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Borussia Mönchengladbach: Die Botschaften des Tores von Igor de Camargo

Borussia erinnert an das Relegations-Drama von 2011 : De Camargos Tor steht für Hoffnung

Das Tor von Igor de Camargo, das den 1:0-Sieg im ersten Relegationsspiel gegen Bochum möglich machte, ist ein Baustein dafür, dass Borussia in der Corona-Krise handlungsfähig bleibt. Die Gladbacher erinnern am Samstag in ihren Social-Media-Kanälen an den 19. Mai 2011.

Es ist Samstag und es ist kein Fußball. Das letzte Spiel der Borussen gab es am 11. März, es war das Geisterderby gegen den 1. FC Köln, die folgenden Partien bei Eintracht Frankfurt und gegen Bayer Leverkusen wurden wegen der Corona-Pandemie verschoben, der Fußball ist eingefroren. An diesem Wochenende indes hätte es auch in der Normalität keine Bundesliga gegeben, es ist Länderspielpause, Deutschland hätte gegen Italien gespielt. Trotzdem fehlt der Fußball-Alltag. Borussia tut etwas dagegen. Sie postet in den sozialen Netzwerken immer wieder Klassiker aus der Gladbacher Historie.

An Samstag gibt es eine Reminiszenz das vielleicht wichtigste Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte: Das Relegationsspiel gegen den VfL Bochum am 19. Mai 2011 können sich Abonneten ab 15.30 Uhr auf „Fohlen-TV“ ansehen. Dafür hatten die Fans in den zurückliegenden Tagen auf den Social-Media-Kanälen Borussias abgestimmt. Die 3:0-Gala von Marco Reus, Mike Hanke, Juan Arango und Co. gegen den FC Schalke 04 (11. Februar 2012), in dem sich Borussia das Gütesiegel „Borussia Barcelona“ verdiente, sowie die spektakuläre Aufholjagd beim 4:2 im Europa League-Achtelfinal-Rückspiel beim AC Florenz (23. Februar 2017) hatten keine Chance gegen das Spiel, in dem Borussias Tor des Jahrzehnts passierte. Unter dem Hashtag #FohlenKlassiker blickt der Klub zudem spielbegleitend auf Twitter, Facebook und Instagram auf das legendäre Duell zurück.

Igor de Camargo war der Held dieses spannungsgeladenen Abends, der so trist zu werden drohte. Er sorgte für einen der emotionalsten Momente der Vereinsgeschichte, als er in der Nachspielzeit mit einem seltsam-kunstvollen Schuss den Ball in das Tor der Bochumer trat und damit den 1:0-Sieg möglich machte. Es war die Lebensversicherung für das Rückspiel, da reichte ein 1:1 für die Rettung.

Igor Alberto Rinck de Camargo, wie der Abstiegs-Verhinderer mit vollem, klangvollen Namen heißt, ist inzwischen 36 Jahre alt und immer noch am Ball: Er stürmt für den KV Mechelen und hat in 27 Spielen dieser Saison zehn Tore erzielt. Wie in Gladbach trägt er in Mechelen die Nummer 10 auf dem Rücken. Derzeit ist er wie alle Fußballer zur Heimarbeit verdammt. De Camargo postete zuletzt ein Video bei Instagram, das ihn beim Training zeigt. „Bleibt zu Hause, aber hört nicht auf“, hat er dazugeschrieben.

De Camargo war in seiner Zeit als Borusse der Mann für die wichtigen Tore. Das 1:0 gegen Bochum (im Rückspiel legte er noch Marco Reus das entscheidende 1:1 auf) in der 2011er Relegation wählten die Fans zum Tor des Jahrzehnts. In der folgenden Saison war sein 1:0-Siegtreffer in München der Düsenantrieb für Lucien Favres Team, das am Ende auf Rang vier landete. Mit seinem Treffer zum 2:1 in Leverkusen zwei Minuten vor Schluss animierte er nicht nur Favre zu dessen wohl längsten Jubel-Lauf in seiner Gladbach-Ära, sondern buchte damit auch das Europa-Ticket. Grob geschätzt waren diese Treffer um die 20 Millionen Euro wert für die Borussen. Mal ganz abgesehen vom unschätzbaren ideellen Wert und von großer Kraft, die sie spendeten.

Gerade jetzt, in der Corona-Krise, bekommt de Camargos Tor nochmal eine andere Note. Wäre Borussias damals abgestiegen, wäre die Borussen-Welt heute eine andere. „Wäre es 2011 schiefgegangen, hätten wir ein bisschen langsamer machen müssen, aber wir wussten ja, was wir wollten“, sagte Präsident Rolf Königs mal im Interview mit unserer Redaktion. Doch eben der Turbo-Aufschwung nach der Relegation, der Borussia zweimal in die Champions League und insgesamt fünfmal nach Europa führte, hat den Klub in die Situation versetzt, im Angesicht der Corona-Krise zu sagen: „Borussia bleibt handlungsfähig.“

Vor 2011 war Borussia ein Klub, der immer auch ängstlich nach ganz unten schaute, nach 2011 ist Gladbach zum ständigen Europa-Anwärter geworden. Sogar bis in den Verdacht unter Umständen sogar Meister werden zu können, sind die Borussen in der vergangenen und in dieser Saison geraten. Wie realistisch das ist, sei dahingestellt, aber allein die Möglichkeit, die These zu äußern, ist ein Qualitätsmerkmal.

Vor allem aber hat der Aufschwung ein finanzielles Polster gebracht: Borussia hat 100 Millionen Euro Eigenkapital, in der vergangenen Saison gab es einen Rekordumsatz von an die 200 Millionen Euro. Der Kader stellt einen Wert dar, auch wenn der Transfermarkt, das erwarten Experten, deutlich einbrechen könnte. Die Krise wird Borussia treffen, aber wohl nicht ihre Existenz gefährden. De Camargos Tor ist einer der Gründe dafür.

Zudem ist es ein Tor voller Botschaften. Er steht dafür, dass es sich lohnt, nie aufzugeben, auch nicht, wenn alles aussichtslos erscheint. Borussia war in jener Saison eigentlich schon abgestiegen, bevor der neue Trainer Lucien Favre sie reanimierte und in die Relegation führte. Dort vollendete de Camargo das Rettungswunder, die Art wie das Tor fiel, zeigt, dass die Wege, Hoffnung zu erfüllen, zuweilen verwinkelt sind.

Der andere Subtext: Das Tor einte die Borussen wieder. Alle zusammen, das Team, die Fans, das Stadion, hatten das es erzwungen und Gladbach gerettet. Die Bilder des Jubels vor der Nordkurve illustrieren das. Schöne Erinnerungen an die Vergangenheit können Trost und Hoffnung geben, wenn die Gegenwart still steht und die Zukunft ungewiss ist. De Camargos Tor ist extrem geeignet dafür.