgeben zu müssen. Das kann auch im Sommer passieren, selbst wenn wir uns für Europa qualifizieren. Natürlich kennt ein Spieler wie Thorgan meine Wertschätzung für ihn, aber das heißt ja nicht, dass es nicht doch Angebote gibt, die interessant für ihn sind.

Gilt das auch für Jonas Hofmann, dessen Vertrag ebenfalls bis 2020 läuft?

Hecking Grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass wir unsere Topspieler immer halten können. Aber auch da gibt es viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Ganz sicher wäre es für uns ein starkes Argument, wenn wir international spielen. Wenn es dann aber um Gehälter geht, kann es schon mal schwierig werden, wenn ein Spieler zu uns kommt und sagt, dass er bei einem anderen Verein das Dreifache verdienen kann.

Sie pochen darauf, dass der Kader im Winter nicht verändert wird. Was macht das Gesamtgebilde aus?

Hecking Der Kader ist sehr homogen. Oft heißt es ja, dass es in einer Mannschaft Reizpunkte braucht, die Notwendigkeit sehe ich bei uns aber nicht. Bei uns herrscht ein großes Verständnis untereinander, gerade bei den Führungsspielern. Sie fangen auch die, die vielleicht mal ausbrechen, schnell wieder ein. Da ist jeder für den anderen da. Das zeigt sich besonders am Beispiel Mamadou Doucouré, der ja unser größter Pechvogel ist. Es ist toll zu sehen, wie alle für ihn da sind und ihn immer wieder aufbauen.

Ihren Standpunkt, keinen Spieler abgeben zu wollen, haben Sie deutlich geäußert. Aber würden Sie sich denn Neuzugänge wünschen?

Hecking Es gibt ja zwei Möglichkeiten: Entweder holt man Spieler, die einen auf Sicht weiterbringen sollen oder die einem sofort helfen. Aber gerade in diesem Fall verändert das auch das Mannschaftsgefüge. Da muss man genau abwägen, was man macht. Und wir haben schon einen großen Kader. Im Moment würde es also wenig Sinn machen, weitere Spieler zu verpflichten.

Ein Name, der häufig als möglicher Neuzugang gehandelt wird, ist Andreas Christensen, der schon von 2015 bis 2017 an Borussia ausgeliehen war, aber zum FC Chelsea zurück musste.

Hecking Wenn Max Eberl morgen zu mir käme und sagt, dass wir diesen Spieler bekommen könnten, würde ich sofort zuschlagen. Andreas würde ich direkt nehmen, das würde auch jeder hier unterschreiben, der ihn in Mönchengladbach noch erlebt hat. Aber um einen Spieler aus der Premier League, dazu noch dänischer Nationalspieler, zu bekommen, wäre eine Ablöse im deutlich zweistelligen Millionenbereich nötig. Dazu noch das Gehalt, das deutlich über dem Niveau von Borussia Mönchengladbach liegt – das ist unrealistisch.

Sie haben schon häufig betont, dass Sie ein sehr gutes Verhältnis zu Eberl haben. Woran liegt das?

Hecking Ich kann sagen, dass ich immer großes Glück mit den Sportdirektoren und Managern hatte. Ob das Klaus Allofs in Wolfsburg war, Jörg Schmadtke in Aachen und Hannover oder Martin Bader in Nürnberg. Was mein Verhältnis zu Max auszeichnet, ist, dass wir uns auch mal so richtig die Meinung sagen und gut miteinander streiten können. Jeder akzeptiert die Ansichten des anderen und fällt dem Gegenüber nicht gleich ins Wort, wenn man nicht einer Meinung ist. Das kommt auch das ein oder andere Mal vor, weil wir nicht immer die gleiche Ansicht haben. Ob das beim Kader ist, möglichen Neuverpflichtungen oder ganz allgemeinen Themen aus dem Fußball. Aber ich glaube, das schätzt man grundsätzlich an mir, dass ich die Meinungen anderer akzeptiere.

Sie haben schon häufiger den Umgang mit den Trainern in der Bundesliga moniert. Nun gab es in dieser Saison erst zwei Entlassungen, haben Sie eine Erklärung dafür?

Hecking Ich denke, dass die Vereine mittlerweile festgestellt haben, dass ein Trainerwechsel nicht unbedingt die Königslösung ist. Außerdem sind die Sportdirektoren bei den meisten Klubs inzwischen näher an der Mannschaft und suchen sich so auch einen Trainer aus, der zu der Philosophie des Vereins passt.

Per Mertesacker hat im vergangenen Jahr den Druck, der auf den Spielern lastet, beklagt. Wie viel Druck verspüren Sie als Trainer?

Hecking Momentan lese ich ein Buch, in dem Führungspersönlichkeiten schildern, wie sie mit Druck umgehen. Da gibt es drei, vier, die mir aus der Seele sprechen. Druck ist nur das, was ich empfinde. Wenn du eine Führungsperson bist, die andere anleiten muss, ist das für mich kein Druck. Das macht mir Spaß, sonst würde ich das nicht machen. Ich spüre nicht den Druck, wer weiß wie viele Ergebnisse noch bringen zu müssen. Ich habe den Ehrgeiz, positive Ergebnisse zu bringen. Ich habe den Ehrgeiz, aus einer schlechten Phase herauszukommen. Druck hat ein Herzchirurg, der Menschenleben in der Hand hat, oder die Bundeskanzlerin, wenn sie Entscheidungen über die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland treffen muss. Aber ich mache doch das, was mir am meisten Spaß macht.

Es ist aber auch ein großer Wirtschaftsfaktor.

Hecking Natürlich verdienen alle in diesem Geschäft viel Geld. Aber für mich ist der größte Faktor, dass ich das machen kann, woran ich Spaß habe. Für mich wäre es nichts, acht Stunden im Büro sitzen und zu gucken, wie ich den Arbeitstag rumkriege, ich habe einen erfüllten Arbeitstag. Ich habe Spaß an der Arbeit, Spaß an einem Spielzug, der klappt, Spaß an schönen Toren, und das treibt mich immer wieder an. Weil ich eine Sache mache, die meine Leidenschaft ist. Das trifft es am besten: Die Leidenschaft zum Fußball gibt mir nicht das Gefühl, dass ich Druck habe. Es gibt gute und negative Phasen in meinem Job, aber ich kann das selber beeinflussen. Ich habe die Entscheidungsgewalt, und das gibt mir ein unwahrscheinlich gutes Gefühl.

Ist diese Einstellung gewachsen oder war das schon immer so?

Hecking Die ist gewachsen, ganz klar. Wenn Sie mich in Hannover oder Aachen erlebt hätten… Ich hatte ja auch einen Antrieb: In dem Moment, in dem ich mein Fußballehrer-Diplom gehabt habe, war für mich klar: Ich will damit in der Bundesliga arbeiten. Den Druck habe ich mir selber gemacht. Und dann musste ich den schweren Weg aus der Dritten Liga gehen. Ich musste mir alles erarbeiten. Da waren auch Tage dabei, an denen ich gezweifelt habe, ob ich das schaffe. Dann kam Alemannia Aachen. Das war Glück, ich konnte mit einem Zweitligisten Europapokal spielen. Dann sind wir aufgestiegen, und plötzlich war der Name Hecking für viele Bundesliga-Verantwortliche interessant.

(sho/kk)
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