Borussia Mönchengladbach: Christoph Kramer und das Plädoyer gegen das Beamtentum

Kurioses Freistoßtor gegen Wolfsburg: Kramers Plädoyer gegen das Beamtentum

Immer wieder Christoph Kramer: Nach seinem Knockout im WM-Finale, einem 45-Meter-Eigentor und weiteren erinnerungswürdigen Momenten in seiner Laufbahn ist es diesmal ein Schlitzohr-Freistoß gewesen. Der sorgte für Borussias 3:0 gegen den VfL Wolfsburg.

"Weg, weg, weg, weg, weg!", signalisierte Christoph Kramer seinen Kollegen. Allzu laut rufen konnte er es nicht, sonst hätten die Spieler des VfL Wolfsburg in der Freistoßmauer in spe vielleicht doch etwas gemerkt. Ein Blick, ein Schuss — und plötzlich führte Borussia 3:0. Die Wolfsburger protestierten, obwohl alles regelkonform gelaufen war, wofür Kramer Verständnis zeigte bei so einem Gegentor kurz vor der Pause.

Dass sich so etwas angekündigt hatte, wäre vielleicht zu viel gesagt. Doch Kramer war am Freitagabend von Beginn in einem Schlitzohr- und "On fire"-Modus, der solche Momente fördert. Bei jedem strittigen Pfiff des Schiedsrichter gestikulierte der 27-Jährige, als habe er unter der Woche italienische Wurzeln entdeckt. Als ein Wolfsburger am Boden lag und der Ball ins Aus gespielt werden sollte, erlaubte sich Kramer den Spaß, Torwart Koen Casteels mit einem angetäuschten Schuss von der Mittellinie zu erschrecken. Und dann kam die 44. Minute, ein Freistoß aus rund 20 Metern nach einem Foul an Jonas Hofmann.

"Ganz ehrlich", sagte Trainer Dieter Hecking nachher zu der Szene, "ich habe gesehen, dass Chris Kramer am Ball war, und deshalb nicht hingeguckt. Das Tor habe ich gar nicht live mitbekommen." Nicht nur Hecking wird es so ergangen sein. Doch Kramer plädierte dafür, Standardsituation nicht immer als "Abschaltmoment" zu betrachten, vor allem nicht auf dem Rasen. "Die Innenverteidiger kommen nach vorne. Dann stellen sich die deutschen Beamten alle in den Sechzehner und warten, dass der Ball reingekloppt wird", sagte Kramer. "Ich glaube, es liegt eine Riesenchance darin, wenn man es schnell macht. Das können wir alle noch lernen." Vor anderthalb Jahren gegen Bayer Leverkusen chippte er den Ball mal von der Mittellinie in den Lauf von André Hahn, der daraufhin zum 1:0 traf. Und versucht hat Kramer es schön öfter, nur eben nicht direkt.

Bei Freistößen denkt man an kaum einen Borussen so spät wie an Kramer. Deshalb war es den Wolfsburgern fast nicht zu verdenken, dass sie davon ausgingen, Gladbach würde sich noch Zeit lassen mit der Ausführung, solange Kramer am Ball herumdoktert. "Ich habe den Schiedsrichter gefragt, ob er anpfeifen will. Er meinte: 'Nee, ist freigegeben.‘ Und dann war der Weg frei", erzählte Kramer. Damit bestanden auch keine Zweifel mehr, dass alles regelkonform zuging. Ein Freistoß muss nicht angepfiffen werden. Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt von "Collinas Erben" lieferte wie immer eine schnelle Antwort:

Im Bild ist zu sehen, wie Schiedsrichter Tobias Stieler sich nach kurzer Kommunikation mit den Borussen vom Ball entfernt. "Die Lücke war nicht so klein, die habe ich recht schnell gefunden", beschrieb Kramer das, was dann passierte. "Aber ich musste mich erstmal an den etatmäßigen Freistoßschützen vorbeimogeln."

Auch wenn Kramer nach dem 3:0 — Borussias höchstem Saisonsieg — "keine Aufbruchstimmung verbreiten" wollte, passte es ins Bild, dass so ein Schlitzohr-Tor an diesem Abend fiel. "Es war gut, zu sehen, was wir mit dem Stadion auf dem Spielfeld für eine Wucht entwickeln können. Das macht einfach Spaß, und so sollten wir immer zusammenzuhalten", sagte Kramer, den der Spaß offenbar zu derartigen Aktionen animierte. "Ich hoffe nur, dass er jetzt nicht meint, er müsse jeden Freistoß schießen", sagte Trainer Hecking schmunzelnd.

Kramer, der sich mit Lars Stindl, Jonas Hofmann und Jannik Vestergaard um den Titel "Spieler des Spiels" streiten durfte, ging nicht nur auf dem Platz und bei seinen Ausführungen über Freistöße in die Tiefe. "Wenn du ein gutes Positionsspiel hast und der Ball gut läuft, ist das am wichtigsten", sagte er über sich und seine Kollegen, denen es so leicht vom Fuß ging wie nie in dieser Saison. "Wir reden immer viel über Mentalität. Die zu zeigen, ist dann viel einfacher. Wenn du den Ball verlierst, holst du ihn dir halt wieder."

In der zweiten Hälfte fielen keine Tore mehr, wenngleich es die Chance gegeben hätte, den Malus des Bayern-Spiels für die Tordifferenz wieder auszugleichen. "Auch da haben wir aber nicht den Faden verloren. Über Yann Sommer, die Innenverteidiger und die Sechser haben wir weiterhin Risiko gespielt, auch wenn es vielleicht nicht so aussah", sagte Kramer. In der 85. Minute wurde er mal nicht aus gesundheitlichen Gründen ausgewechselt, sondern zum einen, um Tobias Strobl seine Heim-Premiere in dieser Saison zu ermöglichen, und zum anderen, um sich den verdienten Applaus der Zuschauer abzuholen. Einen Platz im vereinsinternen Jahresrückblick hat sich Kramer schon gesichert — ganz ohne Eigentor und schmerzhafte Zusammenstöße.

(jaso)
Mehr von RP ONLINE