Borussia Mönchengladbach: Das macht bei den Gladbachern Europa-Hoffnung

Hoffnung im Liga-Endspurt : Deshalb schafft es die Borussia nach Europa

Borussia präsentierte sich zuletzt in keiner guten Verfassung. Trotzdem steht die Mannschaft weiterhin auf einem der internationalen Plätze. Und es gibt gute Gründe, dass das auch so bleibt.

Joker-Tore sind gut, frühe Treffer würden helfen (Karsten Kellermann)

Der Blick auf die Statisitk der Borussen graust eher, als dass er Hoffnung macht. Dabei steht besonders die Zwölf für Schauder. Denn aus dem letzten Dutzend Spiele holten die Borussen nur zehn Punkte. Das ist der Schnitt eines Abstiegskandidaten. Doch besteht eine Saison nicht nur aus einem Abschnitt. Sie ist das Resultat einer Gesamtheit. Und die besagt: Noch immer, und so war es auch bislang immer in dieser Saison, stehen die Borussen auf einem Europa-Platz. Nun wird der geneigte Borussen-Fan sagen: Es einmal nicht zu tun, und zwar am letzten Spieltag, das würde reichen. Und es wäre typisch Borussia. Die Geschichte des Klubs, die neuerdings in einem sehenswerten Vereinsmuseum zusammengefasst ist, hält reichlich Belege für die These bereit.

Und doch: Die Zwölf ist nicht nur, wie die oben angeführte Statistik suggeriert, eine Zahl der Hoffnungslosigkeit. Sie ist auch, und das ist das Schizophrene an dieser Saison, eine Zahl, die Hoffnung macht: Denn es gab zwölf Joker-Tore in dieser Spielzeit, das letzte davon, erzielt von Josip Drmic, brachte am Samstag den glücklichen Punkt gegen 1899 Hoffenheim. Was Jokertore sagen: Wer sie kann, der hat Reserven und kann hinten raus noch etwas bewegen. Überhaupt: Wenn es geht mit den Toren bei den Borussen, dann ist es spät, 23 Tore fielen in den letzten 30 Minuten, 14 sogar in der Schlussviertelstunde. Das bedeutet: Die Borussen haben in dieser Spielzeit schon gezeigt, dass sie den Schlussspurt können.

Derzeit von einem Spurt zu sprechen, klingt sicherlich angesichts des Schneckenrennens um Europa eher vermessen. Aber es gibt auch Konkurrenten, die richtig Geschwindigkeit aufgenommen haben, siehe Leverkusen. Gerne dürfen sich die Gladbacher daran ein Beispiel nehmen. Was Bayer an den Tag legt, ist der Mut zur Offensive, eben der Mut, mit dem auch Gladbach unterwegs war in der Hinserie.

Dass es hilfreich wäre, ihn zu aktivieren, wurde an dieser Stelle schon angemerkt. Doch getan hat sich nichts, zumindest nicht im Hoffenheim-Spiel. Aber Wiederholung ist nun mal die Mutter des Lernens, und so sei den Borussen erneut ans Herz gelegt: mutig sein, wieder 4-3-3 spielen, in die Offensive gehen! Vor allem machen und nicht mit sich machen lassen wie gegen Hoffenheim.

Zurück zu den Jokern. Man darf nie die Rechnung ohne sie machen, das ist bekannt. Sie zu haben, gibt Sicherheit, doch sollte das kein Ruhekissen sein für den Rest, sondern eher ein Ansporn: Das Beste ist, wenn wir ihn nicht brauchen. Wichtig wäre mit einer Missstatistik aufzuräumen: mit der, dass in der ersten Halbzeit nichts mehr geht. Denn in den ersten 45 kommen die Gladbacher insgesamt auf ebenso viele Tore, wie sie in der Schlussphase erzielten: 14. Der neue Anpack in Nürnberg wäre: früh treffen fürs Gefühl. Inklusive des späten Tores gegen Hoffenheim kann das die Lösung für das Europa-Rätsel sein.

Kampf ist die Tugend — und Schützenhilfe (Sebastian Hochrainer)

Erst die äußerst schwache Leistung beim 0:1 in Stuttgart, nun die fußballerische Enttäuschung gegen Hoffenheim beim schmeichelhaften 2:2 — die Auftritte der Gladbacher machen derzeit keinen Mut. Sowohl ergebnistechnisch als auch in puncto Leistungen hat Borussia in den vergangenen Wochen recht wenig dafür getan, weiterhin in den Europa-Rängen zu bleiben. Dennoch hat sie es geschafft, sie ist Sechster und hat es, wie die Protagonisten immer wieder betonen, „in der eigenen Hand“. Das liegt aber wohl mehr an den anderen Teams als an den Borussen selbst. Und die Gegner und Konkurrenten sind auch die vielleicht größte Hoffnung in den letzten beiden Spielen.

Bei den Europa-Mitstreitern macht Frankfurt derzeit einen derart kraftlosen Eindruck aufgrund der Vielzahl ihrer Spiele, dass man künftige Erfolgserlebnisse bei ihnen bezweifelt. Hoffenheim scheitert an den eigenen Nerven, davon hat Borussia auch selbst profitiert. Zwar waren die Kraichgauer in allen Belangen besser als die Gladbacher, im entscheidenden Moment fehlte ihnen aber etwas. Das könnte sich in den letzten beiden Spielen wiederholen. Würde Borussia diese beiden Teams distanzieren können, wäre Platz sechs schonmal sicher.

Aber die Gladbacher müssen selbst schon auch punkten. Möglich, dass sie dafür die richtigen Gegner haben werden. Am Samstag treffen sie in Nürnberg auf ein Team, das nur noch theoretische Chancen auf den Klassenerhalt hat. Der „Club“ muss gewinnen, braucht dazu Schützenhilfe. Borussia kann also abwartend agieren. In einer Zeit, in der es fußballerisch für die Gladbacher alles andere als optimal läuft, ist das sicherlich eine gute Voraussetzung. Außerdem könnte der Wille der Nürnberger schnell gebrochen sein, sofern sich ein Stuttgarter Sieg gegen Wolfsburg andeutet — was aufgrund der Konkurrenz zum VfL doppelt gut für Borussia wäre.

Eine Woche später ist Dortmund im Borussia-Park zu Gast. Der BVB befindet sich gerade nicht nur ebenfalls im Leistungstief, sondern könnte am letzten Spieltag mit weitaus weniger Ambitionen in die Partie gehen als die Borussen. Bei vier Punkten Rückstand auf Bayern ist es durchaus möglich, dass die Meisterschaft am kommenden Wochenende bereits entschieden ist. Dann hätte die Fohlenelf auf jeden Fall einen Motivationsvorsprung.

Und eines haben die Gladbacher gegen Hoffenheim gezeigt: Wenn derzeit etwas geht, dann kämpferisch. So haben sie gegen 1899 einen Punkt geholt. So haben sie gegen Bremen die Zuschauer wieder auf ihre Seite geholt und auch in der zweiten Halbzeit gegen Leipzig für einen Hoffnungsschimmer gesorgt.

Kampf ist die Tugend, die Borussia braucht, um das Europa-Ziel trotz der spielerischen Krise zu erreichen. Und ein bisschen Schützenhilfe brauchen sie auch. Durch weiter strauchelnde Konkurrenten und durch Gegner, die zu sehr unter Druck stehen oder für die es um nichts mehr geht.

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