Borussia Mönchengladach: Nachwuchsdirektor Roland Virkus im Interview

Roland Virkus im Interview : "Auch gegen den Trend ausbilden"

Borussias Nachwuchsdirektor Roland Virkus sagt, welche Spielertypen er ausbilden würde, warum diese nicht gerade jetzt gefragt sein müssen, welche Tendenzen er für gefährlich hält und auf was in der Trainerausbildung Wert gelegt werden sollte.

Borussias Nachwuchsdirektor Roland Virkus gehört der Kommission Nachwuchszentrum der Deutschen Fußball-Liga (DFL) an. Neben Borussia, die Virkus vertritt, sind der FC Bayern, der SC Freiburg, Eintracht Braunschweig, der FC St. Pauli und der MSV Duisburg sowie Vertreter von DFL und des Deutschen Fußball-Bundes, unter anderem Sportdirektor Horst Hrubesch, dabei. Die Kommission beschäftigt sich auch mit der Situation der Talentausausbildung im deutschen Fußball. Karsten Kellermann sprach mit Virkus über die Ausrichtung und die Problemzonen der Nachwuchsförderung.

Herr Virkus, derzeit wird viel darüber diskutiert, dass der Typ Mittelstürmer fehlt. Muss man in der Spielerausbildung umdenken?

Virkus Der Mittelstürmer-Typ ist, meiner Meinung nach, einer, der wieder wichtig wird. Man muss in der Ausbildung auch mal gegen den Trend arbeiten und Typen, die gerade nicht so gefragt sind, schon wieder ausbilden. Denn man muss ja drei, vier Jahre vorausdenken, bis diese Spieler dann oben ankommen.

Warum wurden die robusteren Typen vernachlässigt?

Virkus Es war ja lange die Zeit des Kombinierens und des Ballbesitz-Spiels. Da war ein altbackener Mittelstürmer nicht der, der gebraucht wurde. Trotzdem glaube ich, dass Mittelstürmer wieder in Mode kommen, weil inzwischen wieder viele Räume auf den Außenpositionen entstehen, da alle Mannschaften das Zentrum doch sehr dicht machen. Es gibt also eine Renaissance der Flanke - und da braucht man einen im Strafraum, der sie verwertet.

Das klingt nach einem Back to the Roots: Außenstürmer kommen wieder, Mittelstürmer - und wohl auch robustere Verteidiger-Typen.

Virkus Man braucht wieder Verteidiger, die am Mann verteidigen können. Das Aufbauspiel beherrschen sie alle, aber die Zweikampfhärte, den absoluten Willen zu verteidigen, den muss man wieder in der Ausbildung lehren. Man braucht auch Außenverteidiger, die verteidigen, aber auch etwas nach vorn bringen können. Man braucht Leute, die flanken können. Aber eines hat sich nie geändert, an dem wir nicht vorbei kommen: Mentalität.

Ist es nicht so, dass man die entweder hat oder nicht hat?

Virkus Richtig. Aber man muss sie fördern. Und auch auf Spieler schauen, die vielleicht nicht den allerhöchsten fußballerischen Ansprüchen genügen, aber eben diese Mentalität haben. Schauen wir auf die, die wir in Gladbach nach oben gebracht haben: Tony Jantschke zum Beispiel. Verlässlich, sauber, er steht für Mentalität. Oder Patrick Herrmann. Warum mögen ihn die Leute? Weil er auf der Außenbahn Betrieb macht. Er kann die Leute auch mitnehmen. Als er am Samstag sein Tor machte, hatte das ganze Stadion Tränen in den Augen. Solche Jungs, die eine Art Empathie schaffen, brauchen wir. Mit ihnen kann man sich identifizieren.

Wie muss die Ausbildung angelegt sein?

Virkus In der Breite. Wir müssen sehen, dass wir alle möglichen Typen ausbilden und nichts vergessen.

War das in den vergangenen Jahren so? Wurde etwas vernachlässigt?

Virkus Vielleicht war es ein wenig so, dass das eine oder andere nicht so wertgeschätzt wurde, das kann schon sein. Manchmal wird man dann durch Ereignisse gezwungen, wieder darauf zu achten, vor allem natürlich in Krisensituationen. Dann baucht man zum Beispiel verlässliche Spieler wie Tony Jantschke. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass die Ausbildung in Deutschland sehr gut ist. Und zwar in allen Klubs.

Aber ist es ein "more oft the same", das heißt: Alle bilden die gleichen Typen aus?

Virkus Das würde ich nicht sagen. Ich sehe eher das Problem, dass sich die Ausbildung sehr auf die großen Klubs zentriert. Diese wissen, wo welche Qualitäten ausgebildet werden und bedienen sich dort dann. Die Spieler wechseln in den älteren Jahrgängen dann in die Leistungszentren. Das kann zu einer Zentralisierung der Top-Nachwuchsspieler bei den Top-Klubs führt. Denn es ist nun mal so, dass sich die Spieler und ihre Berater, vor allem auch für das Geld entscheiden, schon in jungen Jahren. Und da sind die großen Klubs natürlich im Vorteil. Das Problem ist: Irgendwann ist es wie in England. Die Nachwuchsleute sind keine Stammspieler mehr, weil es einfach zu viele gibt. Durch eine solche Zentralisierung werden daher Talente verbrannt. Denn einige fallen ganz einfach unter den Tisch. Das ist eine gefährliche Tendenz.

