Borussia-Fan Stefan Appenowitz hat ein Buch über Fußball-Trikots geschrieben.

Ein Buch über Fußball-Leibchen : „Beim 12:0 spielte Borussia in Umbro-Trikots“

Stefan Appenowitz aus München ist Fan von Borussia Mönchengladbach. Er spricht über sein Buch über Trikots in der Bundesliga, seine Faszination für Trikots, textile Anarchie und einen Kurzzeit-Ausrüsterwechsel bei den Gladbachern in einem historischen Spiel.

Herr Appenowitz, Sie haben ein Buch über Bundesliga-Trikots gemacht. Wie kommt man auf so etwas?

Stefan Appenowitz Trikots haben mich schon immer fasziniert, schon als ich mit circa elf Jahren zum Fußballfan wurde. Warum es so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Ich habe nie selbst gesammelt, nicht einmal Trikots meines Lieblingsvereins Borussia. Aber ich habe mich immer für die Trikots und ihre Geschichten interessiert. Wenn das neue Saisonheft des Kicker herauskam, habe ich mir gleich die Mannschaftsfotos angeschaut: Wie sehen die neue Outfits aus, wer hat welche Werbepartner?

In den Frühzeiten der Bundesliga war das Thema Trikot für die Klubs nicht so groß wie heute.

Appenowitz Stimmt. Eigentlich hat es erst in den 1990er Jahren angefangen, dass die Trikots in den Vordergrund rückten. Da wurde es dann auch schriller, siehe das Neongelbe BVB-Hemd. Hersteller wie Nike kamen auf den Markt, vorher, in den 80ern, haben sich Puma und Adidas die Bundesliga mehr oder weniger untereinander aufgeteilt. In den Saisons 1981/82 und 1984/85 trugen 15 von 18 Teams Adidas.

Borussia war nicht dabei. Die spielte in Puma.

Appenowitz Richtig. Puma war ja schon seit Ende der 60er Jahre Schuhpartner von Borussia. Erst 1976 wurde Puma auch der offizielle Trikotpartner von Borussia. Davor trug Borussia Trikots von Erima oder Palme. Palme hat anschließend neben einigen anderen Textilherstellern bis in die frühen 80er Jahre die Trikots für Puma produziert. Darunter natürlich auch die ikonischen erdgas-Trikots mit den grün-schwarzen Streifen auf Schultern und Ärmeln, die ja bis zur Saison 1984/85 in unterschiedlichen Ausführungen getragen wurden. Mit der Einführung von textilen Kunstfasern in der Produktion verlagerte Puma seine Produktion nach und nach ins Ausland. Zur Saison 1985/86 trug Borussia das Trikot mit den schwarzen Schultern und den schrägen, schwarzen Nadelstreifen. Das ist eines der Borussen-Trikots, das mir mit am besten gefällt. Mein absolutes Lieblingstrikot ist jedoch das weiße Lotto aus der Saison 2004/2005, eben weil es so schlicht ist. Allerdings muss es das mit dem Kyocera-Schriftzug sein.

In den 70ern gab es aber etwas, was heute unmöglich wäre: Zuweilen hat Gladbach in Trikots der englischen Marke Umbro gespielt, obwohl Puma der Ausrüster war.

Appenowitz Unter anderem beim berühmten 12:0 gegen Dortmund spielte Borussia in Umbro-Trikots. Der Stuttgarter Sammler Ralf Burkhart hat mir die Geschichte erzählt. Er sammelt neben den Trikots des VfB auch die Hemden anderer Bundesligisten und der Nationalmannschaft. Er hat ein signiertes Trikot von Jupp Heynckes von diesem Spiel – und hat dann festgestellt, dass es gar kein Puma-Trikot ist. Im Kragen ist das Label von Umbro eingenäht und auf der Brust fehlt der Puma, was aber auch bei anderen Trikots damals durchaus öfter vorkam. Außerdem ist die Raute bei diesem Trikot invers. Man muss schon ganz genau hinschauen, auf den ersten Blick sind die Unterschiede kaum zu erkennen.

Wie kam es zu Gladbachs zeitweiligem Ausrüsterwechsel?

Appenowitz Auch wenn Puma ab dem Jahr 1976 der offizielle Trikotpartner war, bezog Borussia die Trikots nicht direkt von Puma, sondern über den örtlichen Sportfachhandel, wie das in der Zeit noch alle Bundesligavereine taten. In Gladbach war das Sport Erdweg, die sich in ihren Anzeigen im Fohlen Echo selber als Ausrüster von Borussia bezeichneten. Es gab keine so großen Produktionsumfänge wie heute, oftmals gab es von einem Trikot nur wenige Sätze pro Saison, da wachte der Zeugwart mit Argusaugen drüber. War ein Trikot weg oder kaputt, war damit oft auch der restliche Trikotsatz nicht mehr zu gebrauchen und wurde dann als Ersatzteillager für die anderen Sätze hergenommen. Darüber hinaus war Helmut Grashoff ja selber gelernter Textilkaufmann und ein sparsamer, hanseatischer noch dazu. Er holte sich immer wieder die besten und günstigsten Angebote ein, und so spielte Borussia zwischendurch halt mal in Umbro Trikots.

