Borussia Mönchengladbach: Die Saubermänner brauchen Anführer

Fehlende Führungsqualität: Borussias Saubermänner brauchen Anführer

Borussia hat in manchen Spielen schon den nötigen Punch gezeigt, große Ziele aber auch oft hauchdünn verpasst. Das liegt vor allem daran, dass in den entscheidenden Momenten ein Anführer fehlt.

Das Adjektiv "sauber" kann sich über seinen Ruf nicht beklagen. "Sauber!" ist ein Wort des Lobes, grundsätzlich auch bei Borussia Mönchengladbach. Zunächst einmal ist es positiv konnotiert, wenngleich der vehemente Hinweis auf die Sauberkeit der Mannschaft gerade in Krisenzeiten häufig kommt.

"Wir haben eine saubere und integre Mannschaft. Die Qualität ist da, davon sind wir überzeugt", sagte Spordirektor Max Eberl im Januar 2017, auf der ersten Pressekonferenz von Trainer Dieter Hecking.

Das Thema, ob sich Borussias Spieler zu leicht unterkriegen lassen, zu schnell den Kopf in den Sand stecken, ein zu sanftes Gemüt haben, ist so alt wie - gute Frage, wie alt eigentlich? Mindestens anderthalb Jahre: "Es war ein wichtiger Aspekt in dieser Transferperiode, dass wir Führungsqualität finden. Das haben wir mit Jannik und Chris geschafft. Die Jungs müssen sich in der Kabine zurechtfinden, aber da sehe ich keine Probleme. Wir haben eine charakterlich saubere Mannschaft", sagte Eberl damals bei der Vorstellung Jannik Vestergaards, kurz nach der Verpflichtung Christoph Kramers.

In jenen Sommer war Borussia zweifellos mit einem Führungsvakuum gegangen. Martin Stranzl hatte aufgehört, Roel Brouwers war noch einmal in die Heimat gewechselt, Havard Nordtveit ablösefrei zu West Ham United und Granit Xhaka für 43 Millionen Euro zum FC Arsenal. 20 Monate später hat die Mannschaft ein paar der verlorenen Kilogramm an Führungsqualität wieder drauf, aber immer noch zu wenig.

"Er ist jetzt dabei zu lernen, einen großen Verein wie Borussia zu führen", sagte Eberl mal über Lars Stindl. Da hatte der Angreifer, zu diesem Zeitpunkt seit einem halben Jahr Kapitän bei Borussia, gerade zwei Tore beim initialzündenden 3:2 in Leverkusen geschossen. Zur Pause hatte es nach Abstiegskampf gerochen, dann drehte Gladbach das Spiel, gewann auch vier der fünf folgenden Partien und war Anfang März nicht nur alle Sorgen los, sondern durfte noch von Europa träumen.

2017 wurde das Jahr des Stindl: 16 Tore für Borussia, Länderspieldebüt, Confed-Cup-Sieg, WM-Hoffnung. Ihm Führungsqualitäten abzusprechen, käme einem Frevel gleich. Nur befindet sich Stindl aktuell in einem sportlichen Loch, der Einsatz stimmt wie stets, doch manche der Meter, die er macht, wirken vergebens und verzweifelt. Menschlich ist das völlig nachvollziehbar nach so einem Jahr, nur wird derzeit deutlich, dass es auf der Führungsebene an Backups mangelt.

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Das mit der Sauberkeit ist noch immer positiv gemeint, allerdings macht Borussias Mannschaft den Eindruck, als könne ihr das sanfte Gemüt erneut zum Verhängnis werden. So wie sie in guten Phasen rauschhaft aufblühen kann, multiplizieren sich die negativen Strömungen, wenn es mal nicht läuft, weil sich scheinbar niemand dagegen wehrt.

Vestergaard hat seine Stranzligkeit gesteigert, macht aber noch zu viele Fehler. Matthias Ginter wächst an den Ansprüchen, aber es wird noch dauern. Tony Jantschke ist neben dem Platz noch immer eine starke Figur, hat aber sportlich zu kämpfen. Kramer ist als Schrittmacher des Spiels enorm wichtig, schien die Lage aber zuletzt zu beschönigen.

Viele andere wie Nico Elvedi, Denis Zakaria und Michael Cuisance sind aufgrund ihres Alters erstmal fein raus. Und Raffael führt eben nur auf eine Weise - mit dem Ball am Fuß.

In den vier Rückrundenspielen, die Borussia verloren hat, war sie spielerisch nie schlechter, sie hatte nie deutlich weniger Chancen als der Gegner und hätte - in der grauen Theorie - stets einen Punkt verdient gehabt. Trotzdem all diese Spiele verloren zu haben, ist womöglich problematischer als ein 1:6 in Dortmund und ein 1:5 gegen Leverkusen.

Vom Europa-League-Viertelfinale trennten Gladbach vergangene Saison auch nur ein Maulwurfhügel und ein unberechtigter Handelfmeter. Vom DFB-Pokal-Finale nur ein Elfmeterschießen. Vom Europapokal nur zwei Siege statt drei Unentschieden gegen Abstiegskandidaten.

Es fehlen keine Welten, und manch ein Problem mag luxuriös wirken. Selbst diese saubere Mannschaft hat schon den nötigen Punch gezeigt - einst bei Celtic in der Champions League, beim 4:2 in Florenz oder beim Sieg gegen die Bayern Ende November. Doch die Borussen scheinen sich in solchen Spielen selbst überrascht zu haben.

(jaso)