Borussia-Fan im Gespräch: "Sexistische Erfahrungen macht man am laufenden Band"

Weiblicher Borussia-Fan im Gespräch : "Sexistische Erfahrungen macht man am laufenden Band"

In einem Sonderzug für Gladbach-Fans soll ein 30-Jähriger eine junge Frau schwer sexuell missbraucht haben. Der Verein und die Fanszene reagierten geschockt. Ein weiblicher Borussia-Fan erzählt im Gespräch mit unserer Redaktion, wie sie Sexismus im Fußball begegnet.

In einem Sonderzug für Gladbach-Fans soll ein 30-Jähriger eine junge Frau schwer sexuell missbraucht haben. Der Verein und die Fanszene reagierten geschockt. Eine Borussia-Anhängerin erzählt im Gespräch mit unserer Redaktion, wie sie Sexismus im Fußball begegnet.

Svenja Hertkamp (Name geändert) war schockiert. "Vielleicht bin ich naiv, aber das hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt die 31-Jährige über den mutmaßlichen Vergewaltigungsfall in einem Sonderzug mit 750 Borussia-Fans auf dem Weg von München nach Mönchengladbach.

Hertkamp stand früher schon auf dem Bökelberg und ist Borussia in den vergangenen Jahren quer durch Europa hintergereist. Sie heißt eigentlich anders, will aber anonym bleiben. Begegnet ihr Sexismus im Fußball, erzählt Hertkamp, stelle sie sich auch mal offensiv dagegen — ob sie damit zu einem Umdenken beitragen kann, bezweifelt sie aber.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der mutmaßlichen Vergewaltigung im Sonderzug gehört haben?

Hertkamp 'Scheiße, das jetzt auch noch!' Ich hatte mit dem Fußball-Wochenende eigentlich abgeschlossen. Aber es war schwer, sich dem Thema zu entziehen. Zumal schnell klar war, dass nichts dramatisiert wird, sondern wirklich etwas passiert sein muss. Ich habe auch sofort an Leute gedacht, von denen ich wusste, dass sie im Sonderzug waren, bislang aber mit niemandem gesprochen.

Sind Sie selbst schon einmal in einem Fan-Zug zu einem Auswärtsspiel gefahren?

Hertkamp Bislang nur in den Entlastungszügen der Deutschen Bahn, nicht in einem klassischen Sonderzug. Das hat sich selten angeboten, weil ich nicht in Gladbach wohne.

Das Wort "Fan" ist männlich und es gibt keine weibliche Entsprechung. Wird Ihnen ständig vor Augen geführt, dass Sie klar in der Minderheit sind, wenn Sie sich im Fußball-Kontext bewegen?

Hertkamp Das kann man immer noch sagen. Ich glaube, es ist vielen Männern gar nicht bewusst, wie sich Frauen in der Fanszene bewegen — ob jetzt in meinem Freundeskreis oder im Stadion. Früher auf dem Bökelberg fing es alleine damit an, dass es nur zwei Damentoiletten hinter der Nordkurve gab, die auch noch unterste Kanone waren. Heute noch schauen einen super viele Männer fragend an: Ist sie nur ein Anhängsel? Findet sie die Spieler hübsch? Oder interessiert sie sich wirklich für Fußball? Bei Letzterem musst du als Frau immer noch irgendwie unter Beweis stellen, dass du Ahnung hast.

Haben Sie selbst richtig negative Erfahrungen gemacht beim Fußball?

Hertkamp Ich saß mal auswärts unter Heimfans und bin bei einem Tor für Gladbach aufgesprungen. Da hat mich ein Mann angerempelt, wurde aber von seinen Freunden sofort eingefangen: 'Ey, hör' auf, das ist eine Frau!' Das hat mich nachhaltig beeindruckt, in erster Linie natürlich negativ. Sonst bin ich konkret als Frau zum Glück noch nie angegangen worden.

Wie sexistisch nehmen Sie den Fußball im Allgemeinen wahr?

Hertkamp Sexistische Erfahrungen macht man im Stadion am laufenden Band, auf den unterschiedlichsten Ebenen. Da grapscht dir schon mal einer an den Hintern, wenn du durch die Kurve läufst. Das ist leider die Realität.

Sticht der Fußball da negativ hervor oder erleben Sie das in anderen Lebensbereichen genauso?

Hertkamp Das alles passiert auch in einer Disko, keine Frage. Aber der Fußball ist ein ganz besonders männerdominierter Ort, auch wenn immer mehr Frauen ins Stadion gehen.

Vor einigen Wochen gab es in einem Regionalzug den Fall, dass ein Borussia-Fan sich vor einer jungen Frau entblößt hat. Sehen Sie da strukturelle Probleme, ist das Zufall oder zumindest ein Anlass, sich mit dem Thema Sexismus im Fußball zu beschäftigen?

Hertkamp Das Thema Sexismus zu hinterfragen, lohnt sich immer, weil beides für sich nicht normal ist. Ich hoffe trotzdem, dass es zwei Einzelfälle sind und glaube das ehrlich gesagt auch. In der Form habe ich zum Glück noch nie etwas erlebt oder in meinem unmittelbaren Umfeld beim Fußball mitbekommen. Deshalb hat mich das am Wochenende auch so schockiert. Vielleicht bin ich naiv, aber das hätte ich nicht für möglich gehalten. Und es wäre sehr schade, wenn Eltern jetzt zu ihrer Tochter sagen: 'Du fährst nicht mehr zum Fußball!' Ich könnte es irgendwie auch verstehen, aber das löst das Problem ja nicht.

Seit ein paar Jahren verkaufen einige Vereine pinke Fanschals. Halten Sie solche Aktionen in irgendeiner Form für zielführend?

Hertkamp Ich finde es sogar kontraproduktiv, weil das unnötig Klischees bedient. Ich will zum Fußball gehen, Spaß haben und mir keine Gedanken darüber machen müssen, mit wem ich da juble — Mann, Frau, schwul, lesbisch, hetero, behindert oder nicht-behindert. Eigentlich ist es traurig, 2018 noch darüber reden zu müssen. Leider habe ich aber gerade die Ultras so wahrgenommen, dass sie nicht wirklich Frauen dulden, egal wie euphorisch sie sich zum Fußball und Verein bekennen.

Gibt es spezielle Borussia-Probleme, wenn es um Sexismus geht?

Hertkamp Das ist schwierig zu beantworten. Generell ist unsere Fanszene bunt gemischt und ich würde nicht sagen, dass es in irgendeiner Form extrem ist. Sexismus dürfte man in jeder Kurve erleben, bei einem Verein vielleicht mehr, beim anderen weniger.

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, um wirksam gegen Sexismus vorzugehen?

Hertkamp Insgesamt lässt die Präsenz von Frauen im Profifußball zu wünschen übrig. Ich kenne zum Beispiel bei Borussia keine Frau in einer herausgestellten Position, das sind alles Männer. Darüber hinaus fallen mir im deutschen Fußball momentan nur Bibiana Steinhaus als Schiedsrichterin und Claudia Neumann als Kommentatorin ein — und beide werden massiv angegangen, obwohl sie einen guten Job machen. Man kann die beiden ja kritisieren, wenn Sie eine schlechte Leistung zeigen - wie bei Männern auch. Aber es ging sofort unter die Gürtellinie. Als ich letztens beim Hertha-Spiel mitbekommen habe, wie Bibiana Steinhaus massiv beleidigt wurde, habe ich einem Fan auch die Meinung gegeigt. Ich bezweifle aber, dass ich in so einem Fall für ein Umdenken sorgen kann.

Jannik Sorgatz führte das Gespräch.

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