Das bedeutet, es wird so kommen, dass die kleineren Klubs, wie Borussia, eher Spieler, die bei den Großen im Stau stehen, ausleihen werden? Wie Andreas Christensen vom FC Chelsea?

Virkus Aber das ist doch genau der Klassiker. Andreas Christensen hätte bei Chelsea vermutlich noch gar nicht auf Top-Niveau gespielt. Dann leiht Chelsea ihn aus und staunt dann, wie weit er schon ist. Doch diese Leih-Geschäfte bringen das Problem mit sich, dass die Spieler keine Heimat haben und keine Identität entwickeln können. Die wollen wir doch haben - bei den Klubs oder bei den Spielern. Und wenn man dann angekommen ist, muss man wieder weg, weil der Vertrag es sagt.

Wie kann man das lösen?

Virkus Das ist schwer zu sagen. Das ist eben das Geschäft. Aber vielleicht gibt es irgendwann auch wieder ein Umdenken. Eben weil die Spieler merken, dass sie in einer Sackgasse sind. Nehmen wir RB Leipzig. Der Klub hat in drei Jahrgängen eigentlich alle deutschen U-Nationalspieler. Wie sollen die denn nach oben durchkommen? Ich halte das für schwierig. Darum wird es immer wichtiger für die Spieler, intelligente Entscheidungen zu treffen.

Wie können die Klubs reagieren?

Virkus Indem sie weiter gut ausbilden und das auch mal gegen den Trend.

Damit kann man neue Trends setzen?

Virkus Warum nicht?

Ist Sandro Wagner anachronistisch oder ein Zukunftsmodell?

Virkus Schwer zu sagen. Zumindest ist es so, dass offenbar wieder Bedarf nach solchen Spielertypen da ist. Aber es geht nicht nur um den Mittelstürmer, sondern auch um den Verteidiger, den Außenstürmer. Entscheidend sollte sein, auf gewisse Merkmale zu gucken, mit denen man eine Idee haben kann: Zum Beispiel, wenn ein Spieler vielleicht kein begnadeter Kicker ist, aber blitzschnell. Was kann ich aus diesem Talent machen?

Das heißt, man muss auch mutige Entscheidungen treffen und auf mögliche Entwicklungen setzen?

Virkus Richtig. Man muss auf die Idee achten, auf die Perspektive. Wenn da zum Beispiel ein 1,50 Meter großer E-Jugendspieler ist, der aber kein guter Kicker ist. Aber kann er nicht der sein, der Zweikämpfe kann, der ein kerniger Typ ist, Bälle erobert und Mentalität hat. Oder kann einer, der etwas jähzornig ist, aber steuerbar, ein Leadertyp sein? Ausbildung heißt, auch mal was riskieren, auch wenn andere sagen: Das wird keiner. Ein, zwei Spieler pro Jahrgang können doch solche Jungs sein - und am Ende sind es gerade die, die den Unterschied ausmachen, die besonderen Spieler.

Wie wichtig ist es vor diesem Hintergrund, sich als Roland Virkus auch mal Mönchengladbacher Jugend-Stadtmeisterschaften anzusehen?

Virkus Sehr wichtig. Es geht einfach darum zu gucken, was für Spieler wir in der Stadt haben. Gerade für einen Klub wie Borussia ist es doch auch wichtig, Spieler aus der Region zu haben - wenn die Qualität da ist. Warum sollte es in Gladbach keine Talente geben? Oder Spieler, aus denen man etwas machen kann? Für Trainer ist es wichtig, mit den Spielern zu arbeiten. Klar, jeder Trainer will am liebsten den schon fertigen Spieler haben, der seinem Team sofort hilft. Es ist doch so, dass am Ende Individualität Spiele entscheiden kann - und damit besondere Talente. Hast du die nicht, fehlt dir etwas. Darum kann es gerade der Weg sein, das ungeschliffene Juwel zu finden. Ihn dann zu haben, ist die gute Entscheidung. Und Erfolg ist die Summe guter Entscheidungen.

Wie kann der Ausschuss, dem Sie angehören, die Entwicklungen beeinflussen?

Virkus Indem er Ideen schafft, einen Leitfaden. Der Ausschuss kann ja nichts anordnen, aber er kann Anregungen geben, auf Dinge hinweisen. Es ist für Borussia gut, an diesem Prozess beteiligt zu sein, man kann seine Ideen einbringen. Zum Beispiel, dass der Übergang vom Nachwuchs in den Seniorenbereich sehr wichtig ist. Da sehe ich Nachholbedarf. Da bekommen doch die Spieler, die nach oben wollen, den letzten Schliff. Vielleicht muss man auch in der Trainerausbildung ein wenig umdenken. Ich halte sie für verbesserungswürdig. Fachlich sind wir fraglos die Besten. Aber was ist mit dem Faktor Menschlichkeit? Der ist gerade heute auch sehr wichtig - für die Teamführung zum Beispiel, aber auch um Fragen wie: Ist ein Trainer teamfähig? Wie geht er mit Kritik um? Zieht er die richtigen Schlüsse daraus? Es gibt ein paar Dinge, in denen wir wieder nachziehen und wieder Wert darauf legen müssen. Was das angeht, kann der Ausschuss wichtige Impulse setzen.

(RP)