Borussia Mönchengladbach: Das Ja-aber-Jahr

So lief 2017 für Borussia: Das Ja-aber-Jahr

Borussia Mönchengladbach hat 2017 durchaus einiges erreicht. Vieles blieb dann aber unvollendet. 2018 sollte es weniger "Aber" geben.

Zuletzt kam die Frage auf: Was war die Szene der Saison für die Borussen? Das ist, als ob jemand auf den Start-Knopf des DVD-Spielers drückt. Die Bilder des Jahres rauschen vorbei, sie werden vor- und zurückgespult, werden bewertet, werden abgelegt oder verworfen, die Reflexion bietet einen bunten Bilderband der Möglichkeiten nach einer Saison wie dieser, die ein stetes Hin und Her war, in der jedes Ja ein Aber hatte, jedes Gute etwas Negatives und jedes Negative etwas Positives. Es war ein Jahr, mit dem man zufrieden sein kann im Staate Borussia, weil viel erreicht wurde (57 Punkte, DFB-Pokal-Halbfinale, Europa-League-Achtelfinale, starke Auswärtsbilanz), Talente entwickelt und Marktwerte gesteigert wurden. Zugleich muss man unzufrieden sein, weil einiges unvollendet blieb.

Weswegen vielleicht der letzte Schuss, den der junge Schweizer Djibril Sow, inzwischen Stammspieler bei den Young Boys in Bern, am 25. April als Angestellter Borussias fabrizierte, der zusammenfassende Moment des Jahres ist. Frankfurts Torwart Lukas Hradecky hielt den Ball. Sow schlug die Hände vors Gesicht, seine Kollegen trösteten den 20-Jährigen, der untröstlich war. Borussia verspielte das angesichts der Auslosung mit dem Heimspiel gegen die Eintracht von vielen sicher geglaubte Ticket für das Endspiel in Berlin. Einige vorsorglich reservierte gebuchte Hotelzimmer wurden missmutig abbestellt.

Das Entsetzen war groß, die Enttäuschung natürlich, bei manchen die Wut. Das ist eben so, wenn Großes erreicht werden kann und es nicht erreicht wird. Das wirft einen Schatten auf alles andere. Auch darauf, dass ein Halbfinale erst einmal erreicht werden muss. Vor einer Saison würde das jeder blanko unterschreiben und sagen: Das wäre schön. Zumal jetzt, da schon in Runde drei das Aus kam durch das 0:1 gegen Leverkusen. Doch ist das Halbfinale erreicht und das Los günstig, dann ist der Anspruch da auf die Chance, endlich die Sehnsucht nach dem Titel zu stillen. Und dann gibt es ein Spiel wie gegen Frankfurt, in dem Borussia erst zu ängstlich war und dann zu wenig konsequent. Dass ein Nachwuchsmann den entscheidenden Elfmeter schoss, belegt das Wenn und das Aber: Wenn ein so junger Kerl in so einer Situation auf dem Platz steht, zeigt das, dass der Verein der Jugend eine Chance gibt und die Jungspunde bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Doch zeigte sich auch die Fehlbarkeit der Jugend, die mangelnde Routine im entscheidenden Moment - auch das war ein Grund, warum die am Ende aus einer Saison, in der Borussia durchaus etwas erreicht hat, eine machte, in der viel verpasst wurde.

Vielleicht war auch das "Maulwurf-Tor", das Schalke im Europa-League-Rückspiel erzielte, symbolisch für 2017: Der Ball, von Leon Goretzka geschossen, tupfte seltsam auf und flog über Yann Sommers Hände hinweg ins Tor. Natürlich war es nicht die Schnauze eines Maulwurfs, sondern ein Platzfehler, der dieses Tor ermöglichte. Doch war es für Verschwörungstheoretiker ein Beleg für die typische So-was-passiert-nur-Gladbach-Tragik, die sich durch die gesamte Vereinsgeschichte zieht. Borussia war auf bestem Wege ins Viertelfinale der Europa League und hätte, angesichts der bis dahin gezeigten Leistungen, wohl zu den Endspiel-Aspiranten gezählt. So aber glich Schalke noch aus und plötzlich war das schöne 1:1 aus dem Hinspiel zu wenig.

Darum ist es mit 2017 wie mit den 80er Jahren: Eigentlich ganz gut, aber irgendwie unvollendet. In den 80ern war Borussia zweimal im Endspiel (1980 Uefa-Cup, 1984 Pokalfinale) und zweimal in einem Halbfinale (1987 Uefa-Cup, 1987 Pokal), verlor aber jeweils. Zudem war sie bis auf einmal immer einstellig, viermal sogar unter den ersten Vier und war einmal punktgleich mit dem Meister VfB Stuttgart, doch blieb die Dekade titellos. Die 80er standen daher im gigantischen Schatten der 70er, in denen Gladbach acht Titel holte und den Fohlen-Mythos begründete.

2017 steht analog dazu im Schatten der spektakulären Erfolge der Favre-Ära: Relegationsrettung, Rückkehr nach Europa nach 16 Jahren, das erste Mal Champions League - da fühlt sich ein neunter Platz spröde an, insbesondere, wenn die Verheißungen groß waren. Doch auch wenn es zum Ende des Jahres noch mal zwei Enttäuschungen gab (das Pokal-Aus gegen Leverkusen und den vermeintlichen Verlust des begabten Briten Reece Oxford, der zurück zu West Ham United muss, was ein Exempel ist für das Risiko, das Leigeschäfte mit sich bringen), darf Borussia mit einem guten Gefühl ins neue Jahr gehen. Sie hat sich gut platziert für den zweiten Saisonteil, und die Hoffnung, dass dieses Mal die Konsequenz in den entscheidenden Momenten größer ist, darf zumindest gehegt werden. Schließlich ist es ein Credo der Borussen, sich stets weiterentwickeln zu wollen. Das zweite Credo ist, da zu sein, wenn andere schwächeln. In 2017 waren es andere, die das umsetzten, nun haben es die Gladbacher in der Hand, selbst wieder diese Rolle zu spielen. Borussia wird nicht jedes Aber vermeiden können, doch wäre ihr schon geholfen, wenn im neuen Jahr die Aber weniger werden. Es sollte machbar sein.

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(kk)