Das klingt regelrecht nach Trikot-Anarchie.

Appenowitz Das war es auch. Es gab Spiele von Mannschaften, da haben von zehn Feldspielern neun das gleiche Trikot an, nur einer ein anderes, weil der Trikotsatz nicht vollständig war und der Zeugwart sich nicht anders zu helfen wusste. Fiel ja nicht groß auf damals. Oder wenn der Werbepartner gewechselt wurde, wurde dann einfach der neue Schriftzug über den alten gebügelt und fertig. Heute ist alles ganz genau von der DFL geregelt, was die Trikots angeht.

Und es ist ein großes Geschäft für die Klubs. Borussias Rückkehr zu Puma in diesem Sommer dürfte demnach für neue Rekordzahlen sorgen?

Appenowitz Die Verkaufszahlen sind stetig gestiegen. Nehmen wir das Beispiel Gladbach. Borussia brachte den ersten Fanartikel-Katalog Anfang der 80er heraus – er umfasste drei Seiten, heute ist er über 100 Seiten stark. 2001 hat Borussia 15.000 Trikots pro Saison verkauft, in der Champions-League-Saison 2014/15 waren es schon mehr als 100.000 – plus 22.000 der extra herausgebrachten Champions-League-Hemden. Die Zahlen werden sich mit dem Einstieg von Puma sicher noch einmal verdoppeln lassen. Puma hat ein weit größeres Vertriebsnetz als die Vorgänger Lotto und Kappa. Kappa wurde ja auch beim BVB von Puma abgelöst, die Zahl der verkauften Trikots steigerte sich von dort von anfangs um die 100.000 bis 200.000 verkaufter Trikots pro Saison auf heute über eine halbe Million Trikots.

Das sind viele Zahlen. Aber es gibt auch Emotionen rund um die Trikots. Kann man es so sagen: Ihr Buch erzählt die Geschichte der Fußball-Bundesliga in Trikots?

Appenowitz Auf jeden Fall. Vor allem, weil es auch um die Trikotwerbung geht, die 1973 bei Eintracht Braunschweig begann. Die Geschichte mit Jägermeister ist allen Fußballfans hinreichend bekannt. Ich habe mir daher überlegt. die Geschichte derer zu erzählen, die unmittelbar nach Jägermeister kamen. Trikotwerbung ist bis heute ein Thema, das die Fans bewegt, siehe nur die Debatte in Gladbach um den gelben Balken vom Hauptsponsor Postbank.

Am Ende des Buches gibt es Biografien einiger Sammler – waren das ihre wichtigsten Quellen?

Appenowitz Auf jeden Fall. Ohne ihre Hilfe, wäre das Buch nie zustandegekommen. Da sind viele Jungs dabei, sie besitzen über 2000 Trikots, manche gar nur von einem einzigen Verein. Wichtig für die Sammler ist, dass die Herkunft eines Trikots belegbar ist, bzw. man nachweisen kann, dass darin  auch wirklich gespielt wurde. Gerade bei älteren Trikots ist das oftmals eine Herausforderung, weil anders als heute in den Bilddatenbanken nicht jedes Spiel mit Hunderten von Fotos dokumentiert wurde. Öfter als einem lieb ist, gibt es auch gar keine Fotos von einem gesuchten Spiel.

Wird es eine Fortsetzung geben?

... und das Umbro-Trikot desselben Jahres. Foto: Stefan Appenowitz
Borussias Puma-Trikot von 1978... Foto: Stefan Appenowitz
 Eintracht Frankurt 1981. Foto: Stefan Appenowitz
Eintracht Braunschweig 1975. Foto: Stefan Appenowitz

Appenowitz Das hoffe ich sehr. Bei vielen Geschichten konnte ich nur an der Oberfläche kratzen. Ich hoffe, dass wir in naher Zukunft  eine aktualisierte Ausgabe herausbringen können. Da werden dann auch Torwarttrikots ein eigenes Kapitel bekommen, die es diesmal noch nicht ins Buch geschafft haben. Auch der Geschichte mancher verschwundener Ausrüster möchte ich weiter nachgehen. Es gibt noch viele Themen und genug Stoff für einige weitere Kapitel. In England und Italien sind zum Beispiel Vereinstrikotbücher sehr populär. Ein Trikotbuch nur über Borussia-Trikots zu machen, steht daher auf meiner Wunschliste natürlich ebenfalls ganz oben.

(kk)
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