Borussia Mönchengladbach: Die große Saison-Analyse

„Irgendwas war immer“: Borussias durchwachsene Saison

Wir nennen acht Gründe, warum die just abgelaufene Spielzeit eine durchwachsene geworden ist – und was in der nächsten bei Borussia besser werden muss.

1. Die vergebenen Chancen

Das große Gesamtbild der verpassten Möglichkeit, mehr zu erreichen in dieser Saison, ist ein Mosaik aus unzähligen kleinen Bildern. Nur fünf Mannschaften haben mehr Torgefahr produziert, aber nur Köln und Hamburg als Absteiger und Freiburg als Beinahe-Absteiger sind fahrlässiger damit umgegangen. Schon eine durchschnittliche Chancenverwertung hätte Gladbach wahrscheinlich gereicht, um alle anderen Defizite zu kompensieren. Wer eine Phase sucht, in der Borussia das internationale Geschäft am ehesten verpasst hat, dann in den sechs Spielen nach der Winterpause. Neun bis zehn Punkte hätten es aufgrund der Leistungen sein müssen, es wurden nur drei – eben weil die Effizienz gen Null tendierte. Wer ein Gesicht sucht, das am besten zur problematischen Torproduktion passt, landet bei Thorgan Hazard. Hätte der Belgier ebenfalls nur eine durchschnittliche Figur vor dem Tor abgegeben, wäre er Zweiter der Torschützenliste mit 15 Toren. So benötigte er fünf Elfmetertore, um seine fünf Treffer aus dem Spiel heraus aufzuhübschen. In den meisten Kategorien, wo es nicht lief, wären keine Heldentaten oder Weltklasse-Leistungen nötig gewesen, um mehr zu erreichen.

2. Die Verletzten

Im November erhöhte Twitter die maximale Zeichenzahl pro Tweet von 140 auf 280. Alle Social-Media-Beauftragten konnten aufatmen: Die Namen aller verletzten Gladbacher würden weiterhin in einen Tweet passen. Zehn Spieler fielen in den schlimmsten Phasen aus, weniger als fünf waren es nie, sieben im Schnitt. Nur Tobias Sippel, Nico Elvedi, Matthias Ginter und Thorgan Hazard mussten nicht einmal aus gesundheitlichen Gründen passen. Die Verletzungssorgen bei Borussia nahmen teilweise groteske Züge an, am Tag nach dem Spiel in Leverkusen zum Beispiel gab es plötzlich vier neue Patienten. Inwieweit von Verletzungspech die Rede sein kann und wo es Versäumnisse von Spielern, Trainern, Ärzten, Physios oder Athletiktrainern gab, werden die Analysen in der Sommerpause zeigen müssen. Dass der Klub sich mit externen Fehlereingeständnissen zurückhält, ist verständlich. Intern wird hoffentlich jeder Stein umgedreht. Denn Borussia hat bereits 2017 auch deshalb Ziele verpasst, weil zu viele Profis ausfielen, und 2018 nennen die Verantwortlichen die Probleme in diesem Bereich im Unglücks-Dreiklang Verletzungen, Fehlentscheidungen, schlechte Leistungen stets zuerst.

3. Die Gegentore

Trotz einer recht konstant formierten Abwehrreihe hat Borussia in dieser Saison 52 Gegentore kassiert. Das sind im Schnitt 1,51 pro Spiel. Nur vier Teams haben mehr Tore kassiert, Freiburg gleich viele. Europa-tauglich ist die Bilanz nicht, von den Teams vor Borussia hat nur Leipzig einen schlechteren Wert (53). Alle anderen außer RB, das es ins internationale Geschäft gebracht hat, sind unter 50 Gegentoren geblieben. Siebenmal gab es ein „zu Null“ – Platz neun in der Liga. Die Borussen haben des Gegners Erfolgserlebnisse gerecht auf beide Halbzeiten verteilt – zwischen der 1. und 45. Minute und der 46. und 90. Minute gab es jeweils 24 Gegentore. Einen Treffer kassierte Borussia in der Nachspielzeit der ersten, drei in der „Verlängerung“ der zweiten Halbzeit. Fast ein Drittel der Gegentreffer gab es bei den hohen Klatschen in Dortmund (1:6), gegen Leverkusen und in München (jeweils 1:5) – so viele Spiele mit fünf und mehr gab es seit der ersten Bundesliga-Saison 1965/66 nicht, damals waren es fünf. In allen drei Spielen brach Borussia nach der Pause ein.

4. Die Verlierer

Mannschaftliche Geschlossenheit war Borussia selten abzusprechen – an guten wie an schlechten Tagen. Trotzdem gab es natürlich Profis, die besonders weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Wie in so vielen Bereichen scheint alles mit allem zusammenzuhängen. Beispiel Vincenzo Grifo: Der legte eine ordentliche Vorbereitung hin, verletzte sich vor dem ersten Ligaspiel, kehrte im Herbst furios zurück – und dann ging nur noch wenig. Der Plan B mit Raúl Bobadilla ging nicht auf, weil er andauernd fehlte. Patrick Herrmann tat sich schwer und wurde zweimal gerade dann von Verletzungen ausgebremst, als noch einmal etwas aufflackerte. Jonas Hofmann konnte zumindest in der Hinrunde auf Ähnliches verweisen, im Frühjahr stand er sich vor allem selbst im Weg. Lars Stindl schien rechtzeitig in WM-Form zu kommen, bis sein Traum auf tragische Weise platzte. Laszlo Bénes, Tobias Strobl, Ibo Traoré und Fabian Johnson verloren jeweils fast eine komplette Saison. „Mehr Gesundheit, weniger Verlierer“ – das muss das übergeordnete Ziel sein.

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5. Die Gewinner

Der notenbeste Borusse ist einer der wenigen wirklichen Gewinner dieser Saison: Denis Zakaria. Der 21-Jährige kam sofort in der Bundesliga an mit großer Passsicherheit und engagiertem Spiel. In Augsburg erzielte er im zweiten Spiel sein erstes Tor, ein weiteres und drei Vorlagen kamen dazu. Michael Cuisance machte 24 Ligaspiele und zwei DFB-Pokalspiele mit, es kommen in seiner ersten Profispielzeit 1362 Minuten zusammen. Cuisance zeigte, dass er ein Spieler ist, der Spaß macht. Stabilisiert hat sich Nico Elvedi, 21. Er spielte sieben verschiedene Positionen in der Defensive, machte aber einen standhafteren Eindruck als zuvor. Zudem setzte er um, was er sich vorgenommen hatte: Er war offensiv produktiver. Elvedi erzielte zwei Tore – im ersten und im letzten Heimspiel. Zudem schaffte er drei Vorlagen. Ein Gewinner ist auch Josip Drmic. Er hat gezeigt, was mit Willen und harter Arbeit möglich ist. Es wurde über sein Karriere-Ende spekuliert, er kam zurück, traf viermal und ist nun ein WM-Kandidat. Das Comeback des Jahres.

6. Die Taktik

Dieter Hecking hatte in seiner ersten Halbserie bei Borussia noch sehr strikt auf das klassische 4-4-2 (auch mal in der Ausprägung 4-2-3-1) gesetzt. In der nun abgelaufenen Spielzeit probierte der Trainer diverse Ansätze aus, wenn es das Personal zuließ: mal mit Viererkette, mal mit Dreierkette, mal mit klassischer Doppelsechs, mal mit einem Sechser, mal mit klaren Außenbahnspielern, mal mit zwei Achtern im Halbfeld, mal mit einem Trio ganz vorn, mal mit einer Doppelspitze. Die Systemwechsel waren mal erfolgreich (zum Beispiel gegen Hoffenheim), mal nicht (zum Beispiel in Frankfurt) – auch das ist ein Spiegel der Saison. Im Derby in Köln und beim Heimspiel gegen Bremen wurden die Borussen taktisch ausgeguckt und schafften es nicht, auf taktische Veränderungen der Gegner angemessen zu reagieren. Die Idee, das Zentrum mit mehr Spielfreudigen zu besetzen und dahinter einen Sechser als Ordnungsstifter aufzubieten, könnte interessant für die Zukunft sein. Hecking darf ruhig taktisch mutig sein. Das macht Borussia weniger berechenbar.

7. Die Bosse

Es gibt Debatten, die immer wieder aufpoppen. Dazu gehört die um die Bosse bei Borussia. Fakt ist, dass Borussia am Ende der vergangenen und in dieser Saison die Gewinner-Mentalität gefehlt hat, wenn es darauf ankam, wie zuletzt in Hamburg. Dann war da niemand, der die anderen aufrüttelte, der dem Gegner, aber auch den Kollegen mal wehtat und (heraus)forderte, um zu beeindrucken, der sich unbändig auflehnte, um etwas zu bewegen, wenn es nicht lief. Das Boss-Sein darf ruhig auf mehrere Schultern verteilt sein. Die Fohlen brauchen aber mindestens einen Leithengst, der sowohl Ruhe reinbringen, aber auch mal auskeilen kann – nicht nur in schwierigen Phasen. Hinzu kommt, dass die Hierarchie im Team noch immer nicht wieder voll ausgebildet ist, dass die Männer mit Führungsqualitäten zu passiv, zu neu oder zu jung waren. Die Strukturen waren noch nicht stabil genug, wenn es richtig schwierig wurde. Borussia muss insgesamt cooler und erwachsener werden.

8. Die Fans

Bei Max Eberl sind am 18. April 2018 vor dem Fernseher ein paar unschöne Erinnerungen hochgekommen. Schalke spielte gegen Frankfurt im DFB-Pokal-Halbfinale, und da wurde dem Manager noch einmal bewusst, was für eine große Chance Borussia am 25. April 2017 liegengelassen hat. Das verlorene Halbfinale ist eines von zahlreichen Negativerlebnissen, die Borussia „gefühlt noch in den Kleidern hängen“ (O-Ton Eberl). Wie schwer dieser „Dunst des Scheiterns“ wiegt, haben die Verantwortlichen offenbar unterschätzt. Auf dem Glückskonto der Fans hat es seit einiger Zeit kaum Zahlungseingänge gegeben. Allerdings ist Fansein ein Geben und Nehmen – und gegeben haben sich der Verein und seine Anhänger lange wenig. Besserung schien in Sicht. Nach dem missglückten Saisonfinale in Hamburg haben die meisten Fans jedoch wieder einen ziemlich dicken Hals, so geht es nun in die Sommerpause. Auch das sollte der Klub nicht unterschätzen.