Einer geht ins Stadion, einer nicht Zwei Hardcore-Borussia-Fans, zwei Meinungen

Mönchengladbach · Rainer Baumer und Michael Weigand sind eingefleischte Borussia-Anhänger. Aber nur einer von ihnen wird am Samstag gegen Union Berlin im Stadion sein. Warum, erklären sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

 Gegen Oberneuland durften 300 Borussia-Fans ins Stadion, gegen Union Berlin dürfen bis zu 10.800 kommen - doch aus der aktiven Fanszene werden viele fehlen.

Gegen Oberneuland durften 300 Borussia-Fans ins Stadion, gegen Union Berlin dürfen bis zu 10.800 kommen - doch aus der aktiven Fanszene werden viele fehlen.

Foto: dpa/Bernd Thissen

Wenn Michael Weigand am Samstag in der Nordkurve Platz nimmt, wird Rainer Baumer mit Freunden in einer Kneipe sitzen und, wie er sagt, „mit halbem Herzen“ Borussias Heimspiel gegen Union Berlin im Fernsehen verfolgen. Die beiden sind, so darf man es ausdrücken, Hardcore-Borussia-Fans. Doch so sehr sie die Liebe zum Verein vereint, so weit sind sie in der Frage, wie die aktive Gladbacher Fanszene mit der neuen Stadion-Realität in der Corona-Pandemie umgehen sollte, voneinander entfernt.

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Foto: dpa/Federico Gambarini

„Ich freue mich wahnsinnig“, sagt Weigand im Gespräch mit unserer Redaktion vor dem Union-Spiel. Als Sprecher des FPMG Supporters Clubs bekommt er die Diskussionen seit Wochen hautnah mit. Das Fanprojekt hat die Teil-Rückkehr der Fans und die entsprechenden Konzepte öffentlich ausdrücklich gutgeheißen. Aber es gibt auch eine große Fraktion in der Fanszene, die sagt: „Alle ins Stadion oder keiner.“

Zu ihr gehört Baumer, den viele als Organisator von Sonderzügen zu Auswärtsspielen kennen. Hat er gar nicht gewackelt, keine Sehnsucht verspürt, als vor rund anderthalb Wochen bekanntgegeben wurde, dass die Stadien wieder zu 20 Prozent gefüllt werden dürfen? „Eigentlich überhaupt nicht. Fußball ist für mich das Davor, das Spiel und das Danach. Ich bin zum Fußball gekommen, um mit Menschen zusammen zu sein. Das Fußballerlebnis sind für mich nicht nur die 90 Minuten“, sagt Baumer.

 Michael Weigand wird am Samstag im Stadion sein.

Michael Weigand wird am Samstag im Stadion sein.

Foto: Michael Weigand

Die Ultras von Sottocultura vertreten die „Alle oder keiner“-Haltung besonders deutlich. Sie wollen den Heimspielen unter den neuen Umständen komplett fernbleiben. „Wir verstehen den Sinn und die Notwendigkeit dieser Maßnahmen, dass wenigstens einige Fans ins Stadion gelassen werden sollen, wenn die aktuellen Hygiene-Maßnahmen dabei berücksichtigt werden“, schreibt Sottocultura auf seiner Webseite. „Gleichzeitig halten wir einen Stadionbesuch unter eben jenen Hygiene-Maßnahmen nicht ansatzweise für das, was wir uns unter Fankultur vorstellen.“

Auch Weigand vermisst es, mit seinem Fanklub zu den Spielen zu gehen, ihm fehlt der ekstatische Torjubel („unkontrolliert, chaotisch, ein bisschen anarchisch“), aber er sieht die aktuelle Situation pragmatisch. „Für mich schauen diejenigen, die ‚Alle oder keiner‘ sagen, in eine falsche Richtung. Sie nehmen das normale Stadionerlebnis als Referenzwert. Mein Referenzwert ist ein leeres Stadion und ein Verfolgen des Spiels zu Hause vor dem Fernseher“, sagt Weigand. Nach dem Restart im Mai sei er bei einem Borussia-Spiel im Wohnzimmer eingeschlafen.

 Rainer Baumer möchte unter den aktuellen Umständen noch nicht zurück in den Borussia-Park.

Rainer Baumer möchte unter den aktuellen Umständen noch nicht zurück in den Borussia-Park.

Foto: Rainer Baumer

Einen offiziellen Stimmungsblock in der Nordkurve wird es nun doch nicht geben, aber in Block 16 wird sich die Fraktion versammeln, die aus der aktiven Fanszene ins Stadion geht. „Ich leide bei jedem Spiel, das ich nicht sehen kann. Geisterspiele sind das Schlimmste, was es gibt. Deshalb habe ich 300 Zuschauer gegen Oberneuland schon als Fortschritt empfunden“, sagt Weigand. Auch da widerspricht ihm Baumer. Er habe Freunde, die gegen Oberneuland aus Neugier hingegangen seien und nachher gesagt hätten: „Nie wieder!“ Optimistisch klingt er, als es um den Tag geht, an dem die Stadien wieder komplett gefüllt werden dürfen: „Das wird die größte Party, die Mönchengladbach je gesehen hat.“

In einem Punkt sind sich Baumer und Weigand dann aber doch einig: Sie befürchten nicht, dass Verbände und Vereine die Situation ausnutzen werden, um vorläufige Restriktionen im Stadion dauerhaft durchzusetzen. Aktuell sind Stehplätze verboten, die Tickets sind personalisiert und es wird kein Alkohol ausgeschenkt. „Ich habe kein großes Vertrauen in die DFL und den DFB, aber ich habe großes Vertrauen in Borussia“, sagt Weigand.

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