Borussia Mönchengladbach: Arie van Lent – ein Torjäger im Wohngebiet

Borussia Mönchengladbach: Arie van Lent – ein Torjäger im Wohngebiet

Am 22. Mai 2004 fiel mit Borussias Spiel gegen 1860 München der letzte Vorhang für den Bökelberg. Der Stürmer erzielte das letzte Tor.

Wo Arie van Lent sich früher durch den Spielertunnel gezwängt hat, ist es heute immer noch eng. Doch der Weg führt nicht mehr an Einlaufkindern, Ordnern und Fotografen vorbei. Zehn Jahre nach dem letzten Bundesligaspiel auf dem Bökelberg stehen dort Betonmischer und Baukräne. Eine der geschichtsträchtigsten Stätten des deutschen Fußballs ist ein Neubaugebiet der feineren Sorte. "Ich war seitdem nicht mehr hier", sagt van Lent, "bin nur mal vorbeigefahren." So geht es vielen Borussen, der alte Bökelberg ist alles andere als eine Pilgerstätte für Fußball-Nostalgiker geworden.

Am 22. Mai 2004 fiel der Vorhang in der Bundesliga, Borussia gewann 3:1 gegen 1860 München. "Zum Glück hatten wir uns eine Woche vorher gerettet", erinnert sich van Lent. "So konnten wir den Tag genießen. Das war sensationell." Borussias heutiger U19-Trainer schoss das letzte Tor, es war gleichzeitig sein letztes Spiel für den Verein. Flanke Ivo Ulich, Kopfball, drin – ein typischer Van-Lent-Treffer. "Mir war in dem Moment nicht bewusst, dass ich womöglich Geschichte schreibe. Ich wollte mich einfach vernünftig verabschieden", sagt der 43-Jährige. 78 Spiele hat er auf dem Bökelberg gemacht, 34 Tore geschossen.

"Die Zeit ist eben vorbei"

Mittlerweile ist der kleine Fußweg gefunden, der direkt vor die alte Nordkurve führt. Die Hälfte des Erdwalls steht noch. Eine Treppe führt hoch ins Wohngebiet, wo Häuslebauer die Anschrift "Auf dem Bökelberg" haben. Van Lent lehnt sich an einen Wellenbrecher, an dem ein Sticker mit dem Wort "Nordkurve" klebt. Offiziell erinnert nichts an das alte Stadion, in das 34.500 Zuschauer passten. "Das ist völlig in Ordnung", sagt van Lent, "diese Zeit ist eben vorbei." Wehmut ist dem gebürtigen Niederländer fremd.

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Beinahe hätte sich ein anderer letzter Torschütze auf die Stufen in der Nordkurve setzen und sich an den 22. Mai 2004 erinnern können. Martin Stranzl trug damals noch das Trikot der Münchner Löwen. Kurz vor dem Abpfiff zog er aus fast 30 Metern ab. Uwe Kamps, in seinem 390. und letzten Bundesligaspiel, schaute dem Ball hinterher, der an den Pfosten klatschte. "Uwe hat's geseh'n", skandierte die Nordkurve, "Uwe hat's geseh'n." Was ein wenig in Vergessenheit geraten ist: Genau ein Jahr später spielte Borussias U23 noch einmal gegen den Bonner SC in der Oberliga. René Schnitzler sorgte für den 5:0-Endstand. Danach war wirklich Schluss.

Zwei Spiele auf dem Bökelberg gebe es, sagt van Lent, heute Trainer der Gladbacher U19, auf die er immer wieder angesprochen werde. "2001 habe ich nach dem Wiederaufstieg das entscheidende Tor gegen die Bayern gemacht, die kamen als Champions-League-Sieger", erzählt er. Der zweiten Story hat das Borussia-Buch "Heimsieg per Post" sogar seinen Namen zu verdanken.

Anfang 2002 hatte van Lent einige Spiele nicht getroffen und zwischenzeitlich seine Schuhe in einer Tombola versteigert. Einen Tag vor dem Derby gegen den 1. FC Köln kam ein Paket bei van Lent an - der neue Besitzer hatte ihm die alten Treter zurückgeschickt. Mit einem Hattrick innerhalb von 14 Minuten erledigte van Lent die Kölner beim 4:0 fast alleine. Jener Derbysieg war eine der letzten Sternstunden des Bökelbergs, dessen Grundstück die Borussia vor 100 Jahren kaufte. Der Büchsenwurf gegen Inter Mailand, der Pfostenbruch gegen Werder Bremen, Uwe Kamps' vier gehaltene Elfmeter gegen Bayer Leverkusen - all das hat Geschichte geschrieben. "Die Gegner hatten alle ihre Probleme hier", sagt van Lent. "Alles war enger, der Platz immer ein bisschen tiefer." Bundesliga am Bökelberg sei heute nicht mehr denkbar, meint er und zupft ein wenig am Rasen, der noch verblieben ist. Im ehemaligen Mittelkreis steht jetzt ein Einfamilienhaus.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Van Lent besucht Bökelberg zehn Jahre nach letztem Spiel

(RP)