Borussia Mönchengladbach: Die Trainer-Ära von Dieter Hecking endet nach 878 Tagen

Hecking vor letztem Spiel als Borussia-Trainer : „Ich spiele am Samstag keine Hauptrolle“

Dieter Hecking hat Borussia zweimal auf Rang neun geführt, nun wird es mindestes Rang sechs. Eine Bilanz seiner 878 Tage im Amt.

Dieter Hecking hat recht deutlich formuliert, was er sich zum Abschied wünscht: die Qualifikation für die Champions League. Er selbst hätte künftig nichts mehr davon, schließlich endet sein Arbeitsauftrag bei Borussia am Samstag, so hat es Sportdirektor Max Eberl entschieden. Marco Rose wird Hecking beerben. Schon jetzt steht fest, dass der neue Mann einen Europapokal-Teilnehmer übernehmen wird.

Man spürt bei Hecking den Frust über die Entwicklung, und man kann es dem 54-Jährigen nicht verdenken. Er hat seinen Job gemacht, hat Borussia nach zwei neunten Plätzen auf gewisse Weise neu erfunden und sie nach zwei Jahren unfreiwilliger Abstinenz ins internationale Geschäft zurückgeführt. Das ist nach dem 4:0 bei seinem Ex-Verein 1. FC Nürnberg vor einer Woche sicher. Und dass es mindestens Platz sechs sein wird, auch. Denn dass Heckings anderer „Ex“, der VfL Wolfsburg, die drei Punkte und zehn Tore aufholten wird, ist unwahrscheinlich.

Es wird am Samstag vor dem Spiel keine offizielle Verabschiedung geben, wenn, dann nach dem Spiel. Das ist Hecking ganz recht, denn er will sich auf den letzten Akt seiner Ära als Gladbach-Trainer konzentrieren, um das Maximum herauszuholen mit seinem Team. Dass es diese Chance geben würde, das hatten ihm einige Menschen nicht mehr zugetraut, nachdem bekannt gegeben worden war, dass es zu Ende geht mit der Verbindung Hecking/Borussia. Doch der Trainer  hat den Draht zum Team auch in dieser schwierigen Konstellation nicht verloren, das haben die Schlussphase  gegen Hoffenheim und das 4:0 in Nürnberg gezeigt. Als es darauf ankam, waren seine Spieler bereit, das Richtige zu tun. Und Hecking tat auch das Richtige: Seine Systemumstellungen passten,  die Joker stachen.

„Er hat uns gesagt, dass es für ihn jetzt sogar noch schöner wäre, die Champions League zu erreichen, um sich so vom Verein zu verabschieden“, gab nun Jonas Hofmann im Interview mit „Spox“ einen Einblick ins Gefühlsleben seines Trainers. Hecking selbst, ganz Westfale, bleibt nach außen gelassen. „Natürlich könnte es emotional werden, aber damit beschäftige ich mich im Vorfeld nicht. Ich spiele am Samstag keine Hauptrolle“, sagte er.

Mancher wirft Hecking gerade diese Art vor, moniert dass er mehr aus sich herausgehen müsse. Möglich, dass er mit einer anderen Emotionalität gerade in Phasen wie zuletzt einem Team den Schlendrian austreiben könnte, doch so ist er nicht. Hecking weiß, was er als Trainer kann, aber auch, was er nicht kann. Seine Kritiker werfen ihm vor, zu wenig innovativ zu sein, zu oldschool. Doch genau diese Aspekte sind es, die einen Trainer wie Hecking ausmachen: Er ist kein Revolutionär, dafür ist er einer, der einem Team Struktur geben kann. Das hat er auch in Gladbach getan. Als Hecking im Dezember 2016 als Nachfolger von André Schubert vorgestellt wurde, brauchte die Mannschaft einen, der ihr Ruhe gab, der wieder eine Ordnung herstellte.

Das Knackspiel für Hecking war das 3:2 in Leverkusen Ende Januar 2017. Wäre das verloren gegangen, wäre Borussia vielleicht total abgerutscht. So aber ging es bis vor die Tore Europas – aber eben nicht hindurch. Zudem führte Hecking sein Team ins Europa-League-Achtelfinale und ins Halbfinale des DFB-Pokals, jeweils aber scheiterte Borussia. Gerade das verlorene Halbfinale hing Hecking immer nach, es steht für das Verpasste in dieser Zeit.

In der Saison darauf war die Hinrunde sehr gut, doch hakte es in der Rückrunde, es gab wieder Platz neun, auch, weil es viele Verletzte gab. Hecking stellte klar: Wenn alle da sind, schaffen wir Europa. Er setzte auf ein neues, mutigeres System , emanzipierte Borussia damit auch vom Erbe Lucien Favres. Der Höhepunkt des 4-3-3 war der 3:0-Sieg beim FC Bayern München, der höchste den je ein Gladbacher Team beim Rekordmeister schaffte. Am Ende steht, trotz einer längeren Problemphase, Europa. Das ist letztlich der Bewertungsmaßstab der Ära Hecking. Das Team hat einen Schritt nach vorn gemacht.

Hecking wird einschließlich Samstag 878 Tage Gladbach-Tainer gewesen sein. In seiner Zeit ist der Marktwert des Kaders um 130 Millionen Euro gestiegen. 40 Spieler hat er eingesetzt und einen Rekord aufgestellt: Nie zuvor hat Borussia  neun Heimspiele von Saisonbeginn an gewonnen. Das BVB-Spiel wird sein 99. sein als Borussen-Trainer. Bislang hat er 44 Partien  gewonnen, 22 endeten Remis, 32 gingen verloren.  Rechnet man den Punkteschnitt von 1,57 hoch, ergibt das einen Wert von 53 Punkten. Das ist ein Schnitt an der EuropaSchwelle.

In dieser Saison reicht es für das internationale Geschäft. Und vielleicht sogar für die Champions League. Das Portal „transfermarkt.de“ hat das letzte Spiel in seiner Hecking-Bilanz für diese Saison schon vorweggenommen: Platz vier und 58 Punkte stehen da in der Statistik dieser Saison, anhand der Torbilanz lässt sich ein 3:0-Sieg gegen den BVB herausrechnen. Kommt es tatsächlich so. es wäre genau der Abschied, den sich Hecking wünscht: die Königsklasse.